Japans Atomgigant Tepco: Filz, Vetternwirtschaft, Fukushima

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Transparenz und Selbstkritik sucht man vergeblich bei Japans Atomkonzern Tepco. Systematisch verschleiert das Unternehmen, was im AKW Fukushima tatsächlich passiert. Die Desinformation hat Methode: Industrie und Kontrollgremien sind aufs Engste miteinander verflochten.

Atomgigant Tepco: Der Fukushima-Betreiber Fotos
DPA

Hamburg - In Japan ist ein Phänomen weit verbreitet, das mit dem Begriff "Amakudari", "vom Himmel herabsteigen", beschrieben wird. Wer als Staatsdiener nach der Pensionierung in die Privatwirtschaft wechselt, der "steigt vom Himmel herab" - und arbeitet dann häufig für ein Unternehmen, das er zuvor als Beamter noch zu kontrollieren hatte.

Die umstrittene Praxis ist in Japan seit Jahrzehnten gang und gäbe, mehr als 20.000 Fälle sind durch eine Studie der Regierung belegt. Auch in der japanischen Atomindustrie wird "Amakudari" gepflegt. Dort scheint die Vernetzung zwischen Regierung, Kontrolleuren und Wirtschaftsbossen besonders eng - die Folgen werden nun angesichts der verheerenden Pannen am Unglücks-AKW Fukushima sichtbar.

Rund einen Monat vor dem verheerenden Tsunami hatte die Nationale Atomsicherheitsbehörde (Nisa) dem Fukushima-Betreiber Tepco erlaubt, seinen 40 Jahre alten Reaktor weitere zehn Jahre zu betreiben. Zwar prangerte die Nisa wenig später massive Schlampereien bei Sicherheitskontrollen an, sie gewährte Tepco aber eine großzügige Frist zur Korrektur. Ein unmittelbares Risiko für die Sicherheit des Kraftwerks bestehe nicht, entschied die Behörde. Sonstige Konsequenzen für die Tepco-Bosse? Keine.

Dabei hatten Störfälle bei dem AKW-Giganten fast schon Tradition, der Konzern vertuschte jahrelang Pannen.

Die Milde der Atomaufsicht überrascht im Rückblick nicht, denn die Kontrolleure haben eine schwierige Doppelrolle zu erfüllen. Sie sind dem Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) unterstellt, dessen Aufgabe es auch ist, die Atomenergie in Japan zu fördern. Das Ministerium hat somit zwei Funktionen inne, die nur schwer in Einklang zu bringen sind. Zum einen soll das Meti für den Ausbau der Nukleartechnologie in Japan und im Ausland werben. Zum anderen soll es eben jene Industrie überwachen. Unabhängigkeit sieht anders aus.

Vom Ministerium ohne Umwege zu Tepco

Beamte des Industrieministeriums steigen munter "vom Himmel herab" - direkt in die Chefetagen von Tepco und Nisa. So ist eine undurchsichtige Dreiecks-Beziehung zwischen Politik, Atomaufsicht und Energieunternehmen entstanden. In Japan sorgte zuletzt die Personalie Toru Ishida für Aufsehen. Laut einem Bericht der Tageszeitung "Asahi" heuerte der 58-Jährige nur vier Monate nach seinem Rücktritt als Staatssekretär für Ressourcen und Energie bei Tepco als Berater an. Er gilt als heißer Kandidat für einen Vorstandsposten. Erst im vergangenen Juni hatte Susumu Shirakawa seinen Posten als stellvertretender Tepco-Direktor aufgegeben - auch er hatte zuvor jahrelang im Industrieministerium gearbeitet.

Die Verbindungen Tepcos zur Politik sind glänzend. Und dank der Dreiecks-Connection mit dem Industrieministerium gilt das gleiche für die Kontakte zu den Kontrolleuren.

Der Leiter der Atomsicherheitsbehörde, Nobuaki Terasaka, arbeitete zuvor jahrelang im Industrieministerium, unter anderem auch in der Abteilung für Ressourcen und Energie. Und Hidehiko Nishiyama, der in der jetzigen Krise als eine Art Nisa-Sprecher fungiert, wird auf der Homepage des Ministeriums noch immer als Leiter der Abteilung Handelspolitik geführt. Kaum vorstellbar, dass solche Verflechtungen die Arbeit der Kontrolleure nicht beeinflussen.

Nishiyama verteidigt das System dennoch: Die werbende Funktion des Industrieministeriums behindere nicht dessen Kontrollfunktion, sagte er laut einem Bericht des "Wall Street Journal". Der Unfall in Fukushima sei nicht aufgrund bequemer Verbindungen zwischen Regierung und Kontrolleuren geschehen, es gebe keinen Anlass, die Regulierung zu überdenken.

Kritik kommt aus den Reihen der Opposition: "Das Ministerium hat unverfroren pensionierte Beamte in die Energiewirtschaft geschickt, und Politiker haben Spenden für den Wahlkampf erhalten", sagt Taro Kono, Abgeordneter der oppositionellen Liberaldemokraten, die bis 2009 jahrzehntelang an der Regierung waren. "Im Gegenzug durften die Energieunternehmen ihre regionalen Monopole behalten."

Ein zahnloser Aufpasser

Laut "Wall Street Journal" sitzen frühere Ministeriumsbeamte auch in den Vorständen anderer Energieunternehmen. Doch Tepco ist der größte Stromanbieter des Landes: Der Konzern hält das Monopol im Großraum Tokio, versorgt mit knapp 45 Millionen Kunden mehr als ein Drittel der japanischen Bevölkerung - und betreibt insgesamt 17 Atomreaktoren. Scharfe Kontrollen mussten die Tepco-Bosse in der Vergangenheit nicht fürchten.

Zwar gibt es seit Anfang des Jahrtausends auch noch die unabhängige Atomaufsichtsbehörde JNES, die laut Regierungsangaben den Auftrag hat, die "Infrastrukturen zu verbessern, die zu einer effektiven Umsetzung der Nisa-Sicherheitsvorschriften beitragen". Dumm nur: Die JNES darf laut "Wall Street Journal" keine Inspektionen durchführen oder Korrekturen anordnen - ein ziemlich zahnloser Aufpasser.

Am 15. März, vier Tage nach dem Tsunami, hatte dann auch Regierungschef Naoto Kan genug vom Missmanagement der Tepco-Bosse. Er tauchte höchstpersönlich in der Firmenzentrale auf und brüllte die verdatterten Ingenieure an: "Was ist hier eigentlich los?" Kurzerhand ernannte sich der Premier selbst zum Chef des Krisenstabs.

In seine Demokratische Partei DJP hatten die Japaner beim Machtwechsel 2009 große Hoffnungen gesetzt. "Schluss mit Amakudari", lautete ein Wahlversprechen der neuen Regierung. Eingelöst hat sie es bis heute nicht.

Mitarbeit: Rosa Vollmer

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Dann ist ja alles genau wie bei uns..
Deutscher__Michel 31.03.2011
Wo der TÜV von E-ON & Co unterlaufen ist und Fetternwirtschaft Lobbyeismus heißt.. http://www.youtube.com/watch?v=ZCIVi-z9Ke4&feature=player_embedded
2. xxx
Dumpfmuff3000 31.03.2011
Zitat von sysopTransparenz und*Selbstkritik*sucht man vergeblich bei*Japans Atomkonzern Tepco. Systematisch verschleiert das Unternehmen, was im AKW Fukushima tatsächlich passiert. Die Desinformation hat Methode: Industrie und*Kontrollgremien*sind in Japan aufs Engste miteinander verflochten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754098,00.html
Bevor wir uns jetzt alle an den mafiosen Verhältnissen in Japan hochziehen: der Unterschied zu DEutschland ist höchstens graduell. Parlamentarier wie Wolfgang Clement sitzen zur gleichen Zeit im Parlament und im Aufsichtsrat von Konzernen wie RWE und torpedieren schonmal die Energiepolitik der eigenen PArtei, wenn der Konzern das möchte. Politiker wie Schröder und Fischer wechelsn direkt nach der politischen Karriere in die Branchen die sie vorher hofiert haben: Schröder zu Gazprom und Fischer baut die Nabucco-Pipeline. Politiker und Beamte in den Aufsichtsbehörden sind durch die Bank gekauft oder werden von ihren Vorgesetzten an der kurzen Kette gehalten. Was die Vernetzung von Aufsichtsbehörden und Betreibern angeht: Die TÜV Süd AG, die im Auftrag des Bundesministeriums für Strahlenschutz AKW von EOn, Vattenfall und EnBW überwacht, gehört zu mittlerweile 3/4 Eon, Vattenfall und EnBW. http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_15_07/atomkraft___laufzeitverlaengerung.html
3. überall gleich
albert schulz 31.03.2011
Zitat von Deutscher__MichelWo der TÜV von E-ON & Co unterlaufen ist und Fetternwirtschaft Lobbyeismus heißt.. http://www.youtube.com/watch?v=ZCIVi-z9Ke4&feature=player_embedded
Und die Aufsichtsräte der beteiligten Planungsgesellschaften gehören allesamt einer Partei an, ein und derselben Partei. Es ist also alles unter Kontrolle. Auch ohne Atom hätte unsere Politik gegen die Energievernichtungsunternehmen keine Chance.
4. Wir sollten ganz kleine Brötchen backen,
RaMaDa 31.03.2011
denn Vetternwirtschaft, Lobbyismus, Vereinsmeierei, etc. gibt es wohl kaum ausgeprägter als in deutschen Landen.
5. <->
silenced 31.03.2011
Die Japaner haben eben vom 'Westen' gelernt, und nicht nur das Gute übernommen, sondern auch all das Schlechte. Es ist in D nicht anders. Man darf es nur nicht ansprechen, da wird man sofort in die Ecke gestellt weil 'Wie kann man nur!'. Eine kranke Welt mit kranken Menschen führt zu kranken Systemen!
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Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
DPA
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
DPA/ Kyodo/ Maxppp
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
DPA/ NASA
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.