Interview mit Uta Ranke-Heinemann "Ich habe mich 26 Jahre über den Papst geärgert"

Uta Ranke-Heinemann sieht keine Chance, dass sich die katholische Kirche unter einem neuen Papst reformieren wird. Während des Pontifikats Johannes Paul II. habe sie zwar ihren Glauben verloren, sagt die streitbare Theologin im SPIEGEL-ONLINE-Interview, doch sein Tod habe ihr etwas Transzendentes anschaulich gemacht.


SPIEGEL ONLINE:

Frau Ranke-Heinemann, stündlich strömen 20.000 Menschen in den Petersdom, um von Johannes Paul II. Abschied zu nehmen. Am Freitag wird der größte Pilgerstrom in der Geschichte des Christentums in Rom erwartet. Wie erklären Sie sich dessen große Beliebtheit?

Ranke-Heinemann: Die Menschen kannten ihn. Sie denken, sie hätten täglich mit ihm gelebt, weil sie ihn jeden Tag im Fernsehen sahen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie seine Popularität allein auf seine Medienpräsenz zurückführen?

Ranke-Heinemann: Wichtiger noch ist, dass Gott, der Urheber des Universums, allen Menschen die Hoffnung auf ein glückliches Leben nach dem Tod einprogrammiert hat. Selbst wenn sich bei vielen Menschen ein Gebirge von Hoffnungslosigkeit darüber gelagert haben mag. Das ist mir beim Sterben Johannes Paul II. anschaulich geworden.

SPIEGEL ONLINE: Sein Tod rührt auch Sie an?

Ranke-Heinemann: Nachdem ich mich 26 Jahre über diesen Papst geärgert habe, habe ich mich bei seinem Tod mit ihm versöhnt. Ich habe unter seinem Pontifikat zwar den Glauben verloren und meine, dass das Christentum weithin ein Irrtum ist - nicht jedoch die christliche Jenseitshoffnung. Liebe und Hoffnung sind bei mir geblieben. Bei seinem Sterben sah ich, was die eigentlichen Menschheitsprobleme und Hoffnungen sind: die Endlichkeit, die Vergänglichkeit des Menschen, aber seine Hoffnung auf ein ewiges Leben, auf ein Wiedersehen mit den geliebten Toten.

SPIEGEL ONLINE: Freuen Sie sich schon darauf, den Papst im Himmel wiederzusehen?

Papst Johannes Paul II.: "Da ist etwas Transzendentes"
REUTERS

Papst Johannes Paul II.: "Da ist etwas Transzendentes"

Ranke-Heinemann: Ich will nicht anfangen zu phantasieren, doch ich habe den Eindruck, dass der Papst zuerst Maria trifft, die mit ihren mindestens sechs Geschwistern Jesu ihm entgegenkommt. Diese Geschwister sind ja im Neuen Testament genannt, wurden jedoch zum Schutz von Marias Jungfräulichkeit mit einem päpstlichen Insektizid theologisch abgetrieben. Doch ich nehme diesen päpstlichen Irrtum nicht so tragisch. Ich habe mich ja auch oft geirrt.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden Sie dem Papst im Himmel begegnen, sollten sie ihn treffen? Was werden Sie ihm sagen?

Ranke-Heinemann: Es ist doch nicht so, dass ich mich nun nach ihm verzehre. Ob ich dem Papst etwas sagen werde, weiß ich nicht. Mein ganzes Sehnen geht dahin, meinen Mann wiederzusehen und meine Mutter.

SPIEGEL ONLINE: Bleiben wir im Diesseits. Welche Reformen muss der neue Papst dringend angehen?

Ranke-Heinemann: Reformen stehen in der Kirche zwar an, werden aber nicht erfolgen. Denn die Unfehlbarkeit der Vorgänger-Päpste hindert das selbständige Denken der Nachfolger-Päpste. Die katholische Situation ist total verfahren wegen der Frauen- und Sexualfeindlichkeit. Die beiden größten Kirchenspaltungen (zwischen Ost- und Westkirche 1054 und anlässlich der Reformation Luthers um 1520) sind wegen der Frauenvertreibung, wegen des Zölibats erfolgt. Danach hat die Einschärfung des Zölibats seitens der Gegenreformation dazu geführt, dass in wachsendem Maße Homosexuelle den hohen Klerus übernommen haben, die den Zölibat bestimmt nicht abschaffen werden, um jetzt plötzlich zu heiraten. Daher wird es eine Spaltung zwischen dem Klerus oben und den Leuten unten geben: Oben die Hirten, unten die Schafe. Die Frauen, ohnehin nichts anderes als Schafe, werden die Männerkirche in Scharen verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie eigentlich katholisch geworden?

Kardinäle in Rom: "Reformen wird es nicht geben"
DPA

Kardinäle in Rom: "Reformen wird es nicht geben"

Ranke-Heinemann: Darin zeigt sich meine damalige Unbildung. Mein Mann, mit dem ich seit meinem 17. Lebensjahr 56 Jahre unzertrennlich gewesen bin, war katholisch. Ich dachte, alle Katholiken seien so sanft und tolerant wie er. Auch fand ich die katholische Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe gut, denn ich bin total monogam. Später sah ich, dass diese Lehre in der katholischen Kirche nicht wegen der ehelichen Liebe hochgehalten wurde, sondern wegen der Sexualfeindlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Kann man eine Weltkirche mit mehr als einer Milliarde Mitgliedern anders als zentralistisch führen?

Ranke-Heinemann: Wohl kaum. Doch diese zentralistische Regierung hat sich von der Hälfte der Menschheit, den Frauen nämlich abgelöst und von den heterosexuellen Männern ebenfalls, weil diese sich nicht unbedingt dem Zölibat und Mönchtum verschreiben. Das Universum ist auf Paarbildung angelegt, wie der Nobelpreisträger James Watson richtig sagt.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich dann, dass nun so viele am Leichnam des Papstes vorbeiziehen, darunter sehr viele Frauen?

Ranke-Heinemann: Das ist etwas anderes. Da sehen die Menschen nicht mehr die Kontroversen, sondern sie spüren: Da ist etwas Transzendentes, etwas am Ende Gültiges, etwas Endgültiges.

Gläubige stehen vor dem Petersdom Schlange: "Weil sie ihn jeden Tag im Fernsehen sahen"
DPA

Gläubige stehen vor dem Petersdom Schlange: "Weil sie ihn jeden Tag im Fernsehen sahen"

SPIEGEL ONLINE: Dieser Papst hat also etwas geschaffen, was jenseits der Lehre und der Moral steht?

Ranke-Heinemann: Das hat er tatsächlich. Ich habe es allerdings mit Kopfschütteln empfunden, dass er sagte: 'Auch Jesus ist ist nicht vom Kreuz herabgestiegen'. Wie kann man den grausamen Kreuzestod, durch den wir angeblich erlöst sein sollen, mit einem normalen Sterben vergleichen?

SPIEGEL ONLINE: Weil der Papst wie jeder Mensch - und wie auch der Mensch Jesus - den bitteren Kelch des Todes trinken musste?

Ranke-Heinemann: Nein, das Sterben Jesu ist etwas ganz anderes. Dass man blutig erlöst wird und das ganze Leben in Messe und Abendmahl Blut trinken und Menschenfleisch essen muss, ist doch furchtbar. Ich werfe dem Papst vor, dass er das Leiden verherrlicht. Er war für die besonders Frommen weithin gegen die Palliativmedizin. Bevor er Papst wurde, ging er in Polen in die Krankenhäuser, um die besonders leidenden Krebskranken zu besuchen. Er hat sie gebeten, ihre Schmerzen ihm zu opfern.


SPIEGEL ONLINE: Er selbst hat seine Schmerzen öffentlich gemacht und das Sterben ein wenig aus der Tabu-Zone geholt.

Ranke-Heinemann: Ja, schon. Das Sterben wird in unserer Gesellschaft weg geschoben. Als ich nach dem Tod meines Mannes schwarz trug, bekam ich lediglich zu hören: 'Schwarz steht Ihnen besonders gut'. Ich habe mich nach dem Tod meines Mannes vollkommen zurückgezogen. Ich lebe in einem leeren Haus mit 10.000 Büchern. Schlafen kann ich schlecht, seit ich vor 50 Jahren - übrigens mit Kardinal Ratzinger - in München promoviert habe.

Ratzinger: "Von hoher Intelligenz"
REUTERS

Ratzinger: "Von hoher Intelligenz"

SPIEGEL ONLINE: Sie kennen Joseph Kardinal Ratzinger, einer der potenziellen Papstnachfolger, persönlich? Wäre er ein guter Papst?

Ranke-Heinemann: Ratzinger ist mir ein Rätsel. Er ist von hoher Intelligenz und war der Star unter den Studenten damals. Wir haben zusammen lateinische Thesen übersetzt. Aber er hatte schon immer diese Aura eines Kardinals: hochintelligent bei Abwesenheit jeglicher Erotik. Er war es übrigens nicht, der mir den Lehrstuhl weggenommen hat. Dazu ist er viel zu intelligent. Ich bin an der Primitivtheologie der deutschen Lokalbischöfe gescheitert.

SPIEGEL ONLINE: Wird es der neue Papst schwer haben, weil er ständig an Johannes Paul II. gemessen werden wird?

Ranke-Heinemann: Sollte der nächste Papst auch 26 Jahre lang ein Show-Papst sein, dann werden ihn auch alle in ihr Herz schließen. Wenn er stirbt, wird auch er ein lieber Bekannter sein, der weggeht.

Das Interview führte Alexander Schwabe



Forum - Was hat dieser Papst der Welt gebracht?
insgesamt 457 Beiträge
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Seite 1
Julia B., 11.04.2005
1. Ein großer Verlust.
Ein großer Mann ist von uns gegangen. Wie leider so häufig wurde vielen erst im Augenblick des Verlust klar, wie viel er ihnen bedeutete. Erstaunlich ist, daß Papst Johanns Paul II. gerade bei der jungen Generation so "gut ankam": Gerade die Kinder der 68er, denen welche die Friede-Freude-Eierkuchen-Scheinmoral bestenfalls als Beliebigkeit, schlimmstenfalls als Heuchelei wahrnimmt, hatte hier eine Persönlichkeit gefunden, welche "anders" war: Klar in seinen Ansichten - selbst wenn diese den jungen Menschen nicht immer gefielen. Doch "Politiker", die A sagen und B tun (und vice versa) und dieses Verhalten dann als "liberal" sublimieren, kennt die junge Generation zu Genüge. Und sucht offenbar nach Wahrhaftigkeit. Johannes Paul II. war einer, der sagte, was er meinte, und der meinte, was er sagte.
Henner Dehn, 11.04.2005
2.
Herr Merl, ich Verherrlichung des verstorbenen Papstes und die der katholischen Kirche kann man nicht mehr ernst nehmen. Da wundert es nicht, wenn immer wieder religiöser Fanatismus jedweder Art diskutiert wird. Untermauern tun Sie Ihre Haltung durch Verleugngung wissenschaftlicher Fakten.Es fehlen Ihnen dazu Gegenargumente. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich Ihre Beitraege nicht mehr ernst nehme und Ihnen dazu auch nicht persönlich antworte.
Julia B., 11.04.2005
3. Aufgaben für die Zukunft
Eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft wird die Ökumene sein - aber nicht, wie sie in Westeuropa und insbesondere in Deutschland verstanden wird, zwischen Katholiken und Protestanten, sondern auch zwischen Katholiken und russisch-orthodoxen Christen. Es war auffällig, daß als einziger wichtiger Staatschef (außer China) der russische Präsident Putin bei den Beisetzungsfeierlichkeiten fehlte. Eine andere Aufgabe, die noch nicht hinreichend gelöst ist, ist der Kampf gegen Pädophilie innerhalb der Katholischen Kirche. Hier wurde bereits energisch vorgegangen, aber noch nicht energisch genug. Insbesondere scheint die Kurie noch nicht die Tragweite des Problems begriffen zu haben: Sonst hätte etwa Bernard Kardinal Law, der beschuldigt wird, pädophile Priester gedeckt zu haben, heute keine Novendiali-Messe zelebrieren dürfen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,350746,00.html Dieses Vorgehen zeigt, vorsichtig ausgedrückt, mangelndes Fingerspitzengefühl.
Julia B., 11.04.2005
4. Kein Fanatismus
Wenn von "Verherrlichung" des verstorbenen Heiligen Vaters Johannes Pauls II., gesprochen wird und der Gefahr des "religiösen Fanatismus", so trifft dies nicht die Sache: Viele Menschen haben schlichtweg erkannt, daß ein GROSSER MANN von uns gegangen ist. Daß unter den vielen Trauergästen nicht nur Katholiken und Vertreter anderer christlicher Konfessionen waren, sondern auch etwa Vertreter des Judentums und des Islam zeigt, daß es sich gerade nicht einfach um "fanatische Katholiken" handelte, die trauern. Fidel Castro hat übrigens auch seine Trauer bekundet.
Henner Dehn, 11.04.2005
5.
Julia B. Das bezieht sich auf eine bestimme Person Frau B. Nicht auf die Allgemeinheit. Ihnen allerdings täte eine kritischere Haltung auch ganz gut. Im übrigen ein bisschen sehr viel, was Sie einstellen. Da verliert man eher die Lust, das noch alles zu lesen.
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