Japans Katastrophengebiet "All das Leid, all diese Erinnerungen"

Es sollte der Tag des Gedenkens werden, doch es wurde ein Tag neuer Schrecken: Ein heftiges Erdbeben hat Japan genau einen Monat nach der Tsunami-Katastrophe erschüttert. Die Folgen des Erdstoßes behindern die Arbeiten am AKW Fukushima.  

DPA

Tokio - Hiromi Horiuchi legt die Handflächen zum Gebet zusammen. Mit rund 100 anderen Flüchtlingen steht die 45-Jährige auf einer Anhöhe über den Trümmern ihrer Heimatstadt Minami Sanrikucho. Die Menschen sind zu einer Gedenkminute zusammengekommen. Es ist 14.46 Uhr - der Zeitpunkt, als das verheerende Erdbeben und der darauffolgende Tsunami am 11. März riesige Gebiete im Nordosten Japans dem Erdboden gleichmachten.

Sieben Angehörige hat Hirouchi hier vor einem Monat verloren. "Es ist unerträglich, all das Leid der Menschen, die Grausamkeit der Katastrophe, all diese Erinnerungen werden wieder wach", sagt die Japanerin mit Tränen in den Augen.

So wie hier in der Unglücksprovinz Miyagi legten am Montag unzählige Menschen im ganzen Land eine Schweigeminute ein, um der Opfer der größten Katastrophe des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg zu gedenken. In den 2300 Notunterkünften, in Büros und Geschäften in Tokio und anderen Großstädten, auf Straßen und Plätzen.

Herzzerreißende Szenen spielen sich an diesem 11. April ab, vor allem an Orten im Katastrophengebiet. "Wir haben alle zu unseren Kindern gesprochen", sagt der 35-jährige Kiyokatsu Outsuki mit schmerzverzerrtem Gesicht der Agentur Jiji Press. Die mörderische Flutwelle riss seinen achtjährigen Sohn in den Tod. Zusammen mit anderen Eltern legt Outsuki an diesem Tag vor der Grundschule seines toten Kindes Blumen und Gebäck nieder.

Doch selbst am Tag der Trauer verschonte die Erde Japan nicht. Kurz nach den Schweigeminuten suchte erneut ein schweres Nachbeben der Stärke 7,0 die leidgeplagten Menschen heim. Der Erdstoß hatte der US-Erdbebenwarte zufolge sein Zentrum in der Präfektur Fukushima, wo auch das havarierte Atomkraftwerk steht. In der Hauptstadt Tokio gerieten Häuser stark ins Schwanken. Kurz nach dem ersten Beben kam es zu weiteren Erschütterungen. Mehrere Menschen wurden verletzt, ein Mann kam ums Leben.

Und wieder, so wie an jenem Schicksalstag vor einem Monat, schlugen die Behörden Tsunami-Alarm. Doch diesmal verlief alles glimpflich: Die Flutwellen, die kurz nach der Erschütterung in der Provinz Ibaraki eintrafen, erreichten lediglich die Höhe von einem halben Meter. Die Tsunami-Warnung konnte nach kurzer Zeit wieder aufgehoben werden.

In Fukushima fiel die Kühlung für 50 Minuten aus

Mit besonderer Sorge blickten am Montag alle auf die Atom-Ruine Fukushima I. Der neue Erdstoß unterbrach die Stromversorgung, die Kühlung der kritischen Reaktoren 1 bis 3 fiel für 50 Minuten aus. Das Abpumpen radioaktiv verseuchten Wassers aus der Anlage verzögerte sich, auch das Einleiten von Stickstoff zur Verhinderung von Wasserstoffexplosionen wurde gestoppt. Die Arbeiter mussten das Kraftwerk zeitweise verlassen.

Mit dem Ableiten des Wassers soll nach Angaben der japanischen Atomaufsichtsbehörde (Nisa) nun frühestens am Dienstag begonnen werden, wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete. Nisa-Sprecher Hidehiko Nishiyama sagte, es sei extrem schwierig, einen Zeitplan aufzustellen. Es sei "noch keine Situation, die man optimistisch sehen kann". Die Sicherheitslage habe sich insgesamt jedoch nicht verändert.

Bereits vor dem neuerlichen Beben hatte Regierungssprecher Yukio Edano angekündigt, die japanische Regierung wolle nun mehrere Gemeinden außerhalb der Sperrzone um die Atom-Ruine Fukushima I evakuieren lassen. Die Bewohner von fünf Ortschaften in teilweise mehr als 30 Kilometern Entfernung von dem havarierten Kraftwerk seien angewiesen worden, ihre Häuser innerhalb eines Monats zu verlassen, so Edano. Dazu zählten die Orte Katsurao, Namie und Iitate, das etwa 40 Kilometer von Fukushima I entfernt liegt.

Vor diesem Schritt hatte die Regierung sich lange Zeit gescheut - obwohl die Internationale Atomenergiebehörde IAEA und auch Greenpeace dies schon vor Wochen gefordert hatten. Bisher war nur eine Zone im 20-Kilometer-Radius um das Atomkraftwerk evakuiert worden.

Etwa 300.000 Menschen in Auffanglagern und Notunterkünften

Greenpeace-Experten hatten am Montag in rund 60 Kilometern Entfernung des Unglücks-AKW deutlich erhöhte Strahlenwerte gemessen. Auf einem Spielplatz in Fukushima City fand ein Team demnach Werte von bis zu vier Mikrosievert pro Stunde, in der Stadt Koriyama seien es 2,8 Mikrosievert pro Stunde gewesen. Laut Greenpeace ist das so viel, dass die maximal tolerierbare Dosis für die Bevölkerung von 1000 Mikrosievert pro Jahr in wenigen Wochen aufgenommen würde.

Zwar sind in der Katastrophenregion die Wiederaufbauarbeiten in vollem Gange, doch das Leid und die Angst der Menschen verschwinden nicht. Insgesamt wird von 28.000 Toten ausgegangen. Etwa 300.000 Menschen befinden sich in Auffanglagern oder Notunterkünften. Rund 150.000 Japaner hätten aufgrund des Erdbebens und des Tsunamis ihr Zuhause verloren, weitere 150.000 Einwohner hätten ihre Häuser in der Evakuierungszone rund um das AKW Fukushima verlassen müssen, sagte am Montag der japanische Botschafter in Berlin, Takahiro Shinyo.

Zum ersten Mal seit Beginn der Katastrophe reiste Tepco-Chef Masataka Shimizu am Montag in die Provinz Fukushima. Der Mann hatte sich zwei Tage nach Beginn der Katastrophe offiziell wegen Unwohlseins zurückgezogen und war seitdem nicht mehr in der Öffentlichkeit erschienen. Nun wollte er sich vor Ort in Fukushima entschuldigen - jedoch nicht bei Begegnungen mit den Opfern, sondern bei der Provinzregierung.

siu/dpa/dapd



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Komatsuna 11.04.2011
1. Und es schüttelt immer noch.
Zitat von sysopEs sollte der Tag des Gedenkens werden, doch es wurde ein Tag*neuer Schrecken: Ein heftiges Erdbeben hat Japan genau einen Monat nach der Tsunami-Katastrophe erschüttert. Die Folgen des Erdstoßes behindern die Arbeiten am AKW Fukushima. * http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,756373,00.html
Direkt danach nach dem Beben alle fünf Minuten ein Nachbeben, jetzt (18 Uhr MEZ) ungefähr jede halbe Stunde.
double-U13 11.04.2011
2. Es ist kaum zu ermessen,
mit welchem Leid die Japaner fertig werden müssen. Besonders die direkt betroffenen. Sie haben alles verloren. die meisten sind wohl stark traumatisiert. Hinzu kommt die Ungewissheit: Kann man die betroffenen Gebiete wieder aufbauen und von vorn anfangen? Oder macht ein erneutes Beben alles wieder zunichte. Dazu das Risiko der havarierten Atomkraftwerke. Keiner kann absehen, was da noch auf Japan zukommt. wünschen wir ihnen das beste und gedenken ihret Toten.
gorge11, 11.04.2011
3. Semmeweiss.Reflex
Zitat von double-U13mit welchem Leid die Japaner fertig werden müssen. Besonders die direkt betroffenen. Sie haben alles verloren. die meisten sind wohl stark traumatisiert. Hinzu kommt die Ungewissheit: Kann man die betroffenen Gebiete wieder aufbauen und von vorn anfangen? Oder macht ein erneutes Beben alles wieder zunichte. Dazu das Risiko der havarierten Atomkraftwerke. Keiner kann absehen, was da noch auf Japan zukommt. wünschen wir ihnen das beste und gedenken ihret Toten.
Die Japaner an sich haben nichts verloren, Einige in den betroffenen Gebieten. Die anderen haben das /die AKWs in havarierende Gebiete gebaut, die nun havariert sind und mit scheinbar zunehmend abnhemender wahrscheilichkeit die Nahrunsgmittel und Atemluft von sehr viel mehr Japanern bedroht. Dazu kommt der Verlust grossen Kapitals steckend in den Industrieanlagen der betroffenen Region. Das Kapital gehörte aber sichlich nicht den Betroffenen. Abr da gibts ja den Kobe-Effekt, vieleicht. Die Tepco.aktie steigt wieder. Den Toten sollte man gedenken, und dass sie von den noch lebenden als Tote unter Toten gesehen werden können, ein Beerdigungsritual ist im Besisein der Leichname nicht mehr möglich.
plastikjute 11.04.2011
4. Todtraurig
Man muss sich das vorzustellen versuchen: Fast 30.000 Tote ... und dann haben die Japaner noch nicht einmal die Möglichkeit, der Toten wirklich zu gedenken. Gar nicht zu reden von all den Hinterbliebenen und ihrer Trauer. Von Sachwerten und lieb gewonnenen Dingen gar nicht zu reden, die verlorengingen. Es ist wirklich todtraurig, was Japan derzeit durchmachen muss. Ich kann den Menschen nur allen Mut wünschen und hoffen, dass sie einander den Trost geben und die Hilfe, die sie von außen eh nicht bekommen.
chico 76 11.04.2011
5. Eine Nation, die von solchen
Zitat von sysopEs sollte der Tag des Gedenkens werden, doch es wurde ein Tag*neuer Schrecken: Ein heftiges Erdbeben hat Japan genau einen Monat nach der Tsunami-Katastrophe erschüttert. Die Folgen des Erdstoßes behindern die Arbeiten am AKW Fukushima. * http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,756373,00.html
Katastrophen heimgesucht wird und offensichtlich, über Parteidenken hinaus, solidarisch zusammensteht (s. Spiegel Nr.15), baut ihr Land auch wieder auf.Egal, was noch kommen, wielange es auch dauern mag. Allerhöchsten Respekt und Empathie ist nicht alles was man haben kann.Spendet an japanische Hilfsorganisationen. Unsere haben das Land ja schon frühzeitig verlassen. Für hinfliegen, gleich wieder zurückfliegen ist mir mein Geld zu schade.
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