Jurstisches Neuland Der schwierige Prozess gegen den Kannibalen

Der Prozess gegen den "Kannibalen von Rotenburg" beginnt heute am Kasseler Landgericht. In dem in der Justizgeschichte einmaligen Fall hat der Angeklagte ein umfassendes Geständnis angekündigt. Kriminologen halten eine Verurteilung wegen Mordes für schwierig.




Armin M. ist des Mordes angeklagt
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Armin M. ist des Mordes angeklagt

Kassel/Berlin - Der 42 Jahre alte Computerspezialist Armin M. ist angeklagt, einen Ingenieur aus Berlin vor laufender Kamera erstochen und Teile der Leiche gegessen zu haben. Das 43 Jahre alte Opfer willigte angeblich vorher in die Tat ein. Die Anklage lautet auf Mord. Der Verteidiger geht von Tötung auf Verlangen aus.

Auf die Spur des Kannibalen kam die Polizei nach dem Hinweis eines Innsbrucker Studenten. Fahnder durchsuchten daraufhin im Dezember 2002 das Anwesen des Angeklagten. Dabei stießen sie auf vier Gefrierbeutel mit Menschenfleisch, im Garten gruben sie Knochen und einen Schädel aus. Der Beschuldigte gestand daraufhin das blutige Geschehen vom März 2001. Seinem aus Berlin angereisten Opfer habe er mit einem Küchenmesser das Geschlechtsteil abgeschnitten, um es gemeinsam mit ihm zu verzehren. Anschließend habe er den Mann erstochen und in Stücke geschnitten. Das Fleisch habe er portionsweise tiefgefroren und später zum Großteil gegessen.

Da Kannibalismus in Deutschland nicht unter Strafe steht, ist die Verurteilung des Osthessen schwierig. Die Anklage legt ihm Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebes zur Last. Die bei der grausigen Tat gedrehten Videos hätten ihn sexuell erregt. Die Verteidigung geht indes nur von Tötung auf Verlangen aus, da das Opfer von Anfang an bereit gewesen sein soll, sich umbringen zu lassen. Einem psychiatrischen Gutachten zufolge ist M. voll schuldfähig.

Nach Expertenansicht wird die Beweisführung in dem Verfahren trotz weitgehend klarer Faktenlage schwierig. Der Leiter der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden, Rudolf Egg, sagte der Nachrichtenagentur ddp, die Staatsanwaltschaft müsse nachweisen, dass nicht bloß der gesamte Tathergang, sondern die Tötung an sich sexuell motiviert gewesen sei. Wenn das Umbringen sich mehr als "Mittel zum Zweck" erweisen sollte, scheide eine Verurteilung wegen Mordes aus. Der mutmaßliche Kannibale könnte nach Ansicht des Kriminologen in diesem Falle lediglich wegen Totschlags belangt werden. Dafür sieht das Gesetz aber Haftstrafen ab fünf Jahren und Lebenslang nur in besonders schweren Fällen vor. Hier kommen nach Eggs Worten die besonderen Umstände des Falles zum Tragen, denn das Opfer hatte den Ermittlungen zufolge in die Verstümmelung und Tötung eingewilligt. Und dieses Einverständnis müsste nach Ansicht des Experten im Strafmaß berücksichtigt werden.

Der Angeklagte und sein späteres Opfer lernten sich über das Internet kennen. Dort veröffentlichte der Angeklagte eine Anzeige, mit der er jemanden zum Schlachten und Aufessen suchte. Darauf meldete sich sein späteres Opfer. Der Innsbrucker Student stieß später im Internet auf einen erneuten Aufruf des Kannibalen, mit dem dieser nach neuen Opfern Ausschau hielt, und schlug Alarm. Bei ihren Ermittlungen deckte die Polizei im Umfeld des Kannibalen eine Szene von rund 430 Menschen auf, die sich ebenfalls für Kannibalismus begeistern. Hinweise auf weitere Kannibalismusfälle ergaben sich nicht.

Zu Prozessauftakt wird in Kassel mit einem großen Andrang von Zuschauern und Medienvertretern aus aller Welt gerechnet. Die Zahl der Sitzplätze im Gerichtssaal ist auf gut 70 begrenzt. Für das Verfahren, das 34 Ermittlungsakten füllt, hat das Landgericht zunächst 14 Verhandlungstage bis Ende Januar 2004 angesetzt. Es sind 38 Zeugen, ein Psychiater, ein Gerichtsmediziner und ein Toxikologe geladen.



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