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Jüngstes Gericht: "Gott gießt seinen Zorn über Amerika"

Von Alexander Schwabe

Voodoo, sexuelle Ausschweifungen, dekadentes Leben - für fundamentalistische Prediger ist klar: Gott hat den Sündenpfuhl New Orleans zerstört. Hurrikan "Katrina" setzte der "Feier der Sünde" ein Ende.

Mardi Gras in New Orleans: Trubel im "verdorbenen, giftigen, stinkenden Sündenpfuhl"
AP

Mardi Gras in New Orleans: Trubel im "verdorbenen, giftigen, stinkenden Sündenpfuhl"

Hamburg - Angesichts der größten Naturkatastrophe in der jüngeren Geschichte der USA zeigt sich Condoleezza Rice, Tochter eines Presbyterianer-Pfarrers aus Alabama und engste Vertraute des "wiedergeborenen Christen" George W. Bush, gottergeben.

Reverend Malone Smith wies seine Gemeinde bei einem Gottesdienst im größtenteils zerstörten Mobile an: "Wartet auf den Herrn." Es gebe Dinge, die der Präsident tun könne, es gebe Dinge, die die Regierung leisten könne, doch Gott allein könne alle Dinge tun. Rice nickte zustimmend. Später wiederholte die US-Außenministerin die Worte des Predigers: "Der Herr wird zu seiner Zeit kommen - wenn wir nur darauf warten."

Andernorts lösen derart ohnmächtige Worte der mächtigsten Frau der Welt nichts als Wut und Verzweiflung aus. Kurz nachdem Rice der Gemeinde Mobile empfohlen hatte, auf den Herrn zu warten, brach Aaron Broussard, Vorsitzender der Jefferson Gemeinde, südlich von New Orleans vor den laufenden Kameras des Nachrichtensenders NBC in Tränen aus angesichts der im Elend wartenden Menschen: "Man hat uns versprochen, die Kavallerie würde kommen, ja, die Kavallerie würde kommen. Ich begann schon, die Hufe der Pferde zu hören..." Stattdessen gab es jede Menge Pressekonferenzen. "Ich habe die Nase voll von Pressekonferenzen", sagte er verzweifelt, "um Gottes willen, haltet endlich den Mund und schickt uns jemanden."

Doch nicht nur bei Politikern, die mit einer Wortflut die Wassergewalten zurückdrängen wollen, steht der Mund nicht still. Auch wortgewaltige Prediger haben im Elend Konjunktur. Die Neigung, das Desaster mit übernatürlichen Mächten in Verbindung zu bringen, ist nicht nur bei Außenministerin Rice groß. Reverend Bill Shanks, Pfarrer in New Orleans, ist einer von denen, die sich berufen fühlen, die Katastrophe zu deuten: "Gott hat die Stadt zerstört." Und er habe dies mit gutem Grund getan: "New Orleans ist nun frei von Abtreibungen", frohlockt der Geistliche, "frei von Mardi Gras, frei von 'Southern Decadence' und den Unzüchtigen, von Hexern und falscher Religion". Gott habe New Orleans in seiner großen Güte von "all diesem Zeug" gesäubert.

"Hurukan", der böse Geist

Voodoo-Ritual in New Orleans: Beschwörung "dunkler Geister"
AP

Voodoo-Ritual in New Orleans: Beschwörung "dunkler Geister"

"Säuberung" ist ein zentrales Motiv bei den irrlichternden Sinndeutern. Michael Brown, verrufen als katholischer Drudge-Reporter - in Anspielung auf den Klatschschreiber und Vorläufer der Blogger, Matt Drudge, schreibt auf seiner gut besuchten Seite SpiritDaily.com, "Katrina" sei "definitiv" eine Seelenreinigung für New Orleans. Alles was in den Kram passt, wird den Katastrophendeutern zum Beweis ihrer kruden Thesen. Es sei kein Zufall, so Brown, dass der Name "Katrina" vom griechischen Begriff "Katharsis", Reinigung, komme.

Brown geriert sich gar als Mann, dessen prophetische Gaben nun belegt sind. Schon vor vier Jahren habe er gewarnt angesichts der okkulten Voodoo-Praktiken und der sexuellen Verkommenheit in "The Big Easy": "Wer dunkle Geister heraufbeschwört, wird Sturm ernten. Ausgerechnet das Wort 'Hurrikan' bedeute - abgeleitet vom indianischen 'Hurukan' - böser Geist", schreibt Brown.

Die radikalen Prediger sind dabei so gnadenlos und fehlgeleitet wie der sich selbst als Mann Gottes verstehende TV-Prediger Pat Robertson, der jüngst dazu aufrief, Venezuelas Präsidenten Hugo Chavez zu töten - und dabei das fundamentale christlich-jüdische Tötungsverbot völlig außer Acht ließ.

Politiker im amerikanischen Bible-belt haben sich von den Botschaftern des Zorns bereits anstecken lassen. Oliver Thomas, Vorsitzender des Stadtrats von New Orleans, der den ganzen Horror in der Südstaatenmetropole selbst miterlebt und die Angst schürenden Vergleiche mit Sodom und Gomorrha ständig in den Ohren hatte, sagt: "Vielleicht will Gott uns damit reinigen." Er wird dabei kaum an die Stadtwerke von New Orleans gedacht haben.

Es geht um die Reinigung des "verdorbenen, giftigen, stinkenden Sündenpfuhls, der Kotgrube" New Orleans, wie es die radikale Westboro Baptist Church sieht. Auf ihrer Website godhatesamerica.com dankt sie Gott für Hurrikan "Katrina". "Es ist eine Sünde, sich nicht daran zu erfreuen, wenn Gott seinen Zorn und seine Rache über Amerika ausgießt", heißt es. New Orleans gilt der Hassorganisation gegen Homosexuelle - die als die allerverdammenswertesten Sünder gelten, moralisch verwerflicher noch als Mörder - als "Symbol Amerikas".

Dschihadistin "Private Katrina"

Lesben- und Schwulenparty: Ein Fall für den Zorn Gottes
AP

Lesben- und Schwulenparty: Ein Fall für den Zorn Gottes

Während im politischen Amerika die Diskussion über die Verantwortung des katastrophalen Krisenmanagements immer schärfer wird, und Bush Gefahr läuft, sein Image als entscheidungsstarker Führer zu verlieren, ist die Antwort bei vielen fundamentalistischen Predigern klar: Die Bewohner New Orleans sind selbst schuld. Es traf sie der Zorn Gottes, denn sie führten ein sündiges Leben.

Übernatürliche Erklärungen für das Naturphänomen schwirren nicht nur in den USA durch die Köpfe. Von Islamisten wird "Private Katrina" als Kämpferin im Heiligen Krieg gegen die USA gefeiert, als gottgewirkte Antwort auf den Irak-Krieg. Jüdische Fanatiker sehen in "Katrina" dagegen eine Strafe Gottes für die amerikanische Unterstützung des israelischen Abzugs aus dem Gaza-Streifen.

"In Schützengräben gibt es keine Atheisten", heißt es. Die Menschen suchen in Krisenzeiten Zuflucht in der Religion, sie suchen nach Orientierung, weil sie das über sie hereingebrochene Unglück nicht fassen können. Louisianas Gouverneurin Kathleen Blanco nahm dieses Bedürfnis auf, als sie einen landesweiten Tag des Gebets forderte, um "Stärke, Hoffnung und Trost" zu erfahren. Doch bei den sektiererischen Rattenfängern können die Leidgeprüften nicht mit Barmherzigkeit rechnen.

Der Verlust von Menschenleben sei zwar zutiefst traurig, doch der von Gott geschickte Hurrikan habe eine verruchte Stadt zerstört, predigt Michael Marcavage, Direktor der in Philadelphia ansässigen Fundamentalisten-Organisation "Repent America" ("Reuiges Amerika") den Menschen, die Angehörige verloren haben und ohne Hab und Gut sind.

Stadt voller Rechtschaffenheit

Normalerweise gehen die Mitglieder des "Reuigen Amerika" auf die Straße, rufen die Menschen auf, ihre Sünden zu bereuen, sich zu Christus als ihrem persönlichen Retter zu bekennen und ein geheiligtes, an der Bibel orientiertes Leben zu führen. Nun geißeln sie das daniederliegende New Orleans, das seine Tore mit dem "Southern Decadence"-Festival oder der "Girls Gone Wild"-Party der öffentlich zelebrierten Sünde weit geöffnet habe. Er hoffe, so Marcavage, dass nach der Zerstörung eine Stadt voller Rechtschaffenheit entstehe.

Februar 2005: Die "fette Kuh" zieht durch die Canal-Street von New Orleans
AP

Februar 2005: Die "fette Kuh" zieht durch die Canal-Street von New Orleans

Für die Betreiber der Website chemtrailcentral.com ist klar, dass die seit mehr als 30 Jahren gefeierte Schwulen- und Lesbenparty "Southern Decadence", dieses Jahr auf den 31. August bis zum 5. September angesetzt - zwei Tage nachdem "Katrina" auf die Küste traf, ein wesentlicher Grund der Naturkatastrophe war. Vergangenes Jahr zogen am "Gay Mardi Gras" rund 100.000 Teilnehmer durch die Bourbon-Street im French Quarter. "Katrina" setzte dieser "Feier der Sünde" ein Ende.

Pfarrer Martin Reynolds von der "Lesbisch-schwulen Christenbewegung" (LGCM) verwehrt sich gegen solche theologischen Irrläufer. "Dies ist eine schreckliche, böse Lesart der Liebe Gottes. Es ist grausam, kriminell und widerspricht allem, was ich von der Schrift und der Liebe Gottes verstanden habe." Er hoffe sehr, dass die Menschen in den betroffenen Gebieten wahre Christen nicht mit jenen Leuten gleichsetzen.

Das Gros der Glaubenden scheint gegen die Zorn-Gottes-Prediger gefeit zu sein. Viele der Überlebenden danken Gott, dass sie den Sturm und die Flut überlebt haben. Mitten im "Sündenpfuhl" besuchen Zurückgebliebene einen improvisierten Gottesdienst, denn in der überschwemmten Stadt sind alle Kirchen geschlossen. Sie treffen sich etwa im "Kajun's Pub" im French Quarter. Annie Williams lehnt an einem Billardtisch: "Wir brauchen keine Kirche, um zu beten. Der Herr hört uns, wo immer wir auch sind." Wirtin Joann Guidos sagt: "Hier beten alle für die Opfer, und wir danken dem Herrn, dass er uns am Leben ließ."

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