Sportler Shane Dorian "Big-Wave-Surfer sind Alphatiere"

Sturm "Herkules" hat an Frankreichs Riff von Belharra für Monsterwellen gesorgt. Surfer-Star Shane Dorian reiste eigens aus Hawaii an und ritt sie ohne Hilfe eines Jet-Skis. Im Interview spricht er über den Blick in den Abgrund, das Ego der Surfer - und die Wildschwein-Jagd mit Pfeil und Bogen.

Von

Laurent Pujol/ Billabong

Zur Person
  • Philomena Arrenberg
    Shane Dorian, 41, lebt auf Hawaii. Er ist der erfolgreichste Big-Wave-Surfer der letzten zehn Jahre. 2013 gewann er zum zweiten Mal nach 2008 den Billabong XXL Ride of the Year, den Oscar der Szene. Er gilt als der technisch beste Wellenreiter in potentiell tödlichen Bedingungen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Dorian, Sie flogen am Montag von Hawaii nach Frankreich, um die vom Sturm "Herkules" ausgelösten Monsterwellen zu surfen. Überwog nach der Ankunft die Müdigkeit oder die Euphorie?

Dorian: Ganz klar die Euphorie. Wobei ich in der Nacht auf Dienstag kaum schlafen konnte, ab zwei Uhr morgens lag ich wach und wartete auf den Tagesanbruch. Draußen hörte ich die Dünung auf den Strand krachen. Man konnte spüren, dass es ein heftiger Sturm war, der diese Wellen über den Ozean geschickt hatte. Als wir dann endlich mit dem Boot den Hafen von St. Jean de Luz verließen und die zwei Kilometer zum Riff von Belharra hinausfuhren, merkte ich, dass ich immer müder wurde. Ein schreckliches Gefühl.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem sprangen Sie ins Wasser.

Dorian: Ja, natürlich. Für diese Gelegenheit hatte ich schließlich 20.000 Kilometer zurückgelegt. Um 8.30 Uhr verließ ich das Boot und eine halbe Stunde später erwischte ich meine erste Welle.

SPIEGEL ONLINE: Belharra galt bisher als einer der Spots, deren Wellen nur mit Hilfe eines Jet-Skis gesurft werden können. Sie wollten jedoch beweisen, dass man diese Wasserberge allein mit Muskelkraft bezwingen kann.

Dorian: Ja. Tow-in-Surfen, also die Variante, bei der ein Jet-Ski den schon auf dem Brett stehenden Surfer mittels einer Leine in die Welle zieht, interessiert mich nicht mehr. Es ist zu einfach. Ich surfe lieber eine einzige große Welle auf traditionelle Art, als 50 per Jet-Ski. Die eine erpaddelte wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Der Moment, in dem man spürt, dass man sie erwischt, der Blick hinab in den haushohen Abgrund, kurz bevor man auf das Brett springt - all das fehlt, wenn man bereits stehend in die Welle gezogen wird. Dazu kommt, dass der Tow-in-Boom dazu führt, dass Leute sich überschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Anfang November hätte die Big-Wave-Surferin Maya Gabeira ihren Sturz auf einer gigantischen Welle in Nazaré, Portugal, fast mit dem Leben bezahlt.

Dorian: Riesenwellen wie Nazaré oder Belharra per Tow-in zu surfen, ist technisch nicht sehr anspruchsvoll. Man muss nur den Mut dazu haben. Doch wenn man stürzt, ist man in Lebensgefahr. Nicht jeder ist darauf vorbereitet. Das erscheint mir unverantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereiten Sie sich auf eine solche Situation vor?

Dorian: Beim Big-Wave-Surfen zählt die Psychologie: Man braucht Selbstvertrauen. Und das habe ich nur, wenn ich körperlich fit bin. Daher gebe ich alles für dieses Ziel: Ich trainiere sechs Tage die Woche, trinke keinen Alkohol und lebe gesund. Dazu kommt, dass ich auf Hawaii aufgewachsen bin und mich seit der Jugend in Riesenwellen zu Hause fühle.

SPIEGEL ONLINE: Offenbar nicht nur dort: Ihre zweite Passion ist die Jagd mit Pfeil und Bogen.

Dorian: Es gibt viele Parallelen zwischen dieser Jagdform und dem Big-Wave-Surfen: Man ist allein mit sich und einer übermächtigen Natur. Man braucht Geduld, Geschick und Mut. Und man kann wunderbar dabei entspannen. Wenn ich in den Bergen Hawaiis oder in Colorado Wildschweine jage, dann habe ich nichts dabei, außer meiner Waffe und einem leichten Schlafsack. So bin ich manchmal zehn Tage unterwegs. Das ist die beste Therapie.

SPIEGEL ONLINE: In letzter Zeit gab es öffentliche Auseinandersetzungen namhafter Surfer um die Frage, wie man Wellen messen soll und welcher Ritt als Weltrekord gelten darf. Wächst mit dem öffentlichen Interesse auch der Neid untereinander?

Dorian: Ja, definitiv. Big-Wave-Surfer haben fast immer riesige Egos. Das sind Alphatiere, Männer wie Frauen. Jeder will die beste Welle kriegen, jeder will im Rampenlicht stehen. Besonders in den USA und auf Hawaii. Hier in Europa ist es etwas anders. Es gibt mehr Kameradschaft untereinander. Als wir gestern in Belharra rauspaddelten, gingen die Jet-Ski-Fahrer sogar aus dem Weg. Alle begrüßten uns freundlich und warteten, bis unsere Paddel-Session beendet war. In Hawaii oder auf Tahiti wird man von den ganzen Tow-Teams fast umgefahren, wenn man ohne Jet-Ski draußen ist. Es ist das pure Chaos.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt in der Big-Wave-Szene den Mythos der 100-Fuß-Welle. Sie erklärten vor einigen Jahren, dass Sie sicher sind, in Ihrem Leben eine solche Rekordwelle zu surfen. Wie stehen die Chancen, dass Sie dies noch schaffen?

Dorian: Mir sind solche Zahlen mittlerweile völlig egal. Wenn sie vor mir auftaucht, dann werde ich sie anpaddeln. Aber nicht weil ich ins Guinness Buch der Rekorde will, sondern aus Liebe zum Surfen. Ich surfe aus Spaß - nicht um den Helden zu spielen. Und ich habe eine Verantwortung gegenüber meiner Familie. Ich will nicht ertrinken.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
prince62 11.01.2014
1. Die wissen nicht, wie wertvoll Gesundheit ist.
Zitat von sysopLaurent Pujol/ BillabongSturm "Herkules" hat an Frankreichs Riff von Belharra für Monsterwellen gesorgt. Surfer-Star Shane Dorian reiste eigens aus Hawaii an und ritt sie ohne Hilfe eines Jet-Skis. Im Interview spricht er über den Blick in den Abgrund, das Ego der Surfer - und die Wildschwein-Jagd mit Pfeil und Bogen. http://www.spiegel.de/panorama/interview-mit-surfer-shane-dorian-ueber-die-gefahr-des-wellenreitens-a-942922.html
Man kann es auch anders ausdrücken, das sind ausnahmslos dumme junge Menschen, die überhaupt noch nicht einschätzen können, wie wertvoll Gesundheit und Leben überhaupt sind, die glauben mit Sicherheit auch, daß sie ewig leben und verwechseln Jugend mit ewiger Gesundheit , die Krankenhäuser und Friedhöfe sind mit solchen Personen gut gefüllt.
raber 11.01.2014
2. Aplhatiere zum Zoo
Es ist schon etwas daran einige Personen als Alphatiere zu bezeichnen. Man kann auch auf solche Tiere verzichten, da sie nur ihr eigenes Interesse im Auge haben und dafür über Leichen gehen würden. Nein Danke! Allerdings ist Wellenreiten sehr schön und herausfordernd. Die Natur ist aber noch viel schöner, die ständig neue Wellen in allmöglichen Grössen, Richtungen und Farbnuancen produziert.
kahani84 11.01.2014
3. ach geil.
ich kann den typ und was er macht schon nachvollziehen. die eigene kraft, die wellen, der ganze kick, das sich selbst beweisen... aber die geschichte mit dem jagen mit pfeil und bogen macht mich sauer und traurig. ich denke, dass diese form der jagd häufig mit höherem leid für das tier verbunden ist. und das in kauf zu nehmen, für den eigenen kick, finde ich unmenschlich. -jetzt, wo wir andere techniken haben - ich weiss nicht ob das hier jemand nachvollziehen kann, ich hoffe ich stehe damit nicht alleine. ich wünsche ihm und seinen gejagten tieren natürlich perfekte blattschüsse, aber ich glaube, das ist selten der fall. vielleicht irre ich mich und die heute bogentechnik ermöglicht einen schnellen tod des tieres.
serene 11.01.2014
4. optional
Der Mann hat eine Frau und zwei kleine Kinder. Ich kann Leute nicht verstehen, die bewusst mit ihrem Leben spielen und scheinbar Schwierigkeiten haben zu verstehen, dass Leben fragil ist. Vielleicht steckt, neben grossem Egoismus, auch eine Art überstarkes Kontrollbedürfnis dahinter- bis man eben mal merkt, dass man keine Kontrolle hat. Für mich ist das eher trist...
hintensitzer 11.01.2014
5. Naja
Zitat von prince62Man kann es auch anders ausdrücken, das sind ausnahmslos dumme junge Menschen, die überhaupt noch nicht einschätzen können, wie wertvoll Gesundheit und Leben überhaupt sind, die glauben mit Sicherheit auch, daß sie ewig leben und verwechseln Jugend mit ewiger Gesundheit , die Krankenhäuser und Friedhöfe sind mit solchen Personen gut gefüllt.
Sie haben schon gelesen, wie alt Dorian ist, oder? Jemanden, der 41 ist als kleinen, dummen Jungen zu bezeichnen, halte ich für gewagt. Und da er seit seiner Kindheit auf Hawaii lebt, weiß er sicher ziemlich gut, dass er nicht ewig lebt, denn ich kenne keinen big-wave-surfer, der nicht schon mindestens einen Freund zu Grabe getragen hat. Jeder von ihnen weiß um die Gefahr, aber die Liebe zu den Wellen ist einfach größer. Das gilt es zu respektieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.