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16.12.2005
 

Rassenunruhen in Sydney

Brüchige Waffenruhe am Badestrand

Aus Sydney berichtet Mia Raben

Nach den jüngsten Rassenunruhen befindet sich Australien im Schockzustand. Erst hatte ein weißer Mob dunkelhäutige Menschen gejagt und verprügelt, dann kam es zu blutigen Racheakten der Opfer. Die Ruhe, die inzwischen eingekehrt ist, ist trügerisch.

Sydney - Verkohlte Balken und verbogene Wellblechfetzen ragen in den blauen Sommerhimmel. In der stillen Seitenstraße hält ein Auto. Die Scheiben surren herunter. Schweigend starren ein Vater, sein Sohn und seine Tochter auf den Absperrzaun. Dahinter hat in der Nacht auf Mittwoch ein Feuer ihr Gemeindehaus zerstört.

Australischen Medienberichten zufolge steht der Brand in einem christlichen Zentrum von Auburn, einem multikulturellen Stadtteil der australischen Hafenstadt Sydney, mit den Rassenunruhen der vergangenen Tage in Verbindung. In der gleichen Nacht warfen im Vorort Macquarie Fields unbekannte Täter Molotow-Cocktails auf eine Kirche.

Die Anschläge auf religiöse Zentren in Sydney folgen auf eine Serie rassistischer Ausschreitungen, die am Sonntag vor knapp zwei Wochen begann. Eine Gruppe junger Männer, die "nahöstlich" aussahen - so hieß es in den Zeitungen und Fernsehsendern - hätten Besucher am beliebten Surfstrand von Cronulla Beach im Süden Sydneys angepöbelt und bedroht. Daraufhin hätten sich ein 17-jähriger und ein 19-jähriger Rettungsschwimmer eingemischt, die dann von der Gruppe krankenhausreif geprügelt worden seien.

Als Reaktion versammelten sich am vergangenen Sonntagmittag rund 5000 Australier aus der Umgebung. Unbekannte Absender hatten per E-Mail und SMS dazu aufgerufen, aus Rache "Libanesen zusammenzuschlagen" und die "australische Kultur zu beschützen". Die 17-jährige Ashley lag am Strand und beobachtete die Versammlung. "Das waren alles weiße Australier, die meisten waren Männer", sagt sie. Sie riefen Parolen wie "Australier schlagen zurück" und "Aussi Aussi Oi Oi Oi!".

"Sie waren in australische Flaggen gehüllt, tranken Bier in der prallen Sonne und hörten laute AC/DC-Musik. Meine Freunde und ich haben beobachtet, dass auch Skinheads in der Menge waren", sagt sie. "Lebs go home," hätten sie immer wieder geschrieen. Gemeint waren libanesische Einwanderer. Über 70.000 der rund 20 Millionen Australier sind im Libanon geboren, darunter sind sowohl Christen als auch Muslime.

Die Hotelmanagerin verriegelte die Türen

Irgendwann geschah dann das, was bis heute für viele Australier schwer zu fassen ist. Der 43-jährige Surfer Paul war Augenzeuge. Er trank gerade sein Bier im Strandhotel "Northies" und schaute aus dem Fenster auf die Menge. "Plötzlich kam der wild tobende Mob in unsere Richtung gestürmt", sagt er und macht eine Handbewegung als beschreibe er eine sich nähernde Riesenwelle. "Sie jagten drei oder vier Leute, die arabisch aussahen, vor sich her. Sie traten nach ihnen und beschimpften sie laut."

Der wütende Mob bewarf die Polizisten mit Bierflaschen und prügelte sich untereinander. Die Gejagten flüchteten ins "Northies", wo die Hotelmanagerin die Türen von innen verriegeln ließ. Mehr als 30 Menschen, darunter mehrere Polizisten, wurden an diesem Tag in Cronulla verletzt, 16 Personen wurden verhaftet. Der Polizeichef Ken Moroney sagte, es sei die schlimmste Gewalt, die er in seiner 40-jährigen Dienstzeit gesehen habe.

Cronulla Beach liegt im Bezirk Sutherland Shire, einem vergleichsweise homogenen Teil der multikulturellen Stadt Sydney. Hier leben vor allem sogenannte White Australians. Die Besucher des Cronulla Beach, sagt Brian Ferguson vom lokalen Surf und Life Saving Club, seien aber immer eine gesunde Mischung aus "verschiedenen Rassen" gewesen. Hier sollten sich "Bikinis neben Kopftüchern" erholen können, sagt er.

Doch die Spannung zwischen weißen und arabisch stämmigen Strandbesuchern habe sich schon seit einiger Zeit aufgebaut, sagt Ashley. "Die Libanesen kommen her und wollen mit uns Mädchen reden. Wenn wir das nicht wollen, nennen sie uns Schlampen, weil wir Bikinis tragen." Sie sei nicht rassistisch, beteuert die junge Frau. "Wenn wir Australier rassistisch wären, würden wir sie nicht ihre Moscheen bauen lassen. Wir respektieren sie. Aber sie müssen uns auch respektieren!" Es gebe Strände, sagt sie, "an die sich weiße Aussies nicht mehr trauen".

Nach den Gewaltausbrüchen vom Sonntag rückten in den darauffolgenden Nächten Wagenkolonnen mit den "nahöstlich aussehenden" jungen Männern an. In Cronulla Beach und anderen Strandorten Sydneys randalierten sie, warfen Schaufenster und Autoscheiben ein und verletzten zwei Jugendliche mit Messerstichen. Ein Mann bekam, während er seine Mülltonne vor die Tür stellte, einen Baseballschläger aus einem fahrenden Auto ins Gesicht geschlagen.

Surfclub wird zur Polizeizentrale

Seit Anfang der Woche befindet sich Australien nun schon im Schockzustand. Der Premierminister von New South Wales, Morris Iemma, bezeichnete die Gewalt als "ekelerregend". Premierminister John Howard, der im Jahr 2001 mit einer Anti-Immigrations-Kampagne die Wahl gewann, hatte nach den ersten Ausschreitungen zwar zu Toleranz aufgerufen, jedoch auch betont, er akzeptiere die Behauptung nicht, dass es "unterschwelligen Rassismus in diesem Land" gebe. Nun steht er in der Kritik. Er würde den Kopf in den Sand stecken, warfen ihm Oppositionspolitiker vor, die sich um den Ruf des Landes sorgen.

Das Regionalparlament von New South Wales trat heute trotz der bereits eingeläuteten Weihnachtspause zusammen und verabschiedete spezielle Gesetze, die der Polizei in Sydney neue Befugnisse geben. Nun darf sie in sogenannten "lockdown zones" ganze Straßenzüge blockieren und Autos stichprobenartig überprüfen. Auch Bars und Spirituosen-Läden dürfen vorübergehend geschlossen werden.

Inzwischen ist es in Cornulla wieder ruhig, ungewohnt ruhig. "Um diese Jahreszeit ist der Ort sonst voller Menschen", sagt der 19-jährige Aron, der täglich zum Joggen kommt. Viele Wochenendbesucher haben ihre Buchungen in den Hotels storniert. Gerade haben die Ferien begonnen, doch von Entspannung ist in Cronulla keine Spur. An jeder Straßenecke stehen Polizisten. Die Terrasse des Surfclubs ist zur Polizeizentrale umfunktioniert worden. Allein auf dem kleinen S-Bahnhof patrouillieren zwölf Beamte. Sie alle sind nervös wegen des kommenden Wochenendes. Nicht nur in Sydney, auch in anderen Teilen Australiens sind SMS und E-Mails aufgetaucht, die zu Gewalt aufrufen.

Ganz friedlich dagegen haben sich in einem Akt der Versöhnung Vertreter von libanesischen Gemeinden und lokalen Surfvereinen gestern symbolisch am Strand umarmt. Einige Randalierer vom Sonntag entschuldigten sich sogar in Briefen bei der libanesischen Gemeinde in Sydney. Zu den Vorfällen sei es durch den Alkoholkonsum und die "fehlende Führung" gekommen.

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