Los Angeles - Der Officer des Los Angeles Police Department (LAPD) hatte seinen Dienst schon beendet, als das Unglück geschah. Er sei gerade an seinem Schreibtisch in ein "komplexes mathematisches Problem" vertieft gewesen, wie es in einem Untersuchungsbericht heißt, als sich ein Schuss aus seiner Waffe löste und ihn ins Bein traf.
Das Bild des Polizisten, der es mit schwer bewaffneten Gangstern aufnimmt und sein Leben in wilden Schusswechseln riskiert, muss einem Bericht der "Los Angeles Times" zufolge korrigiert werden. Eine Analyse des LAPD über die Gefährdung von Beamten brachte nämlich verblüffende Zahlen ans Licht.
Zwischen 1985 und 2005 seien 161 Beamte in der Millionenstadt durch Schusswechsel verletzt worden. Die meisten von ihnen wurden von Verdächtiger angeschossen, doch 68 Polizisten haben sich entweder selbst verletzt oder haben einen Schuss aus Waffe eines Kollegen abbekommen, wie die Zeitung berichtet.
Unfälle mit der Dienstwaffe sind demnach keine Seltenheit. Die meisten versehentlichen Schüsse lösen sich, wenn Polizisten Verdächtige verfolgen oder ihre Waffe reinigen. Gelegentlich ereignen sich auch ungewöhnliche Unglücksfälle, bisweilen sogar mit grotesken Details.
So schoss ein Polizist seiner Freundin ins Bein, als er versuchte, eine Patrone aus seinem Revolver zu entfernen, um sie der Angebeteten als Erinnerung an ihr Date zu überreichen. Ein anderer Beamter drückte versehentlich den Abzug seiner Waffe, als sein Papagei ihm plötzlich ins Gesicht flog. Ein weiterer Tolpatsch löste einen Schuss aus, weil ihn der Anblick einer Frau erschreckt habe, die einen Teddybär im Arm gehalten habe. In dem Untersuchungsbericht ist außerdem von zwei Beamten die Rede, die versehentlich einen Schuss auslösten, während sie zu Hause mit ihren Waffen vor dem Spiegel posierten.
Die Beamten des LAPD sind verpflichtet, jeden Schusswechsel bei den Vorgesetzten zu melden. Selbst wenn die Unglücksraben ohne schwere Verletzungen davongekommen sind, müssen sie doch immerhin Disziplinarmaßnahmen und den Spott der Kollegen befürchten. Deswegen verschweigen viele Beamten ihre Missgeschicke.
Der ehemalige LAPD-Officer Hank Cousine sagte der "Los Angeles Times", dass er selbst schon einmal einen versehentlich abgegebenen Schuss nicht gemeldet habe. Das Missgeschick sei einem jungen Kollegen passiert, und er habe dessen Karriere nicht gefährden wollen. "Wenn niemand dabei ist, dann sagst du es auch keinem", so Cousine. "Warum solltest du dich selbst in Schwierigkeiten bringen, dich suspendieren und verspotten lassen?"
Verletzungen durch "Friendly Fire" sind zwar in der Regel weniger schwer als solche, die den Polizisten in Schusswechseln mit Verdächtigen zugefügt werden, aber es gibt auch tragische Gegenbeispiele.
Im Juli gelangte der dreijährige Sohn eines LAPD-Officers an die Neun-Millimeter-Dienstpistole seines Vaters und spielte mit der Waffe, während die beiden im Auto an einer Ampel standen. Als der Junge den Abzug betätigte, löste sich ein Schuss und traf den Vater. Der Mann ist seitdem von der Hüfte abwärts gelähmt.
"Jeder Polizist, der - egal wie - durch eine Kugel verletzt wird, ist einer zu viel", sagt Alan Skobin, der Unglücksfälle durch versehentlich abgegebene Schüsse für das LAPD untersucht. "Aber leider ist es nun mal so, dass es bei einer großen Zahl von Leuten, die regelmäßig mit Waffen umgehen, auch Unfälle gibt. Man hofft einfach, dass sie keine ernsten Folgen haben."
Die Untersuchung zeigt, dass die Zahl der Unfälle in den letzten fünf Jahren sogar gestiegen ist. Das gilt auch generell für Schusswechsel, in die Polizisten verwickelt waren. Allerdings waren in diesem Zeitraum rund ein Drittel der Schussverletzungen Folgen eines sorglosen Umgangs mit der Dienstwaffe.
Selbst bestens geschulte Experten sind offenbar nicht vor Missgeschicken gefeit. Der Untersuchungsbericht des LAPD beschreibt einen Fall, in dem ein Beamter außerhalb der Dienstzeit seiner Verlobten eine kleine Lektion erteilen wollte. Er wollte ihr zeigen, wie man verantwortungsvoll mit Waffen umgeht, und hatte zu diesem Zweck die Patronen aus seinem Kaliber-38-Revolver entfernt.
Das dachte er zumindest, denn ein Geschoss steckte noch im Zylinder der Waffe. Gerade als der Mann über "Abzugsdruck" dozierte, löste sich ein Schuss, das Projektil schlug in der gegenüber liegenden Wand ein. Der verblüffte Polizist stammte aus jener Abteilung der Polizei von Los Angeles, die sich mit der Sicherheit der Beamten beschäftigt und nach Wegen sucht, das Risiko zu minimieren.
jto
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