Interview zur Hungersnot in Niger "Sie aßen die Blätter von den Bäumen"

Zuerst kamen die Heuschrecken, dann die Dürre, nun die Flut. Die Katastrophenmanagerin Hanna Schmuck vom Roten Kreuz fürchtet, unter den Millionen Hungernden in Niger könnte Cholera ausbrechen. Im SPIEGEL ONLINE-Interview übt sie scharfe Kritik an der nachlässigen Haltung des Westens gegenüber Afrika.


Hungersnot in Niger: "Es braucht Monate, bis kleine Kinder wieder auf die Beine kommen"
REUTERS

Hungersnot in Niger: "Es braucht Monate, bis kleine Kinder wieder auf die Beine kommen"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Schmuck, Sie arbeiten seit Monaten in Westafrika und waren in Niger. Wie sieht es vor Ort aus?

Schmuck: Wir hatten bereits im August, September 2004 von unseren Rot-Kreuz-Gesellschaften in Niger, Mali und Burkina Faso Schreiben und Anrufe bekommen, dass eine riesige Heuschreckenplage drohe. Als ich im Dezember Niger besuchte, waren die Heuschrecken bereits eingefallen. Viele der Felder waren total leer gefressen. Wir sahen, wie Frauen die Blätter von Bäumen und Sträuchern pflückten, um etwas zu essen zu haben. Da war klar, dass eine große Hungersnot bevorsteht.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich diese Heuschreckenplage vorstellen?

Schmuck: Es ist ein beeindruckendes Naturschauspiel - mit schlimmen Folgen. Die Sonne verdunkelt sich, dann geht alles sehr, sehr schnell. Der Schwarm stürzt sich auf ein Feld und frisst es binnen zweier Stunden ratzeputz weg. Die Leute sind rausgerannt und haben versucht, die Insekten mit Kochtopfgeklapper zu vertreiben. Doch das war erfolglos. Wenn alles leer gefressen ist, erhebt sich der Schwarm und fliegt zum nächsten Feld.

SPIEGEL ONLINE: Im Krisengebiet sind auch Dörfer von den Heuschrecken verschont worden. Kann sich die Bevölkerung nicht gegenseitig helfen?

Schmuck: Die gegenseitige Hilfe reicht bei weitem nicht aus. Denn der ganze Landstrich leidet unter einer chronischen Nahrungsmittelkrise. Viele Männer haben die Dörfer verlassen, Frauen und Kinder zurückgelassen, um im Süden des Landes oder in den Städten nach Arbeit zu suchen. Oft kommt es dort zu Konflikten mit den Ortsansässigen, weil auch die nicht genug zu essen haben.

SPIEGEL ONLINE: Nach den Heuschrecken kam die Dürre...

Schmuck: ...die hat der mickrigen Ernte vollends den Rest gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Menschen auf diese beiden Naturkatastrophen reagiert?

Schmuck: Sie sind auf die Märkte gegangen und haben alles verkauft. Den Schmuck zuerst, dann ihre gebrauchte Kleidung und sogar ihre Töpfe. Das Vieh haben sie zu Schleuderpreisen hergegeben, um etwas Bargeld für Hirse zu haben. Die Viehpreise sind um das Dreifache gesunken. Hirse ist inzwischen dreimal so teuer wie sonst.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen haben Zugang zu Hilfsorganisationen?

Schmuck: Die Lage ist im Moment unübersichtlich. Jetzt, da vor allem in Niger sehr viele Kinder sterben, kommen immer mehr Hilfsorganisationen rein. Klar ist nur, von den zwölf Millionen Einwohnern in Niger brauchen rund 3,6 Millionen dringend Hilfe. In Mali und Burkina Faso sind nach letzten Schätzungen rund 20 Prozent der Bevölkerung von der Hungerkatastrophe betroffen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Dörfer, in denen gehungert wird und von denen noch keine Hilfsorganisation weiß?

Schmuck: Das kann gut sein. Denn inzwischen haben in manchen Gebieten der Sahel-Zone heftige Regenfälle eingesetzt. Erst kam die Dürre, dann die Flut. Manche Dörfer erreicht man nicht, weil die Straßen unpassierbar sind. Sie sind von aller Hilfe abgeschnitten. Die Bewohner sind zu schwach, um abzuwandern.

SPIEGEL ONLINE: Droht durch den Regen die Gefahr einer Epidemie?

Schmuck: Das ist unsere große Sorge. Durch verschmutztes Wasser kann es zum Ausbruch der Cholera und anderen Epidemien kommen. Wir versuchen mit mobilen Gesundheitsstationen Erste Hilfe zu leisten.

SPIEGEL ONLINE: Hilft der Regen wenigstens, um die nächste Ernte zu garantieren?

Schmuck: In manchen Gebieten vielleicht. In anderen nicht, da es auch an Saatgut fehlt.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, bis Hilfsorganisationen das Saatgut und genügend Nahrung ins Land bringen, könnten noch Monate vergehen.

Schmuck: Auch wenn die Nahrung spät ankommt, ist sie dringend nötig. Denn wer so lange gehungert hat, braucht lange, um sich wieder zu erholen. Es braucht Monate, bis kleine Kinder, die vor Schwäche nicht einmal mehr laufen können, wieder auf die Beine kommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum kommt die Hilfe so spät?

Schmuck: Wir haben Alarm geschlagen, aber nur wenige haben reagiert. Westafrika erfährt sehr wenig internationale Unterstützung. In anderen Regionen der Welt ist dies anders. Ich arbeitete in Südasien, da gab es viel mehr Geld. Hier in Afrika ist es zum Verzweifeln.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es, dass Afrika so vernachlässigt wird?

Schmuck: Es gibt wohl ein Problem in der westlichen Mentalität. Man sagt sich: "Die Afrikaner schlagen sich eh die Köpfe ein. Die sollen das selber regeln!" Ich kann mich nur wundern. Für ein Erdbeben in Indien bekommt man innerhalb von Tagen ein paar Millionen. Und wenn wir hier in Afrika einen internationalen Appell machen, bekommen wir kaum Geld dafür.

SPIEGEL ONLINE: Vor wenigen Wochen versuchten Starmusiker auf den Live-8-Konzerten immerhin gegen die Armut in Afrika anzusingen.

Schmuck: Davon hat man hier nicht viel mitbekommen. Ich habe ein paar kritische Artikel in afrikanischen Zeitungen gelesen. Die Kommentatoren sagten: "Wir brauchen keine Musik, wir brauchen stabile demokratische Regierungen!" Die Leute hier setzten aber sehr große Hoffnungen auf den G-8-Gipfel in Edinburgh. Doch dann kamen die Terroranschläge von London - und das Thema Afrika war vom Tisch.

Das Interview führte Alexander Schwabe



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.