Interview mit Psychoanalytiker Schmidbauer: "Gewalt fasziniert letztlich jeden"

Der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, Autor des Buches "Altern ohne Angst", über den Reiz aggressiver Helden, Computerspiele und die Sucht nach Gewalt.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Schmidbauer, nach dem Amoklauf in Erfurt will Bundeskanzler Gerhard Schröder Gewaltszenen im TV-Programm eindämmen und den Kauf Gewalt verherrlichender Videos erschweren. Halten Sie das für sinnvoll?

Schmidbauer: Das ist ein Schritt, dessen Wirkung man nicht überschätzen sollte. Ich vergleiche den Konsum von Gewaltvideos mit dem Trinken von Alkohol. Alkohol ist gesellschaftsfähig und für viele Leute kein Problem. Aber es wäre wohl heute niemand so naiv zu behaupten, Alkohol sei völlig unschädlich. Manche Leute können mit Alkohol eben nicht umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen Gewaltvideos als eine Art Suchtmittel?

Schmidbauer: Ja. Entsprechend disponierte Jugendliche geraten beim Spielen in eine Art autohypnotischen Zustand und - wenn sie sich tatsächlich zu einer Gewalttat entschließen - in eine Art Rollentrance. Sie verhalten sich dann beispielsweise wie Kämpfer aus dem Computerspiel "Counter-Strike", das sie vorher intensiv im Internet gespielt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau wirken sich drastische Gewaltdarstellungen auf die jugendliche Psyche aus?

Schmidbauer: Wenn ein Jugendlicher, der normale Kontakte, Freunde, Erfolgserlebnisse hat, sich Killerspiele anschaut, ist das kein Problem. Wenn er aber massiv kontaktgestört ist, sich etwa in Beziehungen schnell unterlegen fühlt, ein Außenseiter ist, dann sind diese Spiele sehr gefährlich. Plakativ gesagt: Menschen, die nicht lieben können, wollen ihre Umwelt in hohem Maße kontrollieren, notfalls mit Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: Computerspiele, die Töten mit Siegen gleichsetzen, vermitteln ein Gefühl von Allmacht. Wird dadurch ein schwaches Selbstwertgefühl kompensiert?

Schmidbauer: Gewalt ist faszinierend, erregend, letztlich für jeden Menschen. Es gibt Jugendliche, die ein riesiges Zuwendungsbedürfnis haben, denen es aber nicht gelingt, in einen liebevollen Austausch mit anderen zu kommen. Diese Entbehrung führt im Laufe der Zeit zu einem Maß an innerem Elend, das sich andere Leute nicht vorstellen können. Solche Menschen entwickeln eine narzisstische Beziehungslähmung und gleichzeitig einen intensiven Neid auf die Beziehungen anderer. Sie wünschen sich, deren harmonische Welt zu zerstören.

SPIEGEL ONLINE: Offenbar sind vor allem männliche Jugendliche gefährdet.

Schmidbauer: Ich denke, dass Jungen viel weniger als Mädchen in ihrer Beziehungsfähigkeit gefordert und gefördert werden. Psychoanalytisch betrachtet: Jungen müssen sich entidentifizieren von der Mutter, sie müssen Männer werden, während Mädchen sich mit ihrer Mutter identifizieren können und dadurch früher Halt finden. Jungen brauchen akzeptable Männer-Vorbilder, und wenn es die nicht gibt in ihrer Umgebung, dann wird diese Lücke gefüllt von übermächtigen Superhelden.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn diese Helden letztlich große Zerstörer sind?

Schmidbauer: In der Identifizierung mit einem Helden, der alles zerstört, kann man seine Wut und Kränkung ganz gut loswerden.

SPIEGEL ONLINE: Diese Filme geben also der Aggressivität, die der Jugendliche nicht artikulieren kann, eine Form?

Schmidbauer: Ja - und scheinbar die Erlaubnis, gewalttätig zu sein. Während der Pubertät, einer Zeit großer Unsicherheit und heftiger Orientierungswünsche, ziehen sich Erwachsene oft zurück und sagen: 'Ich verstehe die Jugendlichen sowieso nicht.' Sie fungieren noch als Versorger, haben aber die Suche nach emotionalem Kontakt längst aufgegeben. Und dieses emotionale Vakuum füllen Computerspiele.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Lust an Zerstörung und Selbstzerstörung auch mit unterdrückter Sexualität zu tun?

Schmidbauer: Eine befriedigende Beziehung zu einer Freundin könnte einen potenziellen Täter vielleicht an seiner Tat hindern. Niemand bringt sich gerne um. Meistens ringen diese Leute lange mit ihrem Plan, Kleinigkeiten können sie darin bestärken, ihn durchzuführen oder aufzugeben. Alles, was die Wut und den Neid auf die anderen steigert, lässt sie noch mehr sozial verelenden.

SPIEGEL ONLINE: Und das animiert einige dazu, nicht mehr zwischen dem virtuellen Schießen am Computer und dem wirklichen Schießen auf Menschen zu unterscheiden?

Schmidbauer: Wenn die Einfühlung in andere unterentwickelt ist, fällt es schwer, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Und die Fiktion zeigt den wahren Schrecken von Gewalt ja nicht. In vielen Actionfilmen sind die Helden nie traumatisiert durch eine Gewalterfahrung. Die Frauen schreien, haben Angst und später Alpträume. Aber die Männer gehen cool weiter ihren Weg. Fragen Sie mal einen Polizisten, der in Notwehr einen Menschen erschießt, wie es ihm geht. Der ist für Wochen in einem Ausnahmezustand. Diese Wahrheit wird selten transportiert. Die fortlaufende Banalisierung und Verharmlosung von Gewalt setzt sich in den Köpfen von Jugendlichen fest.

SPIEGEL ONLINE: Actionfilme sind sehr erfolgreich. Haben wir ein wachsendes Bedürfnis nach Gewalt?

Schmidbauer: Natürlich. Unser Leben ist ja ziemlich langweilig. Genetisch sind wir als Jäger und Sammler programmiert. Früher rannte man vor einem Säbelzahntiger weg oder erlegte ihn. Der Wunsch, unsere Aggressionen in eine stimulierende, geleitete Phantasie umzuleiten, ist groß. SPIEGEL ONLINE: Nun kann man nicht jegliche Darstellung von Gewalt und Hass verbieten. Sollten Eltern den Konsum solcher Filme kontrollieren?

Schmidbauer: Wenn sie einen guten Kontakt zu ihrem Kind haben, ist das nicht nötig, es wird dann gar nicht so fasziniert sein. Von Verboten halte ich nichts. Aber ich wäre dafür, Gewaltvideos hoch zu besteuern. Mit dem Gewinn könnte man Sozialpädagogen in Schulen bezahlen. Solche Fachleute sind notwendig, wenn es beispielsweise zu einem Schulausschluss kommt.

Das Interview führten Angela Gatterburg und Marianne Wellershoff

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