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12.10.2006
 

Fall Kevin

Sozialamt im Visier der Ermittler

Das Versagen der Behörden im Fall des toten Kevin hat Konsequenzen: Der Staatsanwalt ermittelt gegen die Bremer Sozialbehörde - wegen Verletzung der Fürsorgepflicht.

Bremen - Sämtliche Aktenordner hat sich die Staatsanwaltschaft in Bremen bereits kommen lassen. Sie ermittelt gegen Mitarbeiter der Sozialbehörde der Hansestadt wegen Verletzung der Fürsorgepflicht. Die Bremer Verwaltung nahm interne, disziplinarrechtliche Ermittlungen auf. Demnach müssen sich drei Mitarbeiter der Sozialbehörde Disziplinarverfahren stellen. Dabei handelt es sich um den Amtsvormund des Jungen und den zuständigen Sozialarbeiter. Der Leiter des Jugendamtes, Jürgen Hartwig, hat gegen sich selbst ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Die Grünen kündigten an, einen Untersuchungsausschuss mit dem Fall zu befassen.

Der zweijährige Kevin, der unter der Vormundschaft des Jugendamtes stand, war tot im Kühlschrank in der Wohnung seines drogensüchtigen Vaters gefunden worden. Der Fall hatte gravierende Fehler zu Tage gefördert: So lebte Kevin gegen den Rat von Experten bei seinem Vater, obwohl gegen den 41-Jährigen wegen des Todes von Kevins Mutter wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt wird.

Die Behörden hatten angegeben, nichts von diesen Ermittlungen gewusst und das Kind im Juli zum letzten Mal gesehen zu haben. Die ebenfalls drogensüchtige Mutter war am 12. November 2005 tot in der selben Wohnung wie Kevin gefunden worden.

In der Bremer Sozialbehörde wird indes auch intern geprüft, wer für den Tod des Jungen mitverantwortlich sein könnte. Die Staatsrätin Birgit Weihrauch sagte dem Nachrichtensender N24: "Wir prüfen zur Zeit auch, gegen wen und in welcher Form disziplinarische Verfahren einzuleiten sein werden." Vergleichbare Fälle sollen nun überprüft werden.

"Wir müssen alle Akten auswerten, erst dann können wir schauen, ob gegen konkrete Personen ermittelt wird", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Kevin war trotz Warnungen an seinen Vater zurückgegeben worden. Sozialsenatorin Karin Röpke war, wie auch Bürgermeister Jens Böhrnsen, bereits seit Anfang des Jahres über das Schicksal des Jungen informiert.

"Wir haben uns entschieden, die schärfste Waffe des Parlaments zu nutzen, weil der Fall einfach zu ungeheuerlich ist", sagte die Grünen-Fraktionsvorsitzende Karoline Linnert über den geplanten Untersuchungsausschuss zum Fall Kevin. Zudem forderte die Fraktion ein Sofortprogramm, wonach alle aktuellen Fälle von Kindern und Jugendlichen, die das Jugendamt betreut, neu überprüft werden müssten. Die Oppositionspartei forderte zudem die Suspendierung des Jugendamtsleiters Jürgen Hartwig.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat die Zusammenarbeit der Bremer Behörden kritisiert. Im Fall Kevin habe "das Zusammenspiel der staatlichen Hilfen sträflich versagt", sagte die CDU-Politikerin. Die Vernetzung und Kommunikation der Behörden müsse viel besser werden. Das Bundesfamilienministerium will noch in diesem Jahr ein Kompetenzzentrum einrichten, das die Aktivitäten in den Ländern koordiniert, begleitet und evaluiert. In die Einrichtung eines Frühwarnsystems für vernachlässigte und misshandelte Kinder sollen den Angaben zufolge zehn Millionen Euro investiert werden.

Den Familien, die mit der Erziehung ihres Kindes völlig überfordert seien, müsse von Anfang an geholfen werden, betonte von der Leyen. In Modellprojekten, die mit Ländern und Kommunen entwickelt wurden, sollen diese Familien vor oder ab der Geburt des Kindes intensiv begleitet werden.

Das endgültige Ergebnis der Obduktion der Kinderleiche steht indes nach wie vor aus. "Das kann noch Tage dauern", erklärte der Staatsanwalt. Der Todeszeitpunkt und die genaue Todesursache seien weiter unklar. An Kevins Leiche waren aber Knochenbrüche an Armen und Beinen sowie Blutungen am Schädel festgestellt worden. Schon vor Monaten waren bei dem Zweijährigen Spuren von Misshandlungen entdeckt worden.

jjc/ddp/dpa

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