Geretteter Höhlenforscher Johann Westhauser Glücksmoment am Untersberg

Plötzlich ragt ein Arm aus dem Loch. Dann kommt ein Kopf zum Vorschein, dann ein Mann auf einer Trage: Um 11.44 Uhr hieven Rettungskräfte den Forscher Johann Westhauser aus der Riesending-Höhle. Björn Hengst war in den letzten Minuten ganz nah dabei.

Bergwacht Bayern

Vom Untersberg berichtet


Es ist bis zum Schluss ein Kampf um jeden Zentimeter. Sie drehen hier oben am Eingang der Riesending-Schachthöhle an der Seilwinde. Umdrehung für Umdrehung, um Johann Westhauser endlich wieder ans Tageslicht zu holen - den Höhlenforscher, der am Pfingstsonntag im Inneren des Höhlensystems durch Steinschlag ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten und zunächst auf rund tausend Meter Tiefe festgesessen hatte. Was folgte, ist eine beispiellose Rettungsaktion in den deutschen Alpen.

Erst greift einer der Retter zur Winde, dann hilft ein zweiter. Das rasselnde Geräusch erinnert an eine Fahrradkette im Rückwärtsleerlauf. Es ist auch hinter dem rot-weißen Absperrband der Polizei und trotz des Generators zu hören, dessen pausenloses Brummen der Stille hier oben schon vor einigen Tagen ein Ende setzte.

Auf rund 1800 Meter Höhe liegt der Eingang zum Riesending, das Felsplateau des Untersbergs im Berchtesgadener Land ist mächtig: rund 70 Quadratkilometer groß, eine wellenförmige, hügelige und schwer einsehbare Landschaft. Rasiermesserscharfes und spitzes Karstgestein, Latschenkiefern, wohin man schaut, dazu tiefe Schluchten, steile Abhänge, schmale Pfade.

Blicke in die Tiefe

Umso erstaunlicher ist es, wie schlafwandlerisch sicher die Piloten ihre Polizeihubschrauber zur Landung auf einen platten Felsblock drücken, der nicht weit vom Eingang der Höhle liegt. Es sind kaum mehr als fünf mal fünf Meter, die für das Manöver reichen müssen.

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Rettungsaktion geglückt: Höhlenforscher Westhauser ist in Sicherheit
"Attenzione", ruft einer der italienischen Höhlenretter, die zwei Männer an der Winde halten inne. Nach einer kurzen Pause Entwarnung, rund 30 Minuten geht das so. Kurbeln, Pause, kurbeln. Die rund 30 Einsatzkräfte, die hier oben postiert sind und eben noch dösend auf Felsen gelegen hatten, sind längst nah an den Rand der Höhle getreten. Sie starren jetzt alle nach unten in die Tiefe. Irgendwann muss Westhauser oben sein, aber es dauert.

Plötzlich lugt ein ausgestreckter Arm aus dem Loch hervor. Dann ist ein Kopf zu sehen, der in einem weißen Helm steckt. Ein Mann auf einer Trage - Westhauser ist um 11.44 Uhr nach Tagen in der Dunkelheit wieder im Freien.

SPIEGEL ONLINE

Was Westhauser in diesem Moment denken und fühlen mag? Den abgeschiedenen Ort, die ursprünglich versteckt liegende größte Höhle Deutschlands, die er mitentdeckte, hat er so jedenfalls noch nie gesehen: Einen Container haben die Helfer hier runtergelassen, drei Zelte stehen hier und um ihn herum ist jetzt ein einziges Gewusel. Polizisten, Ärzte, Sanitäter, Helfer der Bergwacht, Männer in verdreckten Spezialanzügen, die irgendwann im Lauf des Vormittags aus der Höhle gekrochen waren.

Ihre Stirnlampen funkeln auch noch bei Tageslicht. Nachts hatten sie das Areal um den Höhleneingang mit ihren mal hier hin, mal da hin leuchtenden Lampen zu einem gespenstischen Gelände auf dem Untersberg gemacht - erst recht, wenn die dröhnenden Hubschrauber kaum zu sehen waren, weil die Piloten offenbar mit Nachtsichtgeräten flogen.

Um kurz vor zwölf erscheint am Donnerstag am Horizont der Hubschrauber, der Westhauser in ein Krankenhaus bringen soll. Die Maschine setzt um 11.57 Uhr auf dem Felsen auf. Es dauert nicht lang, bis die Helfer die Trage greifen. Es sind nur noch ein paar Meter zum Hubschrauber, zuletzt müssen sie ein Stück aufwärts auf den Felsen. Wie ein Ameisenhaufen wirken die Helfer am Hang, sie alle hieven Westhauser Meter für Meter in den Hubschrauber.

Um 12.05 Uhr schließt ein Mann die Hubschraubertür, die Maschine hebt ab, fliegt in einem kleinen Bogen Richtung Tal. Die Männer unten klatschen in die Hände, zwei von ihnen fallen sich in die Arme. Der Untersberg, um den sich Sagen und Mythen ranken, ist um eine ganz besonders glückliche Geschichte reicher.

Zum Autor
Björn Hengst ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE und Korrespondent in München.

E-Mail: Bjoern_Hengst@spiegel.de

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insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
nikiname 19.06.2014
1.
Muss trotz aller Professionalität des Journalisten ein bewegender Moment gewesen sein. Schön, dass alles geklappt hat!
patbateman-ny 19.06.2014
2. Meinen Glückwunsch und ein herzliches Vergelt's Gott.
Da kannste einfach nur noch Pipi in den Augen haben...
LDaniel 19.06.2014
3. Good job!
Good Job! Respekt vor diesen Leuten!
karend 19.06.2014
4. Riesending!
Glückwunsch an das Einsatzteam! Eine großartige Leistung; hervorragen, dass alles glücklich (und so schnell) verlief. Kurz: ein Riesending!
THINK 19.06.2014
5.
Zitat von sysopDPAPlötzlich ragt ein Arm aus dem Loch. Dann kommt ein Kopf zum Vorschein, dann ein Mann auf einer Trage: Um 11.44 Uhr hieven Rettungskräfte den Forscher Johann Westhauser aus der Riesending-Höhle. Björn Hengst war in den letzten Minuten ganz nah dabei. http://www.spiegel.de/panorama/geretteter-hoehlenforscher-wie-die-rettung-von-westhauser-ablief-a-976179.html
Endlich mal etwas, worauf man stolz und dankbar sein kann. Danke an das internationale Team, dessen Einsatz hoffentlich entsprechend honoriert wird.
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