Von Anna Reimann
Berlin - "Frau Kampusch wird sich gegen jeden Versuch verwahren, eine Beziehung zwischen ihr und dem Entführer zu konstruieren." Diesen Satz hat deren Anwalt Gerald Ganzger zur "Bild"-Zeitung gesagt - mit aller Nachdrücklichkeit. Da scheint es ins Bild zu passen, dass Natascha Kampusch drei Wochen nach ihrer erfolgreichen Flucht aus acht Jahren Gefangenschaft einen Bericht des "Stern" als "Unsinn" zurückwies, obwohl er der Wahrheit entsprach. Nicht mehr immer wieder erklären zu müssen, warum sie nicht geflohen ist, obwohl es möglicherweise Gelegenheiten dazu gab - das wäre ein verständliches Anliegen der jungen Frau.
Natascha Kampusch: "Ich war nie Skifahren. Wer sagt sowas?"
Den "Skiausflug" hatte die 18-Jährige gestern dementiert. "Ich war nie Skifahren. Wer sagt sowas?", sagte Kampusch der Wiener "Kronen-Zeitung".
"Nicht zulassen, dass aus Opfer Täter gemacht wird"
Heute dann kam die überraschende Wendung: Kampuschs zweiter Anwalt Gabriel Lansky sagte dem österreichischen Sender Ö3, man habe so lange über den Ausflug geschwiegen, weil man befürchtete, dass die Entführung dadurch verharmlost werden könnte. "Wir werden es nicht zulassen, dass hier versucht wird - um neue "G'schichtln" zu erfinden und die Medienspirale weiterzudrehen - aus einem Opfer einen Täter zu machen", so Lansky. Gegenüber SPIEGEL ONLINE sagte Lansky: "Dass Natascha Kampusch den Bericht des 'Stern' zurückgewiesen hatte, war Teil einer Absprache mit der Polizei." Eigentlich sollte weiter ermittelt werden, "aber dann kam der Vorfall an die Öffentlichkeit".
Lansky erklärte zudem, dass schon der Begriff "Skiausflug" ein Fehler sei: "Es war Teil einer dramatischen Entführungssituation, während der Natascha Kampusch jede Sekunde bewacht wurde", sagte der Anwalt zu SPIEGEL ONLINE. Für den Fall, dass sie versuchen würde zu fliehen, drohte ihr der Entführer mit dem Tod. Unter einem "Skiausflug" indes stelle man sich vor, dass man nach ein paar Abfahrten zusammen in der Sonne liege, so Lansky.
"Wenn man sich selber mal eine Sekunde in die Lage hineinversetzt, dann versteht man, dass ein Ausflug eines Anfängers auf den Skiern nicht wirklich geeignet ist, um die einzige Fluchtmöglichkeit seines Lebens zu beginnen", sagte Lansky dem österreichischen Fernsehen.
Kampusch selbst hatte bereits von gescheiterten Fluchtversuchen während ihrer achtjährigen Gefangenschaft berichtet. Der österreichischen "Kronen-Zeitung" sagte sie, bei einer Gelegenheit habe sie aus dem Auto springen wollen. Ihr Entführer Priklopil habe sie aber festgehalten und sei dann so ungestüm mit dem Auto losgefahren, "dass ich an die Wände schlug".
Auch wegen der Sorge um das Leben anderer habe sie Chancen zur Flucht nicht genutzt, erklärte die 18-Jährige. Ihr Entführer habe ihr damit gedroht, dass er den Menschen etwas antun würde, die sie um Hilfe bitte. "Dass er sie umbringen würde. Jeden Mitwisser beseitigen würde. Und das konnte ich nicht riskieren", so Kampusch.
"Weglaufen schon rein körperlich nicht möglich"
Versucht hatte sie es trotzdem - ohne die Mithilfe anderer Menschen: Sie sei einmal zum Gartentor des Hauses, in dem sie gefangen gehalten wurde, heraus gerannt. Dann aber habe ihr Kreislauf ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht: Ihr wurde schwindlig, und sie sei dann so unauffällig wie möglich zurückgekehrt. "Das war wie bei diesen Leuten, die das Haus nicht verlassen können, obwohl alles offen ist", wurde sie zitiert.
Experten haben dafür eine Erklärung: Genauso wie Natascha Kampusch gehe es vielen Kindern, die in ihrem Elternhaus Gewalt erführen, sagte der Psychiater Eberhard Schuz im "Stern". "Sie bekommen heftige Angstanfälle, die sie so stark lähmen, dass ein Weglaufen schon rein körperlich nicht mehr möglich ist."
Dass der Interpretationswahn um die verpassten Chancen und Möglichkeiten der Natascha Kampusch auch nach ihrem ausführlichen Fernsehinterview in der vergangenen Woche weitergehen würde, war zu erwarten. Zu sehr ist Kampuschs Leben und Leiden ins öffentliche Interesse gerückt. Man bewundert sie, aber man wundert sich eben auch - nicht nur über ihre Stärke, die sie während des Fernsehinterviews in aller Eindrücklichkeit zeigte, sondern auch über ihr Verhältnis zu Entführer Priklopil. Es war gemutmaßt worden, Kampusch habe unter dem "Stockholm-Syndrom" gelitten - Psychologen benutzen den Begriff, wenn sich Täter und Opfer näher kommen. Bei einem Banküberfall in Stockholm im Jahr 1973 hatten die Geiseln mit den Tätern sympathisiert und zeitweise mehr Angst vor der Polizei als vor den Verbrechern gehabt.
Unterdessen haben sich Kampuschs Medienberater bereits wieder zurückgezogen, ihre Anwälte beantworten Anfragen von Journalisten jetzt selbst. Vielleicht kam dieser Rückzug der Medienberater zu früh. Denn mit dem Fernsehinterview hatte Natascha Kampusch gehofft, Spekulationen um ihre Person auszuräumen. Bislang aber ist von dieser Wirkung nicht viel zu sehen. "Wir prüfen alle Medienberichte, nicht nur den des 'Stern'", sagte Kampuschs Anwalt zu SPIEGEL ONLINE.
mit Material von dpa
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Justiz | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH