Italienisches Mittelmeer Mehr als 400 Bootsflüchtlinge gerettet

Allen Gefahren zum Trotz wagen immer wieder afrikanische Migranten die Fahrt über das Mittelmeer. Die italienische Marine rettete jetzt erneut mehr als 400 Bootsflüchtlinge vor der sizilianischen Küste - an Bord waren auch rund 80 Kinder.

Migranten auf einem italienischen Küstenboot (Archivbild)
AFP

Migranten auf einem italienischen Küstenboot (Archivbild)


Rom - Wenige Wochen nach zwei Flüchtlingsdramen mit Hunderten Toten vor der italienischen Küste hält der Zustrom in das Land weiter an. In der Nacht zum Sonntag griff die italienische Marine mehr als 400 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer vor Sizilien auf, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Die Menschen wurden nach Augusta in Sizilien gebracht.

Bei den Flüchtlingen handelte es sich überwiegend um Afrikaner, darunter auch rund 80 Kinder. In diesem Jahr sind bereits mehr als 36.000 Bootsflüchtlinge an den italienischen Küsten angekommen. In den vergangenen Wochen hatten Einsatzkräfte insgesamt mehr als 1200 Menschen im Mittelmeer gerettet und nach Lampedusa oder Sizilien gebracht.

Auch nach dem Tod von mehr als 400 Migranten bei zwei Schiffbrüchen vor der Insel Lampedusa Anfang Oktober wagen immer wieder Afrikaner die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer. Anfang des Monats waren bei der Havarie eines Flüchtlingsbootes 360 Menschen ertrunken. Rund 440 Flüchtlingen hatten sich auf einem Holzboot gedrängt. Viele von ihnen kamen aus Somalia und Eritrea. Wenige Tage später war erneut ein Schiff mit Flüchtlingen aus Afrika gesunken.An Bord waren Hunderte Menschen, mehr als 30 starben.

Trotz der Flüchtlingsdramen sieht Europa keinen Anlass zu einer Änderung im Umgang mit Asylbewerbern. In der Abschlusserklärung des Brüsseler Gipfels kündigte die EU zwar "konsequente Maßnahmen" an, um solche Tragödien zu verhindern. Es ist aber keine grundlegende Neuausrichtung in Bezug auf die Verteilung von illegalen Einwanderern auf andere EU-Länder vorgesehen.

Scharfe Kritik an EU-Beschlüssen

Die meisten EU-Regierungen - darunter Deutschland - sind nämlich mit dem bestehenden System einverstanden: Die Dublin-II-Verordnung legt fest, dass das EU-Land zuständig ist, in dem der Schutzsuchende zuerst europäischen Boden betreten hat. Das führt dazu, dass Flüchtlinge, die etwa aus Italien nach Deutschland kommen, dorthin abgeschoben werden. In der Gipfel-Erklärung taucht das Thema Dublin-II nicht auf.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, man habe "eine lange Diskussion über die Flüchtlingspolitik" geführt, alle Beteiligen seinen "tief bestürzt". Eine Task-Force solle nun auch kurzfristige Maßnahmen ergreifen und die EU-Grenzschutzagentur Frontex stärken.

Die Beschlüsse der EU werden nun scharf kritisiert: Der Europareferent der Organisation Pro Asyl, Karl Kopp, sprach am Samstag im WDR von einem "vollkommen herzlosen und kalten Dokument". Kopp kritisierte, er sehe in dem in Brüssel beschlossenen Dokument lediglich "Betroffenheitserklärungen", die "vollkommen unglaubwürdig" seien.

Mehr Offenheit für die Aufnahme von Flüchtlingen verlangte auch der frühere Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU). Seiters, der heute Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ist, forderte die Bundesregierung auf, sie solle "Deutschlands Grenzen ein Stück weit lockern". Anders als in den neunziger Jahren gebe es heute keine "Überforderung der Bundesrepublik und der europäischen Staaten".

lgr/dpa/AFP

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