Japans Katastrophengebiet Tepco zahlt Fukushima-Opfern 400 Millionen Euro

Die japanische Regierung drängt den Betreiber der AKW-Ruine Fukushima zu raschen Entschädigungszahlungen. Jeder Haushalt der evakuierten Sperrzone soll von Tepco rund 8300 Euro erhalten - große Familien fühlen sich benachteiligt.

DPA

Tokio - Tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen und konnten nur wenige Habseligkeiten in Notunterkünfte mitnehmen: Nun hat der Betreiber des havarierten Atomkraftwerks Fukushima I auf Druck der japanischen Regierung erste Entschädigungszahlungen angekündigt.

Das Unternehmen werde für Haushalte innerhalb eines Umkreises von 30 Kilometern um die AKW-Ruine jeweils eine Million Yen, also rund 8300 Euro pro Familie, zahlen. Das gaben Konzernchef Masataka Shimizu und das japanische Handelsministerium am Freitag bekannt. Ein-Personen-Haushalte bekämen 750.000 Yen, rund 6200 Euro, kündigte Shimizu an. Mit dem Geld sollen aus den Evakuierungsgebieten umgesiedelte oder wegen der hohen Radioaktivität zum Verbleib in ihren Häusern gezwungene Menschen kurzfristig ihre Lebenshaltungskosten decken.

"Das Geld ist ein kleiner Schritt", sagt Akemi Osumi, die Regelung sei aber unfair gegenüber größeren Familien. Die 48-Jährige ist Mutter dreier Kinder und stammt aus der Stadt Futaba nahe des AKW Fukushima I. Mittlerweile lebt ihre Familie in einer Notunterkunft nördlich von Tokio und muss zudem eine Wohnung für den ältesten Sohn mieten, damit er seine Berufsschule besuchen kann. "Eine Million Yen sind dafür nicht sehr viel", sagt Osumi. Sie ist verärgert, dass die Zahlungen nicht von der Anzahl der Familienmitglieder abhängen.

Auch Kazuko Suzuki ist nicht zufrieden. Die alleinerziehende Mutter von zwei Teenagern lebt ebenfalls in einer Notunterkunft. Sie musste für ihre Familie Kleidung, Lebensmittel, Shampoo und andere Dinge des täglichen Bedarfs kaufen, weil sie bei ihrer Flucht keine Zeit mehr hatte, einen Koffer zu packen. Die 49 Jahre alte Sozialarbeiterin hat ihren Job wegen der Katastrophe verloren. "Wir mussten Geld für so viele zusätzliche Dinge ausgeben, und wir wissen nicht, wie lange wir das noch durchhalten", sagt Suzuki.

Seit der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe Mitte März tritt Radioaktivität aus dem Atomkraftwerk aus. Wegen der Strahlung mussten Tausende Menschen das Gebiet verlassen. Wann oder ob sie jemals wieder nach Hause zurückkehren dürfen, ist unklar. Viele Landwirte und Fischer in der Region fürchten um ihre Existenz. Einige ihrer landwirtschaftlichen Produkte dürfen auf Weisung der Regierung nicht in den Handel. Die dadurch entstehenden finanziellen Schäden sind mit den vorläufigen Entschädigungen noch nicht abgedeckt.

"Es wird einige Zeit dauern, bis jeder sein Geld bekommt"

Innerhalb der 30-Kilometer-Sicherheitszone gibt es etwa 50.000 Haushalte, die nun Anspruch auf die Zahlungen haben. Ministeriumssprecher Hiroaki Wada sagte, Tepco werde die Entschädigungszahlungen sobald wie möglich leisten. Er wies aber darauf hin, dass es allein 150 Evakuierungszentren gebe. "Es wird einige Zeit dauern, bis jeder sein Geld bekommt", sagte auch Handelsminister Banri Kaieda bei einer Pressekonferenz. Die Regierung wolle aber, dass Tepco seinen Verpflichtungen möglichst rasch nachkomme, um die Betroffenen zu unterstützen.

Die ersten Zahlungen sollen voraussichtlich noch in diesem Monat erfolgen. Die Gesamtsumme wird auf rund 400 Millionen Euro geschätzt. Es handele sich um eine vorläufige Maßnahme, betonte Ministeriumssprecher Wada. Mit weiteren Entschädigungszahlungen sei zu rechnen. Eine endgültige Summe dafür wurde aber noch nicht festgelegt.

Nach Beginn der Atomkatastrophe wurde zunächst ein Gebiet im Umkreis von 20 Kilometern um das Atomkraftwerk evakuiert. Weitere Ortschaften außerhalb der Evakuierungszone sollen nun ebenfalls geräumt werden. In einem Gebiet zwischen 20 und 30 Kilometern um Fukushima I wurden die Menschen zunächst aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen, und dann zum freiwilligen Verlassen der Region angehalten.

Weitere Panne bei AKW-Kühlung

Die japanische Regierung hatte den Atomunfall von Fukushima Anfang der Woche offiziell in dieselbe Kategorie eingestuft wie das Reaktorunglück in Tschernobyl 1986. Allerdings ist in Fukushima bislang nur ein Zehntel der in Tschernobyl ausgetretenen Strahlung freigesetzt worden. Derzeit ringen die Arbeiter in Fukushima damit, die Reaktoren zu stabilisieren, deren Kühlsysteme durch den Tsunami am 11. März beschädigt wurden.

Die japanische Atomsicherheitsbehörde räumte am Donnerstag eine weitere Panne bei der Kühlung der Brennstäbe im AKW ein. Versehentlich sei Wasser in ein Überlaufbecken eines Abklingbeckens geflossen, weswegen die Instrumente angezeigt hätten, dass das Hauptbecken voll sei.

Daraufhin sei die Zufuhr frischen Wassers für mehrere Tage eingestellt und erst am Mittwoch wieder aufgenommen worden. Die Temperatur und die Strahlungswerte in dem Becken seien während der Pause gestiegen, man gehe aber davon aus, dass die Brennstäbe die gesamte Zeit über mit Wasser bedeckt gewesen seien.

Einsatzkräfte hatten am Donnerstag erstmals die verstrahlte Zone im Umkreis von zehn Kilometern rund um die AKW-Ruine nach Tsunami-Opfern durchsucht. Insgesamt wurden bislang die Leichen von mehr als 13.000 Menschen entdeckt, die bei der schweren Naturkatastrophe im Nordosten des Landes ums Leben kamen. Tatsächlich dürfte die Zahl der Todesopfer jedoch etwa doppelt so hoch sein. Viele Opfer wurden vermutlich ins Meer hinausgespült. Fast 140.000 Menschen leben in Notunterkünften, nachdem sie ihre Häuser verloren haben oder zum Verlassen der Evakuierungszone aufgefordert wurden.

wit/dapd/dpa/AFP



insgesamt 40 Beiträge
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D50 15.04.2011
1. ...
Dieser Kleckerbetrag ist eine Beleidigung für die Opfer. Aber mehr ist wohl nicht drin, schließlich muss sich die Atomkraft ja weiterhin rechnen.
TiloS 15.04.2011
2. gutes Geschäft
8300 Euro für je ein Haus plus Grundstück plus evtl. Jobverlust etc. etc., ein gutes Geschäft für Tepco.
wolfgangl, 15.04.2011
3. Frechheit!
Eine bodenlose Frechheit ist das. Die Entschädigung muss den tatsächlichen Schaden ausgleichen und ein Start in ein neues Leben ermöglichen. Die 2,5 Milliarden Obergrenze in Deutschland wäre bei so einem Unglück auch recht schnell erreicht. Einige Großstädte evakuieren und neue Wohnmöglichkeiten und Arbeitsstätten für die Leute schaffen, das wäre eine ordentliche Herausforderung für die Betreiber unserer AKW's!
ornis 15.04.2011
4. Lächerlich
Selbst wenn der komplette TEPCO-Konzern an die Geschädigten übereignet würde, wäre damit nur ein Bruchteil des materiellen Schadens gedeckt. Ganz zu schweigen von den ideellen Werten, die hier im wahrsten Sinne des Wortes zum Teufel gejagt wurden!
jenzy 15.04.2011
5. ...
50.000 haushalten den verlust der aufgebauten existenz zu entschädigen wird tepco nicht möglich sein. die versicherungssummen für akws sind verhältnismäßig gering, wenn überhaupt bei naturkatastrophen gezahlt wird... die heimatlosen werden nun vom staat abhängig sein. atomstrom ist wirklich billig...
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