Artenschutz durch Jäger Warum es nötig ist, Katzen zu erschießen

Deutschlands Jäger töten jedes Jahr Tausende Katzen. Muss das sein? Eine Jägerin - selbst Katzenbesitzerin - verteidigt das Vorgehen.

Katze im Vogelhaus
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Katze im Vogelhaus

Ein Interview von Eva Gemmer


Zwei Millionen verwilderte Katzen streifen nach einer Schätzung des Deutschen Tierschutzbundes durch die Wälder und Felder Deutschlands. Dazu kommen rund zehn Millionen Hauskatzen mit Freigang. Wie viele Katzen jährlich von Jägern erschossen werden, ist unklar. Der Tierschutzbund geht von 100.000 aus, andere Organisationen schätzen die Zahl noch deutlich höher; PETA etwa spricht von 350.000 erschossenen Katzen.

Während geschossene Wildtiere jedes Jahr in der sogenannten Jagdstrecke erfasst werden, führen nur wenige Bundesländer Buch über die Zahl der erschossenen Katzen. In Nordrhein-Westfalen (NRW) wurde der Abschuss von Katzen vor zwei Jahren verboten, bis dahin war das Bundesland mit 90.000 erschossenen Katzen zwischen 2007 und 2015 unangefochtener Spitzenreiter. Die Gesetzesänderung war in NRW damals umstritten, die Jagd auf Katzen ist es bis heute.

Anna Martinsohn, stellvertretende Pressesprecherin des Deutschen Jagdverbands, ist sowohl Jägerin als auch Katzenbesitzerin. Sie selbst könnte keine Katze erschießen, sieht aber die Notwendigkeit dahinter.

SPIEGEL ONLINE: Frau Martinsohn, warum schießen Jäger auf Katzen?

Anna Martinsohn: Es geht hier schlichtweg um besitzerlose, verwilderte Katzen. Studien belegen, dass Arten sowohl in der Anzahl als auch in der Vielfalt durch den Einfluss von Katzen zurückgehen - bis hin zum Aussterben, wie in Australien. Da sind etwa Großohrhüpfmäuse oder Kaninchennasenbeutler verschwunden. Ein Beispiel, was Katzen in Deutschland anrichten: Geht man von zwei Millionen verwilderten Katzen hierzulande aus, dann liegt die Zahl der von ihnen getöteten Vögel bei mindestens 14 Millionen pro Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Wann darf ein Jäger eine Katze erschießen?

Martinsohn: Das entscheidet sich mit dem jeweiligen Landesjagdgesetz. Und als Jäger muss man hundertprozentig sicher sein, dass es sich um eine verwilderte Katze handelt. Generell ist der Abschuss immer das allerletzte Mittel.

SPIEGEL ONLINE: Einige Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder das Saarland haben die Katzenjagd verboten oder stark eingeschränkt.

Martinsohn: Wenn verwilderte Katzen nicht geschossen werden dürfen, dann müssen sie in Lebendfallen gefangen und in Tierheime gebracht werden. Aus unserer Sicht ist das eine Verlagerung der Verantwortung: Der Besitzer ist seiner Verantwortung nicht nachgekommen, der Jäger übernimmt sie vorübergehend, und dann hat sie das Tierheim. Die Frage ist doch, wie häufig man die Verantwortung noch hin und her schieben möchte.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt aber ungeduldig. Also halten Sie persönlich nichts von einem Abschussverbot?

Martinsohn: Wie gesagt, der Abschuss ist wirklich das allerletzte Mittel. Aber wenn man die zwei Millionen Katzen alle fängt, in Tierheime gibt, kastriert und dann zum großen Teil ohnehin nicht vermitteln kann, weil sie nicht mehr sozialisierbar sind, dann ist das doch einfach ein Dilemma.

SPIEGEL ONLINE: Warum schießen Sie dann persönlich keine Katzen?

Martinsohn: Bei Jägern sagt man immer, jeder ist für seinen Schuss selbst verantwortlich. Und mir persönlich würde es sehr schwer fallen, eine Katze zu schießen. Ich würde eine Kastenfalle bevorzugen und die Katze zum Ordnungsamt bringen.

Abhängig vom jeweiligen Landesjagdgesetz dürfen Jäger Katzen nur ab einer Mindestentfernung vom Siedlungsbereich erschießen, je nach Bundesland sind das 200 bis 400 Meter.
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Abhängig vom jeweiligen Landesjagdgesetz dürfen Jäger Katzen nur ab einer Mindestentfernung vom Siedlungsbereich erschießen, je nach Bundesland sind das 200 bis 400 Meter.

SPIEGEL ONLINE: Ist es etwas anderes, eine Katze zu schießen als einen Hasen, einen Fuchs oder ein Reh?

Martinsohn: Ja, es macht für mich einen Unterschied, ob ich auf eine Katze oder ein Reh schieße - einfach weil die Katze zu Hause auf dem Sofa liegt. Ich bin mit Katzen groß geworden.

SPIEGEL ONLINE: Tier- und Naturschützer zweifeln Studien, nach denen wildernde Katzen die Artenvielfalt bedrohen, stark an. Die Organisationen reden von übertriebener Panikmache. Ist es wirklich nötig, für den Erhalt der Artenvielfalt in Deutschland Katzen abzuschießen?

Martinsohn: Ich glaube, dass einige Tier- und Naturschutzverbände beim Artenschutz die Augen verschließen. Die Katze steht nicht umsonst auf Platz 38 der invasivsten Arten der IUCN-Liste (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources). Publikationen der Bundesregierung zeigen außerdem, dass der Einfluss von Katzen auf die Tierwelt in Deutschland steigt. Jäger wollen keine Katzen schießen, töten macht keinen Spaß, das macht niemand gerne. Es ist aber für den Erhalt der Artenvielfalt nötig, weil der Haustierbesitzer zuvor einfach gesagt hat: "Ich trage jetzt keine Verantwortung mehr dafür, dass meine Katze sich planlos ungewollt vermehren kann."

SPIEGEL ONLINE: Der Deutsche Tierschutzbund geht von mehr als 100.000 erschossenen Katzen pro Jahr aus, Peta spricht von mehr als 300.000.

Martinsohn: Wir halten diese Zahlen für unseriös. Wenn man von einem Bundesland wie NRW ausgeht und das einfach hochrechnet auf Berlin, kann das nicht stimmen. Hätten die getöteten Katzen Minka oder Murle geheißen und irgendwo einen warmen Platz auf einem Sofa gehabt, dann wären wir als Jagdverband ja permanent in der Krisenkommunikation. Das ist aber nicht der Fall, es handelt sich um besitzerlose Tiere - schlimm genug.

SPIEGEL ONLINE: Ein anderer Vorwurf von Peta lautet, Jäger seien alles andere als Naturschützer, sondern viel mehr ein "Heer von Hobbyjägern".

Martinsohn: Für mich ist das eine haltlose Feststellung. Welche Ausbildung können Hobby-Tierrechtler nachweisen? Wenn man den Jagdschein macht, durchläuft man eine sehr inhaltsreiche Ausbildung, mit durchschnittlich 160 Pflichtstunden Theorie und Praxis, in denen es um Wildtierkunde, Naturschutz, Forstwirtschaft, Landwirtschaft und natürlich auch Recht und Gesetz geht. Am Ende steht eine staatliche Prüfung.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte die Zahl wildernder Katzen nachhaltig dezimiert werden?

Martinsohn: Wir fordern schon seit Jahren das Paderborner Modell, also eine Melde- und Kastrationspflicht, wie übrigens Tierschutzverbände auch. Hauskatzen sollten bundesweit einen Chip tragen und so ihrem Besitzer zugeordnet werden können. Fängt der Jäger eine gechipte Katze mit der Kastenfalle, ist das ihr sicheres Rückfahrticket nach Hause. Die Kastration macht es unmöglich, dass Freigängerkatzen sich mit besitzerlosen paaren und die nächste Streunergeneration groß wird, ohne entdeckt zu werden. Bisher gibt es das Modell aber erst in gut 560 Kommunen. Das ist bei deutschlandweit etwa 11.000 Kommunen noch recht wenig. Im Wesentlichen trifft es dieser eine Satz aus Saint-Exupérys "Der kleine Prinz" ganz gut: "Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast." Würde das jeder Haustierbesitzer ernst nehmen, hätten wir in Deutschland nicht dieses Dilemma und wären einen Schritt weiter.



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