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28.05.2006
 

Amoklauf in Berlin

800 Meter blutiger Irrsinn

Ein Amoklauf über Hunderte Meter: Langsam wird deutlicher, was in der Nacht zu Samstag nach der Einweihungsfeier des Berliner Hauptbahnhofs geschah. Der mutmaßliche Täter, der 16-jährige Mike P., soll unmittelbar vor der Wahnsinnstat Streit mit einem neuen Bekannten gehabt haben.

Berlin - Einem Bericht der "Bild am Sonntag" zufolge hatte sich der Tatverdächtige am Abend gemeinsam mit Freunden bei der Feier zur Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofs betrunken. Gegen 22 Uhr soll er sich mit einem neuen Bekannten von der Gruppe getrennt haben. Dem Bericht zufolge ist dieser neue Freund kurz darauf wieder zu der Clique gestoßen. Er erhebt schwere Anschuldigungen gegen den Tatverdächtigen Mike P. Dieser habe ihn geschlagen und sein Handy geklaut.

Polizeiabsperrband vor der Luisenstraße: Blutspur durchs Regierungsviertel
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DDP

Polizeiabsperrband vor der Luisenstraße: Blutspur durchs Regierungsviertel

Gegen 23 Uhr soll sich Mike dem Zeitungsbericht zufolge auf den Heimweg Richtung Bahnhof Friedrichstraße gemacht haben - wie zahllose andere Besucher der Feier. Kurz darauf muss die Irrsinnstat des Jugendlichen begonnen haben. Gegen halb zwölf gehen die ersten Notrufe bei der Polizei ein. Bis zu seiner Festnahme legt er knapp 800 Meter im Regierungsviertel zurück. Dabei sticht er nach Angaben der Polizei seinen Opfern wahllos in Rücken, Brust und Po. "Ich war mit meiner Verlobten und meiner zukünftigen Schwiegermutter unterwegs vom Hauptbahnhof nach Hause", berichtet ein Opfer der "BamS". In der Wilhelmstraße habe er plötzlich einen leichten Schmerz in der rechten Schulter gespürt. Es sei fast wie ein Pieksen gewesen. "Ich greife nach hinten, merke dass mein Pullover ein Loch hat. Dann drehe ich mich um und sehe wie ein Messer aus meiner Schulter fällt", berichtet der Mann der Zeitung weiter.

Am Ende sind 28 Menschen verletzt, einige von ihnen schwer. Wegen des großen Gedränges dauert es in manchen Fällen zehn Minuten bis die Rettungswagen zu den Verletzten durchdringen. Weil eines der ersten Opfer HIV-infiziert ist, besteht für alle, die mit dem Blut in Berührung gekommen sind, Ansteckungsgefahr. 15 Personen werden derzeit noch stationär behandelt.

Dem mutmaßlichen Täter wird versuchter Mord in 24 Fällen und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Heute will die Polizei weitere Opfer und Zeugen vernehmen. Davon erhoffen sich die Ermittler weitere Klarheit über den genauen Tathergang. "Wir müssen ein lückenloses Bild von den Vorfällen haben", sagte der Polizeisprecher Uwe Kozelnik.    

Mike P. selbst war der Polizei schon vor dem Wochenende bekannt. Wegen Prügelei und Sachbeschädigung in der Schule. Am Samstagabend nehmen ihn die Beamten fest, nachdem ihn der Sicherheitsdienst des neuen Bahnhofs überwältigt hat. Da ist Mike völlig betrunken. In der ersten Vernehmung gibt er sich der "BamS" zufolge "frech und aufmüpfig". An die Tat habe er keine Erinnerung, berichtet er den Beamten.

Nachbarn beschreiben den Jugendlichen als leicht aufbrausend. Der "BamS" sagen sie, Mike habe häufig einen Schlagring getragen und ein Butterfly-Messer dabei gehabt. Zudem soll er häufig Marihuana geraucht haben.        

Sein älterer Bruder hatte ihn zuvor als liebenswürdigen Menschen beschrieben. "Irgendetwas muss gewesen sein, dass er nicht mehr wusste, was er macht", sagte er in der "Abendschau" des rbb-Fernsehens. Sein Bruder schreibe Gedichte für seine Freundin, sei lieb zu seinem Neffen und zu seinen kleinen Geschwistern.

Seine Cousine schildert ihn im "Tagesspiegel" ähnlich.Unter Jugendlichen in Berlin sind Messerstechereien keine Seltenheit: Die Jugendkriminalitätsstatistik weist für das vergangene Jahr 612 Straftaten mit Messern aus, wobei allerdings nicht immer Menschen zu Schaden kamen.

ler/BamS/ddp

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