Japans Katastrophengebiet Hilflose Helfer

Das THW zog seine Mitarbeiter aus Japan ab, andere Helfer aus Deutschland schaffen es gar nicht erst ins Katastrophengebiet: Bürokratische Hürden behindern die Arbeit. Das Land hat kein Hilfeersuchen gestellt, die Retter werden nicht in die betroffenen Regionen gelassen - der Frust wächst.

Rettungskräfte: "Praktisch keine Chance"
DPA/ IFRC

Rettungskräfte: "Praktisch keine Chance"

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Hamburg - Sie waren nur wenige Tage vor Ort. Die "Bild"-Zeitung bejubelte die deutschen Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks ("Endlich sind sie vor Ort" - "40 Männer und eine Mission! Leben retten! Helfen!"), spekulierte über einen möglicherweise zweiwöchigen Rettungseinsatz. Doch jetzt zieht das THW seine Einsatzkräfte schon aus Japan zurück. In wenigen Tagen sollen die Helfer nach Deutschland zurückkehren, bis auf drei Mitarbeiter, die die deutsche Botschaft in Tokio weiterhin logistisch unterstützen sollen.

"Der Grund für den Abbruch ist nicht die Gefahr durch eine erhöhte Strahlenbelastung", stellte THW-Sprecher Oliver Hochedez klar. Ein Schweizer Expertenteam hatte während des Einsatzes stets die Radioaktivität vor Ort überprüft. "Es ist einfach so, dass es in dem Gebiet, das uns die japanische Regierung zugewiesen hat, praktisch keine Chance mehr gibt, Menschen zu retten."

Denn anders als beim Erdbeben von Haiti, bei dem auch noch zwei Wochen nach der Katastrophe halbverhungerte Menschen lebend aus den Trümmern geborgen werden konnten, ist Japan von einer doppelten Katastrophe betroffen. Wer nach dem Erdbeben in Hohlräumen unter den Trümmern überlebt habe, sei aller Wahrscheinlichkeit nach kurz danach von den Wassermassen der Tsunami-Welle getötet worden, erklärt Hochedez.

"Das Zeitfenster, Menschen zu finden, ist in diesem Fall viel enger als damals in Haiti." Eine Situation, die auch für die deutschen Helfer frustrierend und belastend sein dürfte. Sie würden gerne mehr tun, doch sie können nicht. Das THW hatte am Samstag im Auftrag der Bundesregierung ein schnelles Einsatzteam (SEEBA) in die japanische Stadt Tome geschickt, wo es in der Nähe ein Basiscamp errichtet hatte.

Viel konnten die Männer mit ihrer Spezialausrüstung und den Suchhunden allerdings nicht ausrichten: Am Montag mussten sie einen Einsatz abbrechen, nachdem es ein Nachbeben und eine Tsunami-Warnung gegeben hatte.

"Wir warteten auf den Einsatzbefehl, der nicht kam"

Mark Rösen kennt dieses unangenehme Gefühl, helfen zu wollen - und doch nicht zum Einsatz zu kommen. Als die ersten Meldungen über das verheerende Erdbeben in Japan über die Nachrichtenagenturen liefen, wusste er, dass er sich vermutlich bald Richtung Japan aufmachen würde. Schließlich arbeitet Rösen schon seit 2003 für die deutsche Sektion der Hilfsorganisation I.S.A.R. ("International Search and Rescue"), die spezialisiert ist auf die unmittelbare Ortung und Rettung von verschütteten Opfern.

Doch obwohl in so einer Situation jede Minute zählt, musste Rösen besonders eines tun: abwarten. "Wir saßen in unserem Lagezentrum in Moers mit gepackten Koffern und warteten auf den Einsatzbefehl, der nicht kam", berichtet der 43- Jährige. "Das ist frustrierend. Man ist motiviert, gut ausgebildet, weiß, dass man helfen kann. Man hat sich sogar schon von der Familie verabschiedet, was emotional nicht einfach ist - und nichts passiert."

Der Grund: I.S.A.R. hatte, wie weltweit 87 ähnlich arbeitende Hilfsorganisationen, Japan seine Unterstützung angeboten. Doch die Organisation erhielt nicht das für einen solchen Einsatz notwendige internationale Hilfeersuchen der japanischen Regierung - zumindest nicht die deutsche Sektion: I.S.A.R.-Kräfte aus Korea, Neuseeland, Australien und den USA wurden hingegen auf der Basis von bilateralen Vereinbarungen nach Japan beordert.

"Wir wären sofort wieder vor Ort"

Und so spielten sich im Lagezentrum fast surreale Szenen ab: Von Freitag bis Sonntag lebten und übernachteten in einer großen Lagerhalle in Moers 33 gutausgebildete Helfer, jederzeit bereit, zum Frankfurter Flughafen zu fahren. Ein Krisenstab wurde gebildet, doch nur ein dreiköpfiges Erkundungsteam flog schließlich wirklich nach Japan. Es sollte logistische Vorbereitungen treffen, etwa Benzin, Trinkwasser und Transportmöglichkeiten organisieren - um Zeit zu gewinnen, falls es tatsächlich zum Einsatz kommen würde. Doch anders als so ein Vorausteam darf ein Rettungsteam nicht ohne ausdrücklichen Wunsch einer Regierung in ein Katastrophengebiet reisen.

Am Sonntag brach schließlich auch das I.S.A.R.-Vorausteam seinen Einsatz ab und ist inzwischen wieder in Deutschland. Der alleinige Grund für den Abbruch war das fehlende Hilfeersuchen Japans, betont Rösen, der auch die Pressearbeit der Duisburger Organisation koordiniert. Mit erhöhter Strahlengefahr, wie von einigen Medien berichtet, habe das "absolut nichts" zu tun gehabt.

Es bleibt für die frustrierten deutschen Helfer die Hoffnung, später in einem anderen Gebiet doch noch zum Einsatz zu kommen, etwa wenn es um logistische Unterstützung oder andere Einsatzorte gehen sollte. "Bei einem neuen Hilfegesuch wären wir sofort wieder vor Ort", sagt THW-Sprecher Oliver Hochedez. Dasselbe gilt für die I.S.A.R., deren Spezialität zwar die Bergung ist, die aber mit Partnerorganisationen wie action medeor auch die medizinische Versorgung übernehmen könnte. Nach dem Erdbeben in Haiti betrieb I.S.A.R. wochenlang ein Feldlazarett.

Und so sitzt auch Mark Rösen, trotz des Abbruchs des Einsatzes, innerlich irgendwie immer noch auf gepackten Koffern.



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Roana, 16.03.2011
1. Helfersyndrom?
Oder Wehrdienstverweigerer?
eikfier 16.03.2011
2. ...Japan kann nicht anders - ohne reflektieren geht sowas bei keinem Menschen!
Zitat von sysopDas*THW zog seine Mitarbeiter aus Japan ab, andere Helfer aus Deutschland schaffen es gar nicht erst ins Katastrophengebiet: Bürokratische Hürden behindern die Arbeit. Das Land hat keine*Hilfeersuchen gestellt, die Retter werden nicht in die betroffenen Regionen gelassen - der Frust wächst. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751146,00.html
...hätte man sich das aber nicht denken können, ein Volk, das Kamikaze, Harakiri und Walfang in seinem traditionellen Denken, verbunden mit der nicht aufgearbeiteten Unterdrückung von ganz Ost-Asien mit sich herumträgt, stellt doch wohl keinen Antrag auf Hilfeersuchen...
Dunedin, 16.03.2011
3. Gutmenschen sind anstregend
Dieses ewige Aufdrängeln der Deutschen wenn es darum geht anderen helfen zu wollen ist widerwärtig und zeugt i.d.R. von wenig Respekt dem Gebeutelten. Wenn Japan keine Hilfe angefordert hat, dann muß man das eben so hinehmen und nicht ungefragt die Helfer in´s Land schicken. Amerika ist da genauso schlimm. Die schicken auch immer gerne ungefragt ihre sog. Experten an die Unglücksstellen, auch wenn niemand sie angefordert hat.
micdinger 16.03.2011
4. Helfersyndrom
"Sie würden gerne mehr tun, doch sie können nicht." Oft auch ein Zeichen von Überheblichkeit. Viele "Geholfene" wissen ein ein Lied davon zu singen.
shovelbolle 16.03.2011
5. Deutsche Rettungsteams in Japan ?
So lobenswert die Absichten der THW`ler auch sind muss man sich doch fragen was das auch soll ? Deutsche THW-Kollegen in Japan ? Da müssen die Helfer in Deutschland erstmal eingesammelt werden, danach sind ca 11 Stunden Flugzeit angesagt und in Japan muss natürlich mindestens ein Übersetzer präsent sein. Unsinn. Ich denke daß können die Kollegen aus Korea, Australien,etc schneller soll heißen: Effektiver. Wenn das deutsche THW technische Ausrüstung rüberkarren will geht das durchaus in Ordnung aber bitte überlassen sie die knappen Resourcen (Übersetzer, Fahrer, etc) im Katastrophengebiet den ausländischen Kollegen die schneller da sind und Umständen sogar die Landessprache beherschen so wie eben es viele Australier, Kiwis, Amis und Koreaner eben können. Man kann zur Abwechslung auch mal unterstützend wirken. Dieses THW-Ego hat auch bei der Aktion in Haiti für Stirnrunzeln gesorgt und man muss sich fragen wem die Kollegen helfen wollen ? Nochmal: Meine Hochachtung und Respekt für die THW-Kollegen aber wir wissen alle daß das THW eine grosse Organisation ist und Medienpräsenz zeigen muss.
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