Jahrestag der Gas-Katastrophe Das Sterben in Bhopal geht weiter

Es war einer der größten Chemieunfälle der Weltgeschichte: Vor 20 Jahren breitete sich nach einer Explosion in einer Pflanzengift-Fabrik eine riesige Gaswolke über der indischen Großstadt Bhopal aus. Tausende Menschen starben, mehr als eine halbe Million erkrankten. Die meisten Opfer warten noch immer auf Entschädigung.

Von Michael Brandhoff


Erblindetes Bhopal-Opfer: Warten auf eine Entschädigung
REUTERS

Erblindetes Bhopal-Opfer: Warten auf eine Entschädigung

Bhopal - 3. Dezember 1984: Es war kurz nach Mitternacht, als die Einwohner aus dem Schlaf gerissen wurden. Eine milchig-weiße Wolke mit etwa 40 Tonnen Gas legte sich über Bhopal, einer Stadt im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Der Dunst drängte in jedes Haus. In jedes Schlafzimmer. In jede Nase. "Methyl Isocyanat" war nach einer Explosion aus Tank 610 der amerikanischen Pestizidfirma Union Carbide Corporation (UCC) entwichen. Dabei handelt es sich um einen Stoff, aus dem bereits im Ersten Weltkrieg Giftgas hergestellt wurde, dem viele Soldaten qualvoll erliegen sollten. Das Gift setzte sich acht Stunden in Bhopal fest.

Der Konzern reagierte nicht. Nicht in den ersten sechs Stunden, in denen sich die giftige Gaswolke ausbreitete. Nicht nach zwölf Stunden, als die Unfallmeldung bei der Unternehmensleitung einging. Auch nicht nach 15 Stunden, als es die ersten Presseanfragen gab. Nach 16 Stunden wurde schließlich der Krisenmanager einer PR-Agentur eingesetzt, erst nach 25 Stunden gab es die erste Pressekonferenz - auf der allerdings niemand klare Instruktionen gab, wie sich die Menschen vor dem Gas schützen könnten.

Gaskliniken kümmern sich um Überlebende

Chemie-Katastrophe in Bhopal: Tausende Menschen und Tiere kamen am 3. Dezember 1984 ums Leben
AP

Chemie-Katastrophe in Bhopal: Tausende Menschen und Tiere kamen am 3. Dezember 1984 ums Leben

Für viele Betroffene kam bereits zu diesem Zeitpunkt jede Hilfe zu spät. Offiziell starben noch in der Nacht 3000 Menschen - an Atemlähmungen und Herzstillstand, an Verätzungen der Augen und Lungen. Amnesty International spricht heute von 7000 Toten. Weitere 15.000 erlagen den Folgen der Katastrophe in den anschließenden Jahren. Die Zahl der chronisch Kranken soll zwischen 100.000 und 600.000 liegen. Sicher ist, dass sich 23 so genannte Gaskliniken noch heute um die Überlebenden kümmern. 30 Menschen sterben Schätzungen zufolge jeden Monat an den Folgen.

Fünf Jahre nach dem Unfall einigten sich die UCC und die indische Regierung schließlich auf eine Einzahlung von rund 470 Millionen US-Dollar in einen Fonds, aus dem die Opfer entschädigt werden sollten. In den vergangenen 15 Jahren wurde allerdings nur ein Teil davon ausgeschüttet: 550 Dollar gab es für jeden Schwerkranken, 1170 Dollar für Hinterblieben - Almosenzahlungen. Erst im vergangenen Monat hat der Oberste Gerichtshof Indiens erneut angeordnet, dass auch die restlichen 330 Millionen ausgeschüttet werden müssen - an insgesamt 572.000 Geschädigte. Ausgezahlt wurde aber immer noch nichts.

Jahrestag in Bhopal: Hinterbliebene erinnern an die Opfer
REUTERS

Jahrestag in Bhopal: Hinterbliebene erinnern an die Opfer

Die Katastrophe ist aber nicht nur wegen der ausstehenden Entschädigung noch allgegenwärtig: Die Ruinen der Fabrik auf dem 35 Hektar großen Gelände, für das der Pachtvertrag 1998 ausgelaufen war, wurden bis heute nicht beseitigt. Die Tanks sind porös und der unbekannte Inhalt fließt ungehindert aufs Firmengelände, bevor er im Boden versickert.

Die Zahlung der 470 Millionen Dollar enthebe den Konzern jeder weiteren Verantwortung, ließ die Führung des Chemie-Giganten Dow Chemicals, der die Union Carbide Corporation 2001 übernommen hat, verlauten. Außerdem sei das Gelände für zwei Millionen Dollar grundlegend gereinigt worden. Greenpeace hält dagegen, dass es schätzungsweise 30 Millionen Dollar kosten würde, das Gelände vollständig zu entgiften.

"Wir werden kämpfen, wir werden gewinnen"

Rashida Bee, die als Überlebende eine Opferorganisation leitet, ist der festen Überzeugung, dass Union Carbide und Dow Chemicals die Opfer von Bhopal verraten hätten. Sie und andere Bürgerbewegungen fordern, die Entschädigungszahlungen zu erhöhen, da es immer mehr Opfer gebe. "Wir werden kämpfen, wir werden gewinnen", stand auf einem der Transparente, die heute von Tausenden bei einer Demonstration hochgehalten wurden.

Keiner der Schuldigen wurde bisher zur Verantwortung gezogen, keiner gerichtlich verurteilt. Der damalige Manager von UCC, Warren Anderson, wurde zwar zunächst verhaftet, kam aber gegen eine Kautionszahlung in Höhe von 2000 Dollar wieder frei. Sofort flüchtete er in die USA. Dort lebt der heute 82-Jährige noch heute. Zurückgezogen und friedlich.



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