"Vatileaks"-Autor Nuzzi "Der größte Feind des Papstes ist das Geld"

Die neuen Enthüllungen von "Vatileaks"-Autor Gianluigi Nuzzi sorgen für Aufregung, katholische Hardliner wollen ihn "aufknüpfen". Im Interview erzählt Nuzzi, was ihn selbst am meisten empört.

Papst Franziskus: "Augen auf beim Anlegen von Geldern, schaut auf Moral und Risiko"
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Papst Franziskus: "Augen auf beim Anlegen von Geldern, schaut auf Moral und Risiko"

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Zur Person
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    Gianluigi Nuzzi, 1969 in Mailand geboren, ist investigativer Journalist und Autor zweier viel beachteter Bücher über den Vatikan: "Vatikan AG", in dem er die Finanzgeschäfte des Heiligen Stuhls unter die Lupe nimmt, und "Seine Heiligkeit. Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI.", in dem er Dokumente aus dem Privatbesitz des Papstes zeigt, die ihm von dessen Kammerdiener Paolo Gabriele zugetragen wurden. Auch in seinem neuen Buch "Alles muss ans Licht" enttarnt er mithilfe geheimer Dokumente Misswirtschaft, Betrug und Inkompetenz im Vatikan.
Mit der Veröffentlichung neuer brisanter Dokumente aus dem Vatikan hat Gianluigi Nuzzi ein zweites "Vatileaks" ausgelöst. Was der italienische Investigativjournalist über das Finanzgebaren der römischen Kurie ans Licht bringt, bestätigt die schlimmsten Erwartungen:

  • So ist das auf 2,7 Milliarden geschätzte Immobilienvermögen des Heiligen Stuhls in den Bilanzen mit gerade mal 389 Millionen veranschlagt.
  • Der Pensionsfond wurde geplündert und weist ein Defizit von bis zu 800 Millionen Euro auf.
  • Mindestens 93 Millionen Euro tauchen gar nicht in den Bilanzen auf.
  • Es liegen Hunderttausende von Euros auf Konten, die auf die Namen längst verstorbener Päpste laufen.
  • Der berühmte Peterspfennig - also das Geld aus Spenden und Kollekten - wird kaum für karitative Zwecke, sondern überwiegend zum Stopfen von Finanzlücken genutzt.
  • Waren im Wert von 1,6 Millionen Euro verschwanden aus Vatikan-Lagern.
  • Die Mehrzahl der Kardinäle residiert nicht wie Papst Franziskus auf 50 Quadratmetern, sondern auf bis zu 524 - teilweise für 20 Euro im Jahr.

Mit SPIEGEL ONLINE sprach Nuzzi über die Folgen des Skandals, der schon jetzt zu großer Aufregung im Vatikan und zwei Festnahmen geführt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen sich mit Ihren Enthüllungen gerade mal wieder Feinde. Der Direktor des katholischen Senders "Radio Maria" nannte Sie einen Judas und erklärte, er würde Sie am liebsten aufhängen. Werden Sie häufig bedroht?

Gianluigi Nuzzi: Nein, im Gegenteil, ich erhalte sehr viel Zuspruch auch aus Kirchenkreisen. Die meisten haben verstanden: Wenn ein Spiegel hässliche Dinge zeigt, dann ist das nicht die Schuld des Spiegels. Schließlich ist es Franziskus selbst, der Ermittlungen angestoßen hat.

SPIEGEL ONLINE: Welches der von Ihnen veröffentlichten Dokumente erachten Sie selbst als das wichtigste?

Nuzzi: Ohne Zweifel die Ergebnisse der päpstlichen Untersuchungskommission COSEA vom Februar 2014. Sie belegen unmissverständlich, wie weit verbreitet Misswirtschaft, Verschleierung und Betrug im Vatikan sind. Was mich besonders erzürnt, ist die äußerst fragwürdige Verwaltung des Immobilienvermögens. Da leben Kardinäle quasi mietfrei auf 500 Quadratmetern, während der Papst aus seiner 50-Quadratmeter-Bleibe heraus mehr Bescheidenheit und eine Kirche der Armen fordert. Dann der ungeheuerliche Umgang mit dem sogenannten "Peterspfennig": Gläubige spenden weltweit Geld für die Bedürftigen - und dann wird das Geld heimlich genutzt, um Löcher in den Bilanzen zu stopfen.

SPIEGEL ONLINE: Der Umgang mit dem Peterspfennig zeigt auch, wie renitent einige Verantwortliche sind, wenn es um die Aufdeckung ihrer Bilanzen geht. Einige Körperschaften weigerten sich ihren Nachforschungen zufolge, dem päpstlichen Ermittler Auskunft zu geben und versuchten, die Sache auszusitzen. Andere, wie die "Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse" konnten noch nicht einmal Rechnungs- und Buchungsbelege über Millionenbeträge vorweisen.

Nuzzi: Ja, da gibt es ein aufrüttelndes Schreiben der Ermittler an den persönlichen Assistenten des Papstes, in dem sie die mangelnde Kooperation des Staatsekretariats und der Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls beklagen.

SPIEGEL ONLINE: Beim Lesen entsteht der Eindruck, dass die Mehrzahl der Akteure im Finanzsektor des Vatikans vollkommen unfähig ist.

Nuzzi: Es gibt eine erhebliche Inkompetenz - und es gibt Trägheit. Und auf der Basis von Dummheit und Trägheit setzen einige ihre Interessen durch. Der Papst sagte dazu 2013 in einem heimlich mitgeschnittenen, sehr eindeutigen Appell an die Kurie: "Wenn wir nicht einmal auf unser Geld aufpassen können, das man sehen kann, wie sollen wir dann die Seelen der Gläubigen hüten, die man nicht sehen kann?"

SPIEGEL ONLINE: Franziskus berichtet auch von Investitionen der Kirche in die Waffenproduktion und fordert: "Augen auf beim Anlegen von Geldern, schaut auf Moral und Risiko, wenn es heißt: Hier gibt es hohe Zinsen, also was soll's". Mit solchen Tipps versetzt der Papst seine Widersacher im Vatikan in Unruhe. Ist es legitim, von einem Krieg gegen den Papst zu sprechen?

Nuzzi: Die Mitarbeiter des Papstes sehen das so, und ich glaube, es ist nicht übertrieben. Man muss sich vor Augen führen, dass bisher sämtliche Versuche, die Kurie zu reformieren, gescheitert sind - das zeigt, wie mächtig die Verhinderer sind.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist der größte Feind von Franziskus?

Nuzzi: Das Geld. Sie dürfen nicht vergessen, dass große Interessen im Spiel sind. Gerade ermittelt der Vatikan gegen Giampietro Nattino, den Eigentümer der Bank Finnat. Ihm wird vorgeworfen, die APSA, die Güterverwaltung und Zentralbank des Vatikans, genutzt zu haben, um in großem Stil Geld zu waschen und Insiderhandel zu betreiben.

SPIEGEL ONLINE: Die römische Staatsanwaltschaft hat gerade ermittelt, dass die skandalgeschüttelte Vatikanbank IOR 40 Jahre lang ohne gültige Lizenzen gearbeitet hat. Sollte man das "Institut für die religiösen Werke" endlich schließen?

Nuzzi: Nein, das geht nicht. Der Vatikan braucht ja eine Bank. Es gibt die Idee, den IOR in eine ethische Bank zu wandeln - da muss ich lachen, weil das ja wohl ein Widerspruch in sich ist - eine soziale, moralisch vertretbare Bank! Nein, ich denke, man muss dafür sorgen, dass das Institut transparenter wird, dass endlich alle Konten geschlossen werden, von denen man nicht weiß, wem sie gehören. Wenn behauptet wird, dass alle Konten von Privatleuten inzwischen gelöscht wurden, dann ist das eine Lüge. Es gibt Fortschritte, aber es geht sehr langsam voran.

SPIEGEL ONLINE: Die Unternehmensberaterin Francesca Chaouqui und der Wirtschaftsexperte Lucio Ángel Vallejo Balda - beide Ex-Mitglieder der päpstlichen Untersuchungskommission - wurden drei Tage vor Erscheinen Ihres Buches festgenommen. Der Vorwurf: Dokumentendiebstahl.

Nuzzi: Auf die Veröffentlichung eines Buches mit Handschellen zu reagieren, halte ich für völlig indiskutabel. Meine Quellen haben mir Fotokopien von Unterlagen zur Verfügung gestellt, die sich bereits in ihrem Besitz befanden, weil sie beruflich damit zu tun hatten. In meinem Fall kann also von Diebstahl gar keine Rede sein. Im Vatikan gibt es mehr Festnahmen wegen Dokumentendiebstahls als wegen Pädophilie. Das sollte uns zu denken geben.

SPIEGEL ONLINE: Wieso vertrauen sich Informanten Ihnen an?

Nuzzi: Sie wollen, dass die Dinge ans Licht kommen. So einfach ist das. Und dafür riskieren sie ihre Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Informant Paolo Gabriele, einst Kammerdiener von Papst Benedikt XVI., gab Ihnen 2012 Geheimdokumente. Er wurde festgenommen, verurteilt und später vom Papst vorzeitig aus der Haft entlassen. Bereut er es, zum Whistleblower geworden zu sein?

Nuzzi: Nein, er hat mir versichert, dass er weiter davon überzeugt ist, das Richtige getan zu haben. Benedikt XVI. hat ihm vergeben und schickt ihm ab und zu Geschenke.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
ruman 10.11.2015
1. Gott wird von Kirchen, Klerus in allen Religionen zwangsprostituiert.
Solang die Leute dafür bezahlen und nicht erkennen, dass Gottes Ansprache kostenlos ist und keine Zuhälter braucht, wird mit den Gottsuchenden weiter Schindluder getrieben. Und sie merken nicht dass sich Gott entzieht und sie es nur mit einer Plastikpuppe zu tun haben, aus der die Luft entweicht, welch Wunder.
Kunerich 10.11.2015
2. Werte
"Mehr Festnahmen wegen Dokumentendiebstahls als wegen Pädophilie" Eine religiöse Organisation vertritt doch Werte. Aus diesem Grund wurde sie doch eigentlich sogar gegründet. Was sagt das über eine Organisation aus, wenn der Diebstahl von Papier für sie schwerer wiegt als selbst Pädophilie?
chilischweiz 10.11.2015
3. Widerstand gegen Franziskus...
... geht es dabei um den richtigen Glauben und seine Kirche oder um deren Finanzen? Das ist doch der eigentliche Thema bei all dem Wirbel um Vatileaks. Den Kirchenvertretern ist nichts Menschliches fremd und sie werden viel dafür tun, damit das auch so bleibt. Das sieht nach einem Kompress aus, mit dem Franziskus und die Anderen leben können.
Jérôme1F 10.11.2015
4. Vatikanstaat
Es passt doch wohl nicht mehr in die heutige, dass sich der Vatikan anmaßt ein souveräner Staat zu sein, der nach Belieben Menschen verhaften und ins Gefängnis stecken kann. Der Vatikan sollte zuallererst seinen Anspruch auf Staatlichkeit aufgeben und sich in weltlichen Dingen dem italienischen Rechtswesen unterstellen.
dorok 10.11.2015
5. Trifft den Kern
"Im Vatikan gibt es mehr Festnahmen wegen Dokumentendiebstahls als wegen Pädophilie. Das sollte uns zu denken geben." Das trifft den Kern und verdeutlicht klar die Prioritäten. Und um es klar zu sagen: Das ist nicht nur im Vatikan so! Auch anderswo wird Steuerbetrug oder Gelderveruntreuung härter bestraft als Kindesmissbrauch. Auch das sollte uns zu denken geben. (Tut es aber offensichtlich nicht, wie wir tagtäglich erleben können)
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