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22.01.2007
 

Kanadas größter Massenmord

"Piggy's Palace" - die Horrorfarm

Von Dominik Baur

Er soll bis zu 62 Frauen ermordet, zerkleinert und an seine Schweine verfüttert haben. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ist Robert Pickton Kanadas schlimmster Serienmörder. Das Interesse an dem jetzt beginnenden Prozess ist riesig - die Kritik an der Polizei auch.

Hamburg - Im Jahr 1995 schrieb Sarah de Vries in ihr Tagebuch: "Bin ich die Nächste?" Die 25 Jahre alte Prostituierte hatte Angst. "Beobachtet er mich gerade? Verfolgt er mich wie ein Raubtier seine Beute? Wartet er auf den richtigen Ort, die richtige Zeit oder einen dummen Fehler von mir?" Drei Jahre später verschwand de Vries. Wie so viele andere Prostituierte seit 1983, die zumeist aus Downtown Eastside, einem heruntergekommenen Stadtteil Vancouvers, stammten.

Für die Staatsanwälte in Vancouver ist klar: De Vries und mindestens 25 andere wurden Opfer von Robert William Pickton, dem seit heute der Prozess gemacht wird. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, sitzt in Vancouver der größte Massenmörder in der Geschichte Kanadas auf der Anklagebank. Entsprechend groß ist das Medieninteresse: Über 300 Journalisten haben sich für den Prozess akkreditiert. Schon in den Anhörungen vor dem Hauptverfahren wurden so grausame Einzelheiten bekannt, dass etliche Berichterstatter psychotherapeutische Hilfe suchten.

Die Anklageschrift gegen den 57-Jährigen liest sich wie das Skript für einen Horrorfilm: Pickton soll die Frauen auf seinen Schweinebauernhof in Port Coquitlam in der Nähe von Vancouver gelockt und dort ermordet haben. Die Leichen soll er dann mit einer Häckselmaschine zerkleinert haben. Manche warf er seinen Schweinen zum Fraß vor, andere verscharrte er auf seinem Grundstück. Welche grauenvollen Qualen die Frauen tatsächlich vor ihrem Tod durchleben mussten, darüber lässt sich mangels eines Geständnisses nur spekulieren.

Die Behörden warnten damals sogar vor dem Verzehr von Schweinefleisch, das von Picktons Farm stammte. Wer davon esse, könnte mit Menschenfleisch gemästete Tiere verspeisen. Doch für die meisten Verbraucher könnte diese Warnung da schon zu spät gekommen sein.

Schwere Vorwürfe gegen die Polizei

Als die Polizei Pickton auf die Spur kam, gruben sie Tausende Kubikmeter Erde um. Sie fanden Knochensplitter, Haarbüschel und Fingerkuppen. In forensischer Kleinarbeit machten die Ermittler bislang die DNA von 30 verschiedenen Frauen aus. Auch persönliche Gegenstände einiger Opfer fanden sie. Über 60 Millionen Dollar soll die Aktion gekostet haben. Pickton plädiert auf "nicht schuldig" - trotz der erdrückenden Beweislast.

Das mutmaßlich erste Opfer war 1983 Rebecca Guno. Im Februar 2002 wurde Pickton schließlich festgenommen und wegen des Mordes an Sereena Abotsway und Mona Wilson angeklagt. Fast 20 Jahre also konnte Pickton vermutlich seinem mörderischen Treiben ungehindert nachgehen. Ebenfalls im Jahr 2002 kamen fünf weitere Mordanklagen hinzu, über die nächsten Jahre addierte sich die Zahl auf 27. Obwohl eine der Anklagen wieder fallengelassen wurde, gehen die Ermittler inzwischen davon aus, dass Pickton sogar mit dem Verschwinden von 62 Prostituierten in den achtziger und neunziger Jahren etwas zu tun haben könnte. Im heute beginnenden Prozess geht es zunächst jedoch nur um die ersten sechs der 26 Anklagen - man will die Jury nicht überfordern.

Zu Beginn des Prozesses werden erneut kritische Töne laut. Hat die Polizei zu zögerlich gehandelt? Gab es schon lange Spuren, die zu der Horrorfarm führten? Und vor allem: Ist das Leben mancher Menschen weniger wert als das anderer? Denn dass Pickton offensichtlich so lange morden konnte, dürfte mit dem sozialen Hintergrund seiner Opfer zu tun haben: Sie waren zumeist Prostituierte und drogenabhängig. Wenn jemand ohnehin schon am Rande der Gesellschaft lebt, scheint sein Verschwinden nicht allzu viel Besorgnis zu erregen.

Maggy Gisle, die selbst auf dem Straßenstrich von Downtown Eastside arbeitete, versuchte etwa, die Polizei auf das Verschwinden ihrer Kollegin Georgina Papin aufmerksam zu machen, berichtet die kanadische "Winnipeg Sun". Vergeblich. Die Polizei wollte Papin nicht als vermisst erklären. Sie sei bestimmt nur in Urlaub gefahren, hieß es. Papin hinterließ sieben Kinder.

Laut "Neuer Zürcher Zeitung" sollen sogar Hinweise von Nachbarn und früheren Angestellten ignoriert worden sein, dass Pickton regelmäßig blutbefleckte Frauenkleider und Handtaschen habe verbrennen lassen.

Nett und humorvoll

Dass Pickton der Polizei ins Netz ging, war dann auch mehr ein Zufall. Zunächst waren die Fahnder nur an Waffen interessiert, die der Schweinezüchter illegal besessen haben soll. Eine anonyme Anzeige brachte sie auf Picktons Spur. Doch dann fanden sie bei einer Hausdurchsuchung Beweisstücke, die auf ganz andere Straftaten hinwiesen - die Papiere von mehreren der vermissten Frauen.

Nett soll er gewesen sein, der Schweinezüchter Pickton. Als gutmütig, humorvoll und fleißig wird er beschrieben. Obwohl er selbst keinen Alkohol trank, soll er mit seinem Bruder Dave in einem umgebauten Stall rauschende Feste gefeiert haben. Die Gäste, die sie in den sogenannten "Schweinchenpalast" ("Piggy's Palace") luden: Lokalpolitiker, Musiker und Journalisten. Robert Pickton war beliebt.

Dabei war der Mann für die Polizei kein Unbekannter. Bereits 1997 stand Robert Pickton im Verdacht, in seinem Haus auf eine Prostituierte eingestochen und sie gefesselt zu haben. Der Vorwurf wurde jedoch fallengelassen. Warum, ist allerdings vielen Prozessbeobachtern nicht ganz klar. Pickton behauptet, in Notwehr gehandelt zu haben.

Viele Angehörige sind auch ungehalten über das langsame Vorgehen der Justiz. "Pickton wurde 2002 angeklagt. Heute haben wir 2007", ärgert sich etwa Lynn Frey, deren Tochter eines der mutmaßlichen Opfer ist und die erst in der vergangenen Woche eine Vorladung als Zeugin bekommen hat. "Brauchen die fünf Jahre, um zu kapieren, dass wir mögliche Zeugen sind?"

Frey will heute auf jeden Fall im Gericht auf einem der für die Hinterbliebenen reservierten Stühle Platz nehmen. "Ich will wissen, was Marnie passiert ist", sagt sie. Marnie verschwand vor knapp zehn Jahren im Alter von 25 Jahren. "Ich weiß nicht, ob ich es ertragen kann, aber ich will es hören."

mit Material von AP, AFP und dpa

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