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Interview mit Uta Ranke-Heinemann: "Der Vatikan - ein frauenloses Terrarium mit vielen Homosexuellen"

In Rom konferiert der Papst mit amerikanischen Kardinälen über den Umgang mit Priestern, die sich an Minderjährigen sexuell vergangen haben. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sieht die ehemalige katholische Theologieprofessorin und eine der schärfsten Kritikerinnen des Vatikans, Uta Ranke-Heinemann, im Zölibat die Hauptursache für sexuelle Verfehlungen von Priestern.

SPIEGEL ONLINE:

Frau Ranke-Heinemann, die katholische Kirche hält derzeit Krisensitzungen, nachdem viele Fälle bekannt wurden, in denen Priester Minderjährige sexuell missbraucht haben. Zurzeit berät der Papst mit amerikanischen Kardinälen im Vatikan. Was erwarten Sie von Ihrer Kirche?

Uta Ranke-Heinemann: Überhaupt nichts. Die Kommissionen sind regelmäßig aus Claqueuren des Papstes zusammengesetzt. Also erwarte ich nichts.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie dem Papst und den Kardinälen empfehlen?

Ranke-Heinemann: Der Zölibat muss weg.

SPIEGEL ONLINE: Eine der Hauptforderungen des Kirchenvolksbegehrens von 1995 war ja die Abschaffung des Zölibats.

Ranke-Heinemann: Das kann man sich aber abschminken. Der Papst hat sich auf allen verwaisten Bischofssitzen geklont, so dass es mit der Totalvertreibung der Frauen und der Sexualfeindlichkeit, die unter Johannes Paul II. den Höhepunkt erreicht hat, immer so weiter gehen soll. Der Kirchenleitung geht es in erster Linie darum, den Zölibat aus der Schusslinie zu nehmen. Das hängt damit zusammen, dass durch die Totalvertreibung der Frauen aus allen Ämtern - inzwischen sind alle Hirten Männer und alle Frauen Schafe - der Vatikan zu einem frauenlosen Terrarium mit vielen Homosexuellen geworden ist.

Der Papst zitierte die US-Kardinäle in den Vatikan
REUTERS

Der Papst zitierte die US-Kardinäle in den Vatikan

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie zu der Behauptung, dass es einen hohen Anteil Homosexueller in der Kirchenleitung gibt?

Ranke-Heinemann: Wer keine Affären mit Frauen hat, hat beste Chancen, auf der kirchlichen Karriereleiter aufzusteigen. Das oberste Gebot für den gesamten Klerus ist nämlich: Keine Skandale mit Frauen. Die Struktur der katholischen Kirche begünstigt damit Homosexualität.

SPIEGEL ONLINE: Wenn dem so wäre, warum sollen homosexuelle Männer Schwierigkeiten mit dem Zölibat haben?

Ranke-Heinemann: Die Homosexuellen unter den Kirchenfürsten haben natürlich kein Problem mit dem Zölibat. Sie wollen im Gegenteil mit Zähnen und Klauen an ihm festhalten, um ihr ideales Biotop nicht zu verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Mehrzahl der Priester ist sicherlich heterosexuell.

Ranke-Heinemann: Durchaus. Sie haben unter der monosexuellen Struktur des Vatikan zu leiden, weil nur für sie die Aufhebung des Zölibats interessant wäre, für den Vatikan hingegen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen den Fällen sexuellen Missbrauchs von Kindern und dem Zölibat?

Ranke-Heinemann: Der Zölibat ist absolut unnatürlich. Die unnatürliche Einsamkeit, zu der ein Priester verdammt ist, äußert sich darin, dass ein Mensch Zuwendung und Wärme sucht und manchmal in falscher Richtung.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie damit, die Heirat wäre eine Therapieform gegen eine verfehlte Sexualität?

Ranke-Heinemann: Das würde ich so sagen. Denn es ist nicht gut, wie es schon im Anfang der Bibel heißt, dass der Mensch allein sei.

SPIEGEL ONLINE: Therapeuten führen die Päderastie nicht auf den Zölibat zurück, sondern auf eine psychische Störung. Den Tätern mangele es an Einfühlungsvermögen. Sie seien sexuell unreif und auf dem Stand von 12- bis 14-Jährigen.

Ranke-Heinemann: Diese Therapeuten sind päpstlich indoktriniert. Das ist ein Versuch, das Thema Zölibat als nicht zur Sache gehörend herunterzuspielen.

Petersdom in Rom: Der Papst nennt pädophile Priester Verbrecher
DPA

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SPIEGEL ONLINE: Mehrfach wurden Priester, die Schutzbefohlene sexuell missbraucht hatten, von ihren Bischöfen geschützt, indem sie in andere Gemeinden oder Diözesen versetzt wurden. Teilweise wurde Schweigegeld an Missbrauchte gezahlt. Wie erklären Sie sich, dass Priesterkollegen, Bischöfe und Kardinäle angesichts ihnen bekannter Fälle nicht längst aufgeschrieen haben?

Ranke-Heinemann: Weil die Devise war, alles unterm Deckel zu halten. Jetzt ist das öffentliche Geschrei so laut geworden, dass der Klerus Stellung nehmen muss. Rom fürchtet zudem enorme Schadenersatzforderungen angesichts der Prozesshungrigkeit der Amerikaner. Da können Summen auf den Vatikan zurauschen, die selbst Rom verängstigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es, dass zumindest in Teilen der katholischen Kirche pathologisches Sexualverhalten nicht als psychische Störung, sondern als moralische Verfehlung verstanden wird?

Ranke-Heinemann: Was hier pathologisch ist und was Sünde - in solche Feinheiten will ich mich nicht versteigen.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von einem Dekret der Glaubenskongregation in Rom vom Mai 2001, das eine Meldepflicht aller Fälle verlangt, in denen Priester sexuelle Straftaten begangen haben?

Ranke-Heinemann: Der Vatikan muss offensichtlich öffentlichem Druck nachgeben und sich dem Strafrecht beugen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich an der Ausbildung in den Priesterseminaren ändern?

Ranke-Heinemann: Ich bin dabei, das ganze Christentum in Frage zu stellen. Und wenn Sie mir jetzt mit Priestererziehung kommen, dann wüsste ich gar nicht, wo ich anfangen soll, es auf den Sperrmüll zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Was würde sich ändern, wenn Frauen in der Männergesellschaft der Kirchenleitung mehr Macht hätten?

Ranke-Heinemann: Wahrscheinlich gar nichts. Ich kann gar nicht verstehen, warum Frauen Priester werden wollen. Das Bluttrinken in Abendmahl und Messe zum Beispiel ist einer heidnischen Menschenopferreligion nach Steinzeitmuster entlehnt. Das Christentum sitzt seit geraumer Zeit auf dem falschen Dampfer.

Das Interview führte Alexander Schwabe

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