Bochum - Die Mutter des sechs Monate alten Justin und ihr Lebensgefährte stehen seit August wegen Mordes vor dem Bochumer Schwurgericht. "Im Rahmen dieses Prozesses läuft auch ein Strafverfahren gegen Mitarbeiter des Jugendamtes", so ein Pressesprecher der Bochumer Staatsanwaltschaft zu SPIEGEL ONLINE. Auslöser für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sollen die Strafanzeige eines Bürgers sowie die Aussage einer Jugendamtsmitarbeiterin während des Prozesses gewesen sein. Der Leiter des Jugendamtes Dolf Mering räumte Fehlverhalten im Fall Justin ein, so die Dortmunder "Ruhr Nachrichten".
Der 29 Jahre alte Stiefvater soll den Säugling am 17. November 2005 aus Ärger über das Geschrei in der Badewanne mit heißem Wasser verbrüht haben. Rund 15 Stunden lang kämpfte der Junge gegen den Tod - dann starb er an den Folgen. Einen Notarzt verständigte weder der Mann noch Justins 22 Jahre alte Mutter.
Schon im Mai 2005 soll Justin wegen eines Oberschenkelbruchs in einem Herner Hospital behandelt worden sein. Laut Anklage soll der Stiefvater den Säugling an den Beinen gepackt und so heftig durchgeschüttelt haben, bis es geknackt habe. Außerdem wurden bei der Obduktion der Babyleiche ältere Knochenbrüche an beiden Oberarmen sowie am Schlüssel- und am Schienbein festgestellt.
"Die Ärztin informierte daraufhin das Jugendamt von ihrem dringenden Verdacht auf schwerste Kindesmisshandlung und empfahl eine enge Betreuung des Kindes durch das Amt", so ein Gerichtssprecher zu SPIEGEL ONLINE. Daraufhin habe das Jugendamt jedoch nur einmal wöchentlich geplant, die Familie zu besuchen - doch nicht einmal das klappte. "Entweder lag es an den Mitarbeitern oder einer von ihnen stand vor verschlossener Tür", so der Sprecher.
Der Leiter des Jugendamtes erklärte dagegen, dass das Krankenhaus zunächst nur Hinweise gegeben habe, dass die Mutter ihren Sohn im Krankenhaus nicht regelmäßig besuchte, und die Behörde sich um die häusliche Situation kümmern solle. Als das Kind entlassen wurde, seien mit der Mutter deshalb auch erst einmal nur wöchentliche Besuche mit einer Sozialarbeiterin und einer Kinderkrankenschwester vereinbart worden. Erst drei Wochen später habe das Krankenhaus in einem Brief an eine Kinderärztin und in einer Durchschrift an das Jugendamt Hinweise auf mögliche Misshandlungen gegeben. "Diese Durchschrift hat nicht zu einer Neubewertung der Situation geführt. Das Jugendamt hat an dieser Stelle einen Fehler gemacht", sagte der Amtsleiter. Konsequenzen hätten eine Erhöhung der Besuchszahl oder die "Inobhutnahme" des Kindes sein können.
Gleich, zu welchem Zeitpunkt das Amt jedoch von dem dringenden Verdacht der Kindesmisshandlung erfahren hat, ist der Mutter nicht das Sorgerecht entzogen worden. Der Jugendamtsleiter gab gegenüber den "Ruhr Nachrichten" zu, angesichts der Verletzungen hätte ihr das entzogen werden müssen. Unverständlich bleibe ihm aber auch, dass das Krankenhaus das Kind wieder der Obhut seiner Mutter übergeben hat.
Justins Mutter sitzt in Gelsenkirchen, ihr Lebensgefährte in Bochum in Untersuchungshaft. Erst wenn der Prozess gegen die beiden abgeschlossen sei, werde anhand der Feststellungen entschieden, ob gegen die Mitarbeiter des Jugendamtes weiterhin ermittelt oder ob das Verfahren eingestellt werde, so der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft.
Einen Rücktritt wegen des Falles lehnte Sozialdezernentin Sophie Graebsch-Wagener ab. Seit dem Fall arbeite die Stadt an einem Frühwarnsystem, um solche Fälle zu verhindern. Sowohl Klinik- als auch Kinderärzte seien gefordert, über Verdachtsmomente zu informieren. 2005 habe das Jugendamt 128 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen. Am Geld liege es nicht. Die Stellen seien finanziell wie personell gut ausgestattet.
jjc/ddp/dpa
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