Japan im Schockzustand Tokios Menschen verkriechen sich zu Hause

Schon der Flughafen zeigt überall Spuren des Bebens, eine sonst banale Taxifahrt dauert zehn Stunden: Thilo Thielke berichtet für den SPIEGEL aus Japan - im sonst so dynamischen Tokio ist das öffentliche Leben fast völlig erstickt. Eindrücke aus einer verstörten, verängstigten Metropole.

AFP

Ich bin am Samstag gegen 7.30 Ortszeit auf dem Flughafen in Narita gelandet. Meine Maschine von Singapore Airlines ist eine der wenigen, die an diesem Morgen überhaupt ankommt - andere Flüge wurden storniert. Am Flughafen herrscht Unordnung. Überall im Ankunftsbereich lagern Menschen auf Matten, warten auf ihre Flüge, wollen das Land verlassen. Die wenigen, die in Narita ankommen, stehen ratlos vor dem Terminalgebäude und halten nach Taxis Ausschau. Es kommt aber nur gelegentlich ein Wagen vorbei, Züge fahren nicht. Draußen herrschen drei Grad Minus, überall stehen Frierende herum.

Im Flughäfengebäude selbst sind überall Schäden des Bebens zu sehen: Löcher in den Decken und Wänden, bröckelnder Putz, die Rolltreppen funktionieren nicht. "Seien sie vorsichtig, wir hatten ein schweres Beben", warnt der freundliche Uniformierte, der bei der Einreiche meinen Pass kontrolliert.

Mit dem Shuttle-Bus des nahegelegenen Excel-Flughafenhotels bin ich dann rausgefahren, habe mir im Hotel ein Taxi gerufen. Das kam schon nach wenigen Minuten, allerdings warnte mich der Fahrer, die Fahrt könne lange dauern, vielleicht zwei bis drei Stunden. Der Highway, der den rund 60 Kilometer nordöstlich von Tokio gelegenen Flughafen mit der Stadt verbindet, sei geschlossen.

Gegen 9 Uhr morgens sind wir schließlich losgefahren. Die Straßen in die Stadt sind alle verstopft. Zwischen Narita und Tokio herrscht fast nur Stop and go. Dennoch fahren alle sehr diszipliniert. Das Mobilfunknetz funktioniert sporadisch, ist aber immer wieder überlastet. Die Fahrt dauert mehr als zehn Stunden. Gegen 19.30 Uhr erreiche ich schließlich mein Hotel in der Innenstadt, das Intercontinental. Hier bekomme ich zum ersten Mal Nachricht von dem Reaktorunglück.

"Die Leute sind völlig verängstigt"

Die Hotellobby füllt sich mit Journalisten. Es herrscht Ratlosigkeit. Niemand weiß, wie gefährlich die radioaktive Wolke ist. Gegen Abend macht die Meldung die Runde, dass im Norden 10.000 Menschen vermisst werden, möglicherweise tot sind. Adam Dean, ein Fotograf, mit dem ich in Burma zusammengearbeitet habe und der gerade den Photo-of-the-year-award für ein Bild aus dem Afghanistan-Krieg gewonnen hat, meldet sich per E-Mail. Er lebt in Peking, ist ebenfalls gerade in Tokio angekommen, und will sich jetzt mit befreundeten Fotografen nach Sendai im Norden durchschlagen. Die Gruppe sucht händeringend einen Fahrer und Dolmetscher. Aber Transportmöglichkeiten sind im Moment Mangelware.

Abends fahre ich mit einem Kamerateam von SPIEGEL TV nach Shibuya, ein Ausgehviertel mit Modegeschäften, Restaurants, Bars. Normalerweise sind samstagabends hier Menschenmassen unterwegs. Heute aber ist es merkwürdig still. Die meisten Läden sind menschenleer. "Die Leute sind völlig verängstigt", sagt Michael Goldberg, "mein" Kameramann, der seit 30 Jahren in Tokio lebt. So etwas hat er noch nicht erlebt. Nach dem Beben, dem Tsunami und nun den alarmierenden Meldungen über die radioaktive Strahlung, würden sich die Menschen in den Häusern verkriechen.

Auf der Straße treffen wir drei junge Leute, zwei Männer und eine Frau. Die Frau stammt selber aus Fukushima, wo sich die Explosion im Kernkraftwerk ereignet hat. Den ganzen Tag hat sie versucht, ihre Verwandten zu kontaktieren. Vergeblich. Sie weiß nicht, ob sie noch leben. Um sich etwas abzulenken, sind die drei jetzt losgezogen, noch ein Bier zu trinken. Sie gehören zu den wenigen, die unterwegs sind. Abends höre ich, dass im Verlauf des Tages die Vorortzüge wieder den Betrieb aufgenommen haben.

Mehr zum Thema heute Abend bei SPIEGEL TV Magazin, RTL, 22.30-23.15 Uhr

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Seite 1
esctaste 13.03.2011
1. ...
Zitat von sysopSchon der Flughafen zeigt überall Spuren des Bebens, eine sonst banale Taxifahrt dauert zehn Stunden: Thilo Thielke berichtet für den SPIEGEL aus Japan - im sonst so dynamischen Tokio ist das öffentliche Leben fast völlig erstickt. Eindrücke aus einer verstörten, verängstigten Metropole. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,750618,00.html
Ein wirklich schön geschriebener Beitrag: man ist sogleich mit dem Erzähler im Geschehen und fühlt mit. Voll beschriebener Bilder ohne den Anflug einer eigenen Meinung. Und die Aussage könnte nicht vernichtender sein! Ein Volk, das sich als herausragendes Merkmal Ehre als Wert vorstellt, senkt den Kopf. ... ein Erdbeben Stärke 8,9; ein auf eine Region fokussierter Tsunami; ein nicht vor der Haustür, sondern in der Küche lauernder GAU... da würden andere Völker nicht den Kopf senken, sondern wie aufgeschreckte Hühner durcheinander laufen! In solch einer Situation ist es meiner Meinung nach keine Schande, Hilfe anzunehmen, gerade, nachdem man solch eine Stärke gezeigt hat. Ich hoffe, dass noch viele Wunder geschehen und entsprechend viele Menschen noch gerettet werden können.
no-mad 13.03.2011
2. Tokyos Massen verkriechen sich
Thilo Thielke hat sich von den Bargirls in Pattaya losgerissen und ist in Japan. Dieses Plappermaul hat uns mit seiner ahnungslosen und phantasiebestückten Berichterstattung hier in Tokyo gerade noch gefehlt. Der sensible Titel sagt schon alles... Wenn das Haus oder die Wohnung noch steht und bewohnbar ist, wo sollten wir denn sonst hingehen?? "Massen" (nicht Menschen oder Bewohner).... ohjeohje.
fatsotwohundred@gmail.com 13.03.2011
3. Völlig unangemessener Titel
"Tokios Massen verkriechen sich zu Hause"? Überheblicher geht es ja wohl kaum noch. Tiere "verkriechen sich"; die Japaner dagegen zeigen stoische Courage nach einer furchtbaren Naturkatastrophe. Die SPIEGEL-Schreibe macht zunehmend der Bild-Zeitung Konkurrenz. Ihre widerlichen Tieranalogie ist eine rassistische Zumutung.
Thommy56 13.03.2011
4. Was sonst tun...?
Zitat von sysopSchon der Flughafen zeigt überall Spuren des Bebens, eine sonst banale Taxifahrt dauert zehn Stunden: Thilo Thielke berichtet für den SPIEGEL aus Japan - im sonst so dynamischen Tokio ist das öffentliche Leben fast völlig erstickt. Eindrücke aus einer verstörten, verängstigten Metropole. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,750618,00.html
Ja was sollten sie denn sonst tun? Einfach davon laufen - irgendwo in die Wildnis?! Im Katastrophenfall würden die Menschen hier in Deutschland auch nicht anderes tun als zu Hause zu bleiben.
Hilfskraft 13.03.2011
5. Japan im Schockzustand
Japan besitzt wohl keinerlei Rohstoffe. Daher der exzessive Ausbau der Kernkraft, erklärt man. Nur, es gibt wohl kein weiteres Land auf diesem Globus, was exzessive dermaßen in Technik verliebt ist. Mit dem Stromverbauch des vergleichsweise kleinen Japans ließe sich sicher ganz Afrika auf ein westlicheres Niveau bringen. Mit seinen 56 AKWs, mehr oder weniger am Netz, 4 im Bau und 11 in der Planung ist Japan in der Lage, unabsichtlich den gesamten Globus unbewohnbar zu machen. Unverständlich, dass die Atom-Bomben-Schockerlebnisse des 2. WKs bei dem Volk keinerlei Antipatien gegen Atomkraft verursacht haben. Es scheint, das Gegenteil ist der Fall! Vielleicht ist dies ja endlich ein heilsamer Schock. Hoffentlich auch für A. Merkel! H.
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