Investments mit Senioren Frau Greiners Kampf ums liebe Geld

Irmgard Greiner ist 92 Jahre alt, mehr als sechs Jahrzehnte lang vertraute sie ihre Ersparnisse der Commerzbank an. Bis man ihr eine besonders lukrative Anlage empfahl - Laufzeit 20 Jahre. An ihr Geld kommt sie frühestens mit 108. Nun hat die pensionierte Lehrerin dem Geldinstitut den Kampf angesagt.

Von , Dortmund

Irmgard Greiner: "Dass man nicht aufrichtig war, das ärgert mich am meisten"
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Irmgard Greiner: "Dass man nicht aufrichtig war, das ärgert mich am meisten"


Die Türklingel hört sie nicht. Versunken hantiert Irmgard Greiner in ihrem Häuschen in Dortmund-Kirchhörde herum. Die Wintersonne zwängt sich durch die kahlen Baumkronen im Garten ins bollerwarme Wohnzimmer, Katze Muschi trollt sich auf dem dunkelbraunen Sofa. Hier saß Irmgard Greiner vor vier Jahren, kurz vor ihrem 88. Geburtstag, mit einer Beraterin der Commerzbank.

An jenem Nachmittag riet die Bankberaterin Irmgard Greiner, sie solle ihr Geld in einen sogenannten geschlossenen Flottenfonds investieren: 40.000 Euro, aufgeteilt auf drei verschiedene Gesellschaftsverträge, verwaltet von einer Treuhandgesellschaft, ohne ordentliche Kündigungsmöglichkeit. Letzteres erfuhr Irmgard Greiner an jenem Nachmittag nicht, sagt sie. Es steht aber in dem 66-seitigen Erklärtext. Irmgard Greiner hört schlecht, kann aber gut sehen, auch ohne Brille. Doch für das Kleingedruckte blieb an jenem Nachmittag keine Zeit, sagt sie.

"Der Kauf der Anlage war der ausdrückliche Wunsch von Frau Greiner", entgegnet die Bank. "Sie wollte das Geld langfristig anlegen, da es keine Erben gibt und das Vermögen im Erbfall in eine Stiftung eingebracht werden sollte." Die Beraterin habe "gemeinsam mit der Kundin alle Vor- und Nachteile der Anlage abgewogen. Dabei ging es gerade auch um die lange Laufzeit der Anlage. Irmgard Greiner hat sich nach der umfangreichen Beratung entschieden, einen geringen Teil ihres Vermögens fest in dieser Beteiligung anzulegen."

Laut Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes (BGH) müssen zwischen der Übergabe eines solchen Prospektes und dem Abschluss mehrere Tage liegen. Doch Irmgard Greiner wickelte die Anlage an jenem Nachmittag ab - so wie sie es bis dahin immer getan hatte, ohne Rücksprache mit anderen Personen, ohne externe Beratung.

Nach Angaben der Bank gab es "mehrere Gespräche", außerdem habe Irmgard Greiner - wie jeder Kunde - "die Zeichnung von Beteiligungen grundsätzlich innerhalb von 14 Tagen widerrufen" können. "Frau Greiner blieb damit genügend Zeit, ihre Entscheidung zu überdenken", heißt es von Seiten der Bank.

Mehr als sechs Jahrzehnte lang vertraute Irmgard Greiner erst der Dresdner Bank, nach der Übernahme dann der Commerzbank. Gemeinsam mit ihrem Ehemann hatte sie all ihr Erspartes dort hingetragen und angelegt, wurde Geld fällig, investierte sie umgehend neu. Weil es keine Erben gibt, beschloss sie nach dem Tod ihres Ehemannes: Wenn auch sie stirbt, soll ihr gesamtes Vermögen, etwa 500.000 Euro, in eine Stiftung fließen, die die Commerzbank gründen und verwalten sollte - für SOS-Kinderdörfer und einen Kriegsgräberverein. Bis dahin aber wollte Irmgard Greiner allein über ihr Geld verfügen. Das war ihr wichtig.

Vielleicht weil Irmgard Greiner nur zu gut weiß, wie es ist, kein Geld zu haben. Ihr Vater fiel im Krieg, er hatte sich und seine Familie nicht ausreichend versichert, so musste ihre Mutter in einer Ziegelei hart arbeiten - für sich und die drei Kinder. Als am 4. April 1945 um 9 Uhr eine Bombe ihr Elternhaus zerfetzte und ihre Mutter und ihre beiden Schwestern tötete, stand Irmgard Greiner, 25 Jahre alt, im Klassenzimmer vor ihren Schülern und unterrichtete gerade Mathematik.

"Ich hatte nur noch das, was ich am Leib trug", sagt Irmgard Greiner. Die 92-Jährige sitzt in einem Sessel, die Hände im Schoß gefaltet, ihre blauen Augen schimmern glasig. "Ich war ganz auf mich allein gestellt." Bei Bekannten, die in Niedersachsen, in der erzkatholischen Diaspora, einen Bauernhof hatten, fand sie Arbeit auf dem Feld und kümmerte sich um deren Kinder. Geld bekam sie dafür nicht, "aber ich bekam etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf."

"Ich habe mich auf die verlassen"

Nach dem Krieg, 1946, unterrichtete sie dort auf dem Land 120 Kinder, ohne Bücher, ohne Stift und ohne Papier. 1951 heiratete sie einen Dortmunder Chemiker. Die Ehe blieb kinderlos. "Wir haben für unsere Arbeit gelebt und sie 150-prozentig ausgefüllt", sagt Irmgard Greiner und lächelt.

Mit ihrem Ehemann lebte sie bescheiden. Sie gingen nicht ins Theater, nicht ins Kino oder ins Restaurant, aber immer auf Reisen. Mit dem Auto erkundeten sie Europa, sie flogen nach Japan, Australien und Kanada, einmal blieben sie für sechs Monate in den USA.

Souvenirs aus aller Welt erinnern in dem freistehenden Einfamilienhaus an jene Ausflüge, im Regal brüllt stumm ein Porzellan-Leopard neben einem Harlekin aus Ton. Die Bücher stapeln sich bis zur Decke, große, schwere Bildbände und Autobiografien russischer und englischer Schriftsteller neben Klassikern der deutschen Literatur. Irmgard Greiner hat sie alle gelesen und zieht sie immer wieder aus dem dunklen Eichenschrank hervor. Dann klappt sie ihr Etui auf, setzt die Brille auf und liest.

Sie macht sich Vorwürfe, dass sie vor vier Jahren die 66 hauchdünnen Seiten der Fondsanlage nicht intensiv studiert hat. Einerseits. Andererseits macht sie der Bank Vorwürfe. "Dass man mich so reingelegt hat und nicht aufrichtig war, das ärgert mich am meisten", sagt sie. Sie habe nur gute Erfahrungen mit den Beratern der Commerzbank gemacht. "Ich habe mich auf die verlassen, ihnen vertraut."

Auf die Schliche kam die Rentnerin der Bank, weil die Schmerzen in den Beinen heftiger, das Laufen beschwerlicher wurde. Sie dachte darüber nach, sich eine Pflegekraft ins Haus zu holen, jemanden, der bei ihr einzieht, sie 24 Stunden rund um die Uhr betreut. "Das ist teuer", sagt Irmgard Greiner und macht ein ernstes Gesicht. Ihr Herzenswunsch sei es, in ihren eigenen vier Wänden zu sterben.

Irmgard Greiner machte Kassensturz - und stieß auf die suspekte Geldanlage, die in Form von drei Schiffen nun im Atlantik herumschippert. Erst jetzt verstand sie, dass sie eine Wertanlage von mindestens 20 Jahren abgeschlossen hatte - und sie erst an ihr Geld gelangen würde, wenn sie 108 Jahre alt ist.

Mündliche Verhandlung im Frühjahr

Entrüstet setzte sie sich an ihren Schreibtisch am Fenster, Blick zur Straße, und tippte auf der alten Schreibmaschine einen Brief an die Bank. Doch die Kündigung der Anlage kam zurück, das Geld sei fest angelegt und das Geld könne nicht vor 2027 ausgezahlt werden, hieß es. Zwei weitere Male versuchte es Irmgard Greiner, formulierte höflich und argumentierte klug. Erst im letzten Brief sprach sie eine Frist aus. Die Bank lehnte weiterhin eine Rückzahlung ab. "Die Beraterin hat sich bei der Beratung absolut korrekt verhalten", sagt die Bank heute.

Nachbarn, die für Irmgard Greiner einkaufen und sich um sie kümmern, empfahlen ihr, die Verbraucherzentrale einzuschalten. Dort stieß sie auf Zuhal Wegmann, Fachanwältin für Bank- und Kapitalmarktrecht. Diese riet, Irmgard Greiner solle zur Schlichtung den Ombudsmann des Bankenverbandes einschalten. Ein Verfahren, das in der Regel nur eine Briefmarke kostet.

"Frau Greiner war damals 91 Jahre alt, ich hielt das für das schnellste und kostengünstigste Verfahren", erinnert sich Rechtsanwältin Wegmann. Sie habe nicht geglaubt, je wieder von der Sache zu hören. Das Beschwerdeverfahren ging tatsächlich zugunsten der alten Dame aus, der Ombudsmann ordnete die Rückabwicklung der 40.000 Euro an. Irmgard Greiner sagt, den Zinsschaden hätte sie in Kauf genommen. Doch die Commerzbank willigte nicht ein. "Die Empfehlung des Ombudsmanns stützte sich weder auf die Laufzeit des Fonds noch betraf sie das Alter der Käuferin", sagt die Bank rückblickend.

Am 25. Oktober 2011 reichte Irmgard Greiner Klage ein, zog ihr gesamtes Vermögen aus der Bank, brachte es zu einer anderen. Im Frühjahr kommt es nun zu einer mündlichen Verhandlung. Die Zeit läuft. Rechtsanwältin Wegmann hofft, dass Irmgard Greiner noch zu Lebzeiten zu ihrem Recht kommt. Es gebe viele Möglichkeiten, eine Lösung zu finden, mit der beide Parteien leben können. "Dieser Fall ist unglaublich: Frau Greiner war über 60 Jahre lang Kundin bei dieser Bank, hatte all ihr Geld dort und hätte nach ihrem Ableben alle Rechte an sie überschrieben und sie als Verwalter ihres Erbes eingesetzt."

In dieser Dimension möge der Fall Greiner eine Ausnahme sein, ähnliche gebe es jedoch zu zuhauf, sagt Wegmann. "Gerade ältere Bankkunden, die sich auf die Beratung verlassen, werden schnell zum Opfer." In der Branche würden sie "A- und D-Kunden" genannt - alt und doof.

Irmgard Greiner ist guter Dinge. Auf dem Weg zur Haustür scheucht sie Katze Muschi über den Teppichboden. Eines schmerzt die 92-Jährige noch mehr als die eigene Gutgläubigkeit. Dass sie die Verfügungsgewalt über einen Teil ihres Geldes verloren hat.



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