Interview mit Rupert Neudeck "Die Uno muss in Aceh endlich in die Fläche gehen"

Seit Samstag ist der Chef der Organisation "Grünhelme e.V.“ und Gründer von “Cap Anamur", Rupert Neudeck, wieder aus der Krisenregion Aceh zurück. Im Interview schildert er seine Eindrücke und kritisiert die Arbeit der Uno. Diese habe es bisher nicht vermocht, in die entlegenen Gebiete zu kommen und staue die Hilfe an einem Punkt an.


Erfahrener Helfer Rupert Neudeck: "In der Fläche kommt von der Hilfe kaum etwas an"
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Erfahrener Helfer Rupert Neudeck: "In der Fläche kommt von der Hilfe kaum etwas an"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Neudeck, bis zum vergangenen Samstag waren sie einige Tage in der Krisenregion Aceh unterwegs. Wie hat sich die Lage für Sie dargestellt?

Neudeck: Die Lage in Aceh hat mich zutiefst geschockt und besorgt mich. Das Ausmaß der Zerstörung ist riesig und eigentlich kaum zu fassen. Die betroffene Region ist riesig und bis heute sind viele Teile der Küstenlinie noch gar nicht oder unzureichend versorgt.

SPIEGEL ONLINE: In den letzten Tagen wurde genau für dieses Phänomen einerseits die Uno als auch die indonesische Regierung kritisiert. Trotz der überwältigenden Hilfsbereitschaft scheint vor Ort nur wenig anzukommen.

Rupert Neudeck: Die Uno hat in Aceh leider einen schweren Fehler wiederholt, den sie schon oft begangen hat. Mit einem Gewaltakt schaffte sie Hilfsgüter in die Provinzhauptstadt Banda Aceh und stationierte sich dort selber mit einem Hauptquartier. Doch Banda Aceh ist nur eine der betroffenen Städte. Nun ballt sich dort die Hilfe und auch die Helfer, die aber in der Stadt kaum noch akute Aufgaben haben. Die Lager mit Lebensmitteln sind voll, doch in der Fläche kommt von dieser Hilfe kaum etwas an.

SPIEGEL ONLINE: Also hat das Konzept der Uno versagt?

Rupert Neudeck: Zunächst einmal war es gut, dass die Uno die Koordination übernommen hat und nicht die indonesische Regierung. Aber das Konzept war von vornherein falsch angelegt. Sinnvoll für die Geografie der Region wären fünf oder sechs kleinere Stützpunkte entlang der betroffenen Küsten. Von dort aus hätte man dezentral die Hilfe verteilen können und schneller alle Menschen erreichen können. Ich muss mich über die Uno immer wieder wundern. Von einem Koordinator erwarte ich mir einen vorausschauenden Plan. Was wir immer wieder sehen müssen, sind hektische Manöver, die sich schnell als sinnlos erweisen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin hat sich aber doch die Lage in Banda Aceh selber verbessert.

Rupert Neudeck: Doch: In Banda Aceh ist in den ersten zehn Tagen Erstaunliches geleistet worden. Das muß ich neidlos anerkennen. Aber diese Entwicklung hat zwei Seiten. Statt sich schnell mit dem Wideraufbau von Dörfern zu befassen, baut die Uno in diesen Tagen riesige Flüchtlingslager um die Stadt. Aus der Erfahrung wissen wir, dass dies Probleme aufwirft. Die Menschen sind schon nach einigen Wochen schwer aus den relativ bequemen Lagern heraus zu bekommen. Außerdem wirkt Banda Aceh schon jetzt wie ein Magnet, der mit seiner guten Ausrüstung Menschen aus der ganzen Region anzieht. Später wird es schwierig, diese Situation wieder rückgängig zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Bei aller Kritik an der Uno muss man in Aceh aber auch die indonesische Seite berücksichtigen. In den vergangenen Tagen kamen aus Jakarta unterschiedliche Stimmen, die einen Einsatz westlicher Helfer außerhalb von Banda Aceh untersagte.

Rupert Neudeck: Natürlich ist die Zusammenarbeit mit der Regierung nicht einfach. Allerdings habe ich vor Ort nichts davon gesehen, dass indonesische Soldaten Helfer an Fahrten aufs Land hinderten. Die Uno muss sich in solchen Situationen schlicht etwas geschickter verhalten. In einer Krise wie dieser muss man nicht immer nach einer Genehmigung fragen, um Aktionen zu planen. Wenn man mit einem Konvoi erstmal in der Provinz angekommen ist, wird einen sicherlich niemand mehr zurück schicken.

SPIEGEL ONLINE: Nach diesem Prinzip gehen regierungsunabhängige Helfer wie "Ärzte ohne Grenzen" recht erfolgreich vor. Sind diese für solche Einsätze besser geeignet?

Rupert Neudeck: Die Flutwelle in Aceh war mal wieder der beste Beweis, dass solche im Gegensatz zur Uno kleinen Organisationen am schnellsten und effektivsten helfen können. Statt lange zu verhandeln, waren sie sofort vor Ort und haben vielen Menschen geholfen. Die Planer der Uno sollten aus diesen Erfahrungen lernen.

Die Fragen stellte Matthias Gebauer



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