Jugendkriminalität: Jesse James 2.0

Colton Harris-Moore ist ein Phantom. Zig Diebstähle und Einbrüche soll der 18-jährige Amerikaner begangen haben. Doch der Polizei gelingt es nicht, ihn zu fassen. Die Spezialität des Teenagers: Er klaut Flugzeuge - und bringt sie per Bruchlandung zu Boden. Im Internet wird der junge Dieb gefeiert.

Colton Harris-Moore: Catch him if you can Fotos
AP

Washington - Vielleicht überspannt Colton Harris-Moore den Bogen gerade ein wenig. Sein Erfolg steigt ihm zu Kopf. Der 18-jährige Meisterdieb aus den USA narrt seit Monaten die Polizei, klaut Flugzeuge, Kreditkarten, bricht in Häuser ein. Gefasst wurde er bislang nicht. Die Sympathien hat der abgebrühte junge Mann auf seiner Seite. Wenn er es mit der Eitelkeit nicht übertreibt. Gerade fiel der Polizei ein Selbstporträt in die Hände, das Harris-Moore selbstgefällig mit einer Digitalkamera von sich machte. Bald, so hoffen die Ermittler, könnten sie ihn haben - aber noch ist es nicht so weit.

In seinem Heimatbezirk Island County, US-Bundesstaat Washington, ist Colton Harris-Moore ein Held. Es gibt T-Shirts mit seinem Konterfei und dem Aufdruck "Seine Mama hat wirklich alles versucht". Auf der Internetplattform Facebook hat er einen Fanclub, der 4444 Mitglieder zählt. Seine Anhänger vergleichen ihn schon mit Jesse James, einem der bekanntesten Banditen der amerikanischen Geschichte - "ohne die Morde". Die Polizei, das wünschen ihm seine Verehrer, soll sich auch weiterhin die Zähne an ihm ausbeißen. "Flieg, Colt, flieg", feuern sie ihn an.

Die Masche mit den Flugzeugen ist Harris-Moores Kabinettstückchen. Der Teenager soll schon drei Propellermaschinen gestohlen haben. Er knackt sie, fliegt umher, bis der Tank leer ist und bringt sie wieder runter - irgendwie, zur Not per Bruchlandung. Bislang blieb er dabei unverletzt. Einen Pilotenschein hat Harris-Moore natürlich nicht. Auf einem Computer, den er benutzt hatte, fand die Polizei Handbücher und Fluganleitungen.

Die letzte als gestohlen gemeldete Maschine - eine Cessna 182 im Wert von umgerechnet rund 340.000 Euro - wurde kürzlich nach einer Bruchlandung im Wald gefunden. Das Benzin war ausgegangen.

"Er ist ein verwildertes Kind"

Die Polizei bringt den 18-Jährigen mit Verbrechen in fünf Bezirken Washingtons in Zusammenhang. Immer geht es um Diebstähle, außer Flugzeugen klaut Harris-Moore auch Nobelkarossen und Boote. Die Behörden bereiten zudem Anklagen wegen Internetbetrügereien und Einbrüchen in mehr als einem Dutzend Fällen gegen ihn vor. Auch die Spuren aus einem Flugzeugcockpit sollen ihnen helfen, den jugendlichen Delinquenten zu fassen. Endlich.

Das Versteckspiel mit der Polizei scheint Colton, genannt "Colt", Spaß zu machen.

Er galt schon immer als Einzelgänger, wuchs bei seiner Mutter in einem maroden Anhänger auf. Als er zwölf war, wurde Colt wegen eines Diebstahls zum ersten Mal festgenommen. Bis zu seinem 15. Geburtstag holte die Polizei ihn knapp zehnmal zu Hause ab.

Harris-Moore brach die Highschool ab und versteckte sich in Ferienhäusern oder in den Wäldern. Er schoss in die Höhe, misst heute 1,90 Meter. Seine Pubertät verbrachte er damit, in leerstehende Häuser einer Feriensiedlung an der Küste einzubrechen. Einmal schnappten ihn die Beamten, als er es sich nach einem Einbruch gerade auf einem Sofa gemütlich gemacht und Pizza bestellt hatte.

Nach und nach ging Harris-Moore zu raffinierteren Verbrechen über. Weil er am liebsten ohne Schuhe umherstreicht, bekam er den Spitznamen "Barfüßiger Einbrecher". "Er ist ein verwildertes Kind", sagte Detective Ed Wallace, Sprecher des Island County Sheriff's Office, dem Nachrichtensender CNN. Mit einer Überlebensausrüstung zieht Colt durch die Wälder, versteckt sich auf Bäumen und narrt die Polizei. "Normalerweise bricht er in ein Haus ein und kopiert die Kreditkartennummer", sagte Wallace, "die Kreditkarte lässt er liegen, so dass die Leute nicht merken, dass sie gestohlen wurde". Harris-Moore habe auf diese Weise einen Schaden von mehreren tausend Dollar verursacht.

"Ich kratze mich am Kopf und frage mich, warum wir dieses Kind nicht schnappen können", sagte Sheriff Kelly Mauck den "ABC News". "Er ist unglaublich gut darin, sich uns zu entziehen, aber er ist ein lausiger Verbrecher", sagte Mauck - weil Harris-Moore so viele Spuren an den Tatorten hinterlässt.

Und trotzdem: Jedes Mal, wenn die Polizei einen Tipp bekommt, wo der 18-Jährige steckt, geht ein langwieriger Lauf durch die Instanzen los. Bis Haftbefehle und Durchsuchungsbeschlüsse da sind, ist Harris-Moore längst verschwunden.

"Jedes Mal, wenn was geklaut wird, schieben sie es Colt in die Schuhe"

Im Jahr 2007 endete sein Versteckspiel dann doch für kurze Zeit. Die Polizei nahm ihn fest, ein Gericht sprach ihn wegen Einbruchs in drei Fällen schuldig. Man steckte ihn in den offenen Vollzug für jugendliche Straftäter. Doch Colt ließ sich nicht lange einsperren. Nach knapp einem Jahr entwischte der Junge - durchs Fenster.

Im vergangenen Herbst wurde Harris-Moore in einem gestohlenen Mercedes entdeckt. Nach einer wilden Verfolgungsjagd fand die Polizei jedoch nur noch das Auto. Der Junge war - wieder einmal - verschwunden. Im Wagen lag besagte Digitalkamera. Auf deren Speicherkarte konnte die Polizei ein gelöschtes Foto retten. Es zeigt ein Selbstporträt von Harris-Moore in einem T-Shirt des Autobesitzers.

Seine Mutter glaubt nicht daran, dass ihr Sohn schuldig ist - zumindest für die Flugzeugdiebstähle sei ihr Sprössling nicht verantwortlich. "Jedes Mal, wenn irgendetwas geklaut wird, schieben sie es Colt in die Schuhe", sagte Pam Kohler der Zeitung "Everett Herald". "Selbst wenn man der cleverste Mensch der Welt ist, braucht man wenigstens ein bisschen Training. Ein Flugzeug zu fliegen ist nicht einfach." Flugzeuglehrer Devin Tolentino dagegen sagt, es sei möglich: "Die Wright-Brüder haben sich auch selbst das Fliegen beigebracht. Die Landung ist der schwierigste Part, aber wenn du dir keine Gedanken darum machst, ob du das Flugzeug noch mal benutzen willst, kann es gehen."

In der vergangenen Woche gab es einen neuen Zwischenfall. Schon wieder war ein Flugzeug verschwunden, im Städtchen Bonners Ferry im Bundesstaat Idaho. Anwohner berichteten von einer Maschine im Tiefflug.

Von Harris-Moore keine Spur. Mit einem gestohlenen Boot soll er sich nach Point Roberts abgesetzt haben, einer kleinen Halbinsel direkt an der Grenze zu Kanada.

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