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Strandkunst in Neuseeland: Eine Treppe ins Nichts

Fotostrecke: Illusionen im Sand Fotos
3DSDart/ Constanza Tagini/ Jamie Harkins

Seine Leinwand: der Strand. Seine Herausforderung: ein Kunstwerk schaffen, bevor die Flut alles wieder wegspült. Jamie Harkins begeistert am Strand in Neuseeland mit seinen 3D-Illusionen.

Wenn Jamie Harkins, 41, nicht in einem Café im neuseeländischen Mount Maunganui arbeitet, dann macht er Kunst. Früher nur auf der Leinwand, seit rund einem Jahr auch am Strand. Gemeinsam mit der Malerin Constanza Nightingale und dem Bildhauer David Rendu entwirft er im Sand dreidimensionale Illusionen: Luftschlösser, Treppen in den Untergrund, Boote am Angelsteg - die Werke fordern und faszinieren den Betrachter.

3DSD nennt sich das Trio,3D Sand Drawing. "Ein Stock und ein Strand können eine unendliche Anzahl von kreativen Möglichkeiten bieten", sagen die Künstler. "Die Arbeiten schärfen das Bewusstsein für die Zeit und dienen als Metapher für das Vergängliche."

Tatsächlich halten die Motive immer nur bis zur nächsten Flut. Bisher entstanden rund 20 Motive, die nur auf Fotos festgehalten sind. Im Interview erzählt Harkins, warum gerade das die Arbeit für ihn so besonders macht.

Zur Person
  • Jamie Harkins
    Jamie Harkins, 41, lebt in Mount Maunganui auf der neuseeländischen Nordinsel. Dort arbeitet er in der Gastronomie und widmet sich den Rest der Zeit der Kunst. Wenn er nicht mit Öl- oder Acrylfarben arbeitet, lässt er Bilder am Strand entstehen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Harkins, wie weit wohnen Sie vom Strand entfernt?

Harkins: Nur eine Straße. Nachts beim Einschlafen höre ich das Meer. Der Strand gehört zum Leben der Menschen in Mount Maunganui.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, am Strand Bilder in den Sand zu zeichnen?

Harkins: Ich wollte schon immer Kunst auf der Straße machen. Aber Kreide ist mir zu teuer. Deshalb arbeite ich mit Sand. Das ist eine natürliche Ressource. Außerdem mag ich die Vorstellung, dass Menschen so nicht in eine stickige Galerie müssen, um Kunst zu sehen. Sie laufen an meinen Bildern vorbei, während sie Fitness am Strand machen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn man direkt davor steht, versteht man ihre Bilder gar nicht.

Harkins: Stimmt. Der dreidimensionale Effekt ergibt sich tatsächlich erst aus der Ferne.

SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen Sie es, diese Bilder entstehen zu lassen?

Harkins: Ich wechsle für jedes Motiv etwa sechs bis sieben Mal die Perspektive zwischen Strand und einer kleinen Anhöhe. Oft stehe ich einfach in der Ferne und gebe Freunden am Strand Anweisungen. Die wissen dann oft nicht, was sie da eigentlich tun. Aber am Ende entsteht dennoch der Effekt. Das ist keine Zauberei.

SPIEGEL ONLINE: Jeder soll so etwas erschaffen können?

Harkins: Ja, sogar Touristen am Strand haben mir schon geholfen. Ich selbst bin auch kein Naturtalent. Die Technik habe ich mir erst mit Büchern über Geometrie angeeignet. Wenn noch ein bisschen Talent zum Zeichnen und Gefühl für die Perspektive dazukommen, dann reicht das völlig aus.

SPIEGEL ONLINE: Die Ebbe lässt Ihnen in der Regel ein Zeitfenster von wenigen Stunden, danach schwemmt die Flut alles weg. Ganz schön vergänglich! Frustriert Sie das nicht?

Harkins: Ganz und gar nicht. Für mich hat das etwas Befreiendes. Gerade noch ist etwas Tolles passiert und kurz darauf ist es ausgelöscht. Das treibt mich an, weil ich mich dann immer frage: Hey, was kommt als nächstes?

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kunstwerke sind ganz schön groß. Bei kleineren Bildern wären Sie schneller fertig und hätten mehr Zeit, bis das Wasser alles mitreißt.

Harkins: Klar. Aber ich finde es ja gerade toll, wenn alles spurlos verschwindet. Anders als beim Malen an Leinwänden bleiben auch keine leeren Tuben oder Pinsel zurück. Das Einzige, was bleibt, sind die Fotos. Und außerdem: Je größer die Designs, desto besser ist der Effekt.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Strandgänger auf das, was Sie tun?

Harkins: Viele verstehen nicht, wieso ich etwas mache, wofür ich nicht bezahlt werde und was dann zu allem Überfluss auch noch vergänglich ist. Aber Kinder lieben es. Und ich liebe die Reaktionen der Kinder. Weil sie nicht versuchen, ihre Freude zu beherrschen.

SPIEGEL ONLINE: Was braucht man, um sich als Sandkünstler zu versuchen?

Harkins: Ich arbeite in der Regel mit einem kleinen Rechen und einem Stück Seil. Außerdem sollte der Sand nicht zu heiß und nicht zu trocken sein. Mit feuchtem Sand bekommt man gute Schattierungen zustande. Das sorgt für einen schönen Kontrast auf den Fotos.

SPIEGEL ONLINE: Also doch Kunst für die Ewigkeit?

Harkins: Ein bisschen schon.

Die Fragen stellte Verena Hölzl

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insgesamt 6 Beiträge
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    Seite 1    
1. Endlich Mal etwas Interessantes aus Neuseeland
gisela.schwan 18.08.2014
Nach 1000 Berichten zu den üblichen Touristenattraktionen nun doch ein origineller Bericht. Schön.
2. Geil, geil, geil!
soano 18.08.2014
Nicht nur Kinder freuen sich darüber - ich bin total begeistert und bewundere den Künstler, wie er in so kurzer Zeit so grosse Werke so perspektivisch korrekt und mit solcher Phantasie hinkriegt. Carry on, mate ;-)
3. Nicht wirklich originell
wdiwdi 18.08.2014
Die gleiche Technik gibt es seit vielen Jahren bei Pflastermalern. http://www.andersdenken.at/3d-strassenmalerei-werbung-kunst/
4. Für Einäugige
glnf 18.08.2014
Diese und vergleichbare Arbeiten sehen in der Realität nicht halb so gut aus. Sie funktionieren letztlich nur in der Abbildung oder wenn man sich in der richtigen Position ein Auge abdeckt. Durch das dreidimensionale Sehen mit zwei Augen nimmt man am Ort die flache Natur der Zeichnungen immer wahr. Es geht also um etwas andres. Letztlich sind das Bilder, welche einzig und alleine für das Internet gemacht werden. Dort erreichen sie teilweise eine gigantische Verbreitung (siehe hier z.B. SPON). Der Künstler ist sich dessen sicher bewusst, das ganze Gesülzte von wegen "wird wieder weggeschwemmt", "vergänglich" und "flüchtiger Moment" könnte er uns daher auch ersparen. (Oder die Arbeiten nicht Fotografieren. Das wäre dann natürlich was anderes.)
5. Finde ...
herrwestphal 18.08.2014
... ich auch sehr geil. Der M. C. Escher des Sandes. Ich glaube es wird Nachahmer geben. :-) Eine wirklich sehr schöne und kreative Idee.
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