Franziskus' Bewerbungsrede: "Eine Abrechnung mit Benedikt"

Schon jetzt hat der neue Papst mehr erreicht als sein Vorgänger in acht Jahren, urteilt der Theologe Georg Schwikart. Franziskus' nun veröffentlichte Rede vor dem Konklave richte sich auch gegen Benedikt und den Stillstand in dessen Amtszeit.

Papst Franziskus vor der Amtseinführung: "Seht her, hier kommt ein Reformer!" Zur Großansicht
AFP

Papst Franziskus vor der Amtseinführung: "Seht her, hier kommt ein Reformer!"

SPIEGEL ONLINE: Herr Schwikart, was vor dem Konklave gesagt wird, bleibt normalerweise streng geheim. Trotzdem hat Papst Franziskus jetzt seine Bewerbungsrede veröffentlichen lassen. Was bedeutet das für die Kirche?

Schwikart: Das ist unüblich und für kirchliche Verhältnisse geradezu revolutionär. Franziskus ist insofern einen Schritt auf die moderne Informationsgesellschaft zugegangen. Aber es strickt natürlich mit an seinem Image: Seht her, hier kommt ein Reformer!

SPIEGEL ONLINE: Ist er das denn nicht? Ein Reformer?

Schwikart: Ich könnte mir vorstellen, dass die Herren in Rom unter Reformen etwas anderes verstehen als wir. An viele Probleme, die für uns im Westen wichtig sind, will dieser Papst ja offensichtlich gar nicht herangehen - an Themen der Ökumene, die Rechte Geschiedener, die Stellung der Frau. Die soziale Frage steht für Franziskus viel mehr im Vordergrund.

SPIEGEL ONLINE: Was macht der neue Papst richtig?

Schwikart: Er sieht, dass in der Kirche etwas getan werden muss. Das unterscheidet ihn wesentlich von Josef Ratzinger, der die Kirche nur weitergeführt hat, wie sie war. Da hat Franziskus in drei Wochen schon mehr geschafft als Benedikt in acht Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Bergoglio hat seine Rede vor dem eigentlichen Konklave gehalten - jeder Kardinal wusste also, auf was er sich einlässt. Ist Franziskus' Wahl auch ein Statement für den Wandel?

Schwikart: Keiner dieser Kardinäle ist aufgeklärt, wie wir uns das im Westen wünschen. Die sind alle grundkonservativ, sonst wären sie nicht Kardinal geworden. Bergoglios Rede war eben auch eine Abrechnung mit Benedikt. Er sagt: Die letzten acht Jahre sind wir nicht vom Fleck gekommen. Jetzt muss einfach etwas passieren. Alle sehen, dass die Kirche gerade abgehängt wird, sie wirkt wie von einem anderen Stern. In dieser Situation sagt Bergoglio: Die Kirche muss wieder mehr in die Gegenwart der Menschen hinein.

SPIEGEL ONLINE: Der Münchner Kardinal Marx kritisierte kürzlich das "Hofstaat-Gehabe" der Kurie. Zu recht?

Schwikart: Erst mal muss man natürlich sagen, dass Kardinal Marx selber auch nicht die personfizierte Bescheidenheit ist. Aber recht hat er schon: Die Kurie beschäftigt sich gern damit, wer welchen Posten bekommt. Und es ist ja auch ganz normal - das sind alles alte Männer, die zum Ende ihrer Karriere gut versorgt sein wollen.

SPIEGEL ONLINE: Warnt Franziskus auch deshalb in seiner Rede vor der "um sich selbst kreisenden Kirche"?

Schwikart: Hören Sie doch nur mal zu, worüber Geistliche und Theologen so reden: Da geht es immer nur um die Kirche selbst. Man kommt nicht mehr aus dem Gotteshaus oder dem Gemeindezentrum heraus. Kirchen sind in der westlichen Welt zu einer Freizeitveranstaltung für die Mittelschicht geworden. Aber was ist mit denen, die sich von der Kirche abgewandt haben oder nie Kontakt zu ihr hatten? Und dabei geht es gar nicht in erster Linie darum, die Kirche als Institution zu verkaufen - sondern um ihre Botschaft. Um diesen eigenen Blick auf die Welt: Gott nimmt jeden an, egal, ob er krank oder drogensüchtig ist, reich oder arm.

SPIEGEL ONLINE: Er wünsche sich eine "arme Kirche für die Armen", hat Franziskus kürzlich gesagt. Ist der Mann ein Radikaler?

Schwikart: Wissen Sie, Jesus hat mit zwölf Männern zusammengelebt, als armer Wanderprediger. Das war radikal, aber dahin will und kann keiner zurück. Insofern ist es doch Augenwischerei, dass Franziskus in einfachen Verhältnissen leben will. Dass er die U-Bahn benutzt, nicht in den Apostolischen Palast einzieht- sicher sind das wichtige Zeichen. Aber ich bin nicht davon überzeugt, ob da noch viel mehr kommt.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest auf symbolischer Ebene scheint noch einiges zu gehen. Zuletzt wollte Franziskus Häftlingen in einem Jugendgefängnis die Füße waschen.

Schwikart: Natürlich, das ist ein Zeichen. Der Papst scheut sich nicht, diese Leute anzufassen. Das ist sehr im Sinne Jesu. Und ein viel bedeutsameres Zeichen, als wüsche man Priestern die Füße, wie Ratzinger das getan hat.

SPIEGEL ONLINE: Was können wir vom neuen Papst noch erwarten?

Schwikart: Ich denke, zuerst wird er im Vatikan aufräumen. Wer sitzt da auf welchem Posten? Wem schenkt er sein Vertrauen, wem entzieht er die Macht? Franziskus wird außerdem weitere Symbole im Sinne der Einfachheit ablegen, so wie schon die roten Schuhe und den päpstlichen Umhang, die Mozzetta. Vielleicht wird er sich ein bisschen offener äußern zur Frage, ob Katholiken Kondome benutzen dürfen. Schon Benedikt hatte da ja vorsichtig Zugeständnisse gemacht. Aber dass Franziskus die Kirche auf den Kopf stellt - dafür fehlt mir die Phantasie.

Das Interview führte Rainer Leurs

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 227 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
marinero7 28.03.2013
Zitat von sysopAFPSchon jetzt hat der neue Papst mehr erreicht als sein Vorgänger in acht Jahren, urteilt der Theologe Georg Schwikart. Franziskus' jetzt veröffentlichte Rede vor dem Konklave richte sich auch gegen Benedikt und den Stillstand in dessen Amtszeit. http://www.spiegel.de/panorama/interview-theologe-georg-schwikart-ueber-rede-von-papst-franziskus-a-891557.html
Na hoffentlich hat er wie Johannes Paul II seine eigenen Köchinnen mitgebracht und damit Chancen die ersten 33 Tage zu überleben...
2. Existenz Gottes
guayaquil 28.03.2013
Lieber Spiegel! Fragen Sie doch solche Interviewpartner, warum sie an 1 Gott glauben! Wie sie die Grundlagen der Religionen beweisen können, insebsondere wie sie beweisen wollen, daß Jesus wirklich Gottessohn wa/ist. Mit welcher Logik sie es erklären, daß ein Gottessohn es nötig hatte, sich an's Kreuz nageln zu lassen. Wie sie beweisen wollen, daß die Bibel wirklich Gottes Wort ist und nicht der Phantasie irgendwelcher Männer entsprang! Es gibt doch so präzise Grundsatzfragen und Zweifel, die solche Interviewpartner mal intelligent ausräumen könnten, wenn es denn überhaupt möglich ist. Dieses obige Interview ist verlorene Zeit.
3. Wir werden sehen was passiert.
didiastranger 28.03.2013
Sollte der Herr sich als Spruchbeutel herausstellen lacht die ganze Welt ueber die Kirche. Es waere schade. Da gibt es doch einen Satz: Haette er geschwiegen waere er ein Philosoph geblieben.
4. Ich denke das ist ein Anfang auf den richtigen Weg...
bitboy0 28.03.2013
... Zölibat, Umgang mit geschiedenen Menschen, Frauen und Laien in der Kirche usw. sind aus meiner Sicht zwar sehr wichtig, aber eigentlich nicht der Kern von Kirche. Das sind die Folgen der Ausrichtung die die Kirche in langer Zeit eingenommen hat. Insofern ist es wichtig jetzt erst mal den Glauben an Jesus und die Botschaft von der Erlösung wieder in die Mitte zu rücken. Ich würde mir wünschen das aus diesem Wechsel der Blickrichtung dann auch andere Themen angegangen werden können! Denn Jesus hat vorurteilsfrei jeden Menschen mit dem gleichen Respekt behandelt und ihm war egal ob jemand ausgebildeter Theologe oder eine Hure war. Allerdings ist die Kirche wie ein voll beladener Megatanker; Es dauert gefühlt sicher Ewigkeiten bis der Kurs sich sichtbar ändert selbst wenn man jetzt sofort das Ruder herumreißt. Die Gesten des Papstes sind sicher nicht falsch, auch wenn ich es teilweise für nicht wirklich für nötig halte. Ich - als Mittglied einer Freien evangelischen Gemeinde - bin gespannt ob sich auf lange Sicht daraus etwas wirklich gutes entwickeln wird.
5. Respekt vor dem Glauben Einzelner
gunnarqr 28.03.2013
Das ja, aber nicht vor Religionen die Alleinvertretungsanspruch durchsetzen wollen. Im 21. Jahrhundert ist das überholter Aberglaube
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Papst Franziskus
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 227 Kommentare
Zur Person
  • Uwe Birnstein
    Georg Schwikart, Jahrgang 1964, studierte Religionswissenschaft, Theologie und Volkskunde. Als er 2010 zum Diakon gemacht werden sollte, lehnte der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner die Weihe wenige Wochen vor dem geplanten Termin ab. 2011 trat Schwikart zur evangelischen Kirche über. Heute lebt er als Schriftsteller in Sankt Augustin bei Bonn.

Fotostrecke
Papst Franziskus: Füßewaschen in Gefängniskapelle
Santa Marta statt Apostolischer Palast