Dresden - Es war kurz vor vier am frühen Morgen, als die peinliche Justizpanne in Sachsen ein glimpfliches Ende nahm. In Begleitung eines Beamten des Sondereinsatzkommandos (SEK) verließ der vorbestrafte Sexualstraftäter Mario M. freiwillig das Dach der Dresdener Justizvollzugsanstalt - gut 20 Stunden nach seiner spektakulären Flucht. Der Mann sei unverletzt mit einer Hebebühne vom Dach geholt worden, sagte Polizeisprecher Thomas Herbst. Die Verhandlungsstrategie sei erfolgreich gewesen.
Der mutmaßliche Vergewaltiger der 14-jährigen Dresdner Schülerin Stephanie war gestern Morgen um 7.24 Uhr - einen Tag vor der Fortsetzung des Missbrauchs-Prozesses gegen ihn vor dem Dresdner Landgericht - bei einem Hofgang seinen beiden Bewachern entwischt und an der Außenfassade eines Zellengebäudes in die Höhe geklettert. Sachsens Justizminister Geert Mackenroth (CDU) räumte eine peinliche Panne ein.
Mario M. sei wieder der Obhut der Justiz übergeben worden, teilte Polizeisprecher Thomas Herbst mit. Demnach wurde der Mann sofort in den Gefängnistrakt zurückgebracht. Dort sollte er mit seinem Verteidiger zusammentreffen. "Die Überlegung, auf Zeit zu setzen, hat sich gelohnt", sagte Herbst zum Polizeieinsatz. Mario M. sei bei Ende der Aktion normal ansprechbar und "in einem passablen Zustand" gewesen.
Im Verlauf der Nacht hatte der Mann um eine Decke und Getränke gebeten. Die Polizei hatte daraus geschlussfolgert, dass der Mann mit seinen Kräften am Ende gewesen ist. Schließlich ließ er nach 18 Stunden zunächst zwei Beamte zu sich auf das Dach und redete mit ihnen von Angesicht zu Angesicht. Tagsüber hatte Mario M. nahezu ununterbrochen auf dem Dach gestanden und mit Psychologen gesprochen, die auf einer Hebebühne standen. Gewaltsam wollte die Polizei nicht gegen ihn vorgehen, da sich der Mann stets am Rand des Daches aufhielt und befürchtet wurde, dass er bei einer Polizeiaktion in die Tiefe stürzen könnte. Zuletzt regnete es stark.
Objektiv habe keine Gefahr für Stephanie und ihre Familie bestanden, sagte Herbst zu Vorwürfen, die Sicherheitskräfte könnten nicht für ausreichenden Schutz der Betroffenen sorgen. Dennoch werde geprüft, ob die Sicherheitslage neu bewertet werden müsse. Zu den Motiven der Aktion von Mario M. machte der Sprecher keine Angaben. Bei den Verhandlungen mit dem Mann sei es zum Schluss nur um die Modalitäten der Rückführung in die Haft gegangen.
Prozessfortsetzung ist ungewiss
Der Peiniger der damals 13-jährigen Stephanie steht seit Montag wegen Geiselnahme, Kindesentziehung und schweren sexuellen Missbrauchs sowie Vergewaltigung vor dem Dresdner Landgericht. Der Prozess soll heute fortgesetzt werden. Das Opfer Stephanie wird nach dem Vorfall nicht mehr wie geplant als Zeugin aussagen. M. soll Stephanie im Januar und Februar 36 Tage lang in seiner Dresdner Wohnung gefangen gehalten und dutzendfach sexuell missbraucht haben.
Politiker fordern nach der Justizpanne Konsequenzen. FDP-Chef Guido Westerwelle sprach gegenüber der "Bild"-Zeitung von einem "Justizskandal, der zum Himmel schreit - und nach persönlichen Konsequenzen der Verantwortlichen."
Der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler nannte die spektakuläre Kletteraktion des mutmaßlichen Vergewaltigers auf das Gefängnisdach einen "ungeheuerlichen, beispiellosen Vorgang". Da dürfe sich "niemand wundern, dass im Volk Gedanken an Selbsthilfe aufkommen."
Zuvor hatten bereits Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt und Justizminister Mackenroth (beide CDU) personelle Konsequenzen nicht ausgeschlossen. Mackenroth kündigte an, mögliche Konsequenzen aus dem Vorfall zu prüfen, seinen eigenen Rücktritt eingeschlossen.
Die Flucht des Angeklagten ist bereits die zweite Panne im Fall Stephanie. Die Ermittler waren dem vorbestraften 36-Jährigen lange Zeit wegen eines Erfassungsfehlers in der Polizei-Datenbank nicht auf die Spur gekommen. Stephanies Familie will das Land Sachsen deshalb auf mehr als eine Million Euro Schmerzensgeld verklagen.
phw/ddp/dpa
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Justiz | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH