Aus Sidmouth berichtet Hasnain Kazim
Sidmouth - Der dicke Mann mit dem Vollbart und dem roten Gesicht lehnt sich auf seinem Sitz zurück, schnauft, sagt dann mit ernster Miene: "Die Plündereien von Branscombe gestern und heute Nacht waren widerlich. Es ist kein gutes Bild, was diese Menschen am Strand abgegeben haben. Schauen Sie sich heute nur mal die Titelseiten der britischen Presse an." Dort sind auf großformatigen Fotos Leute zu sehen, die kistenweise Autoteile, Kosmetika, Windeln und Tierfutter davon schleppen. Zwei Frauen aus Schweden und Südafrika haben sich bei britischen Journalisten gemeldet, die ihr per Container verschicktes Eigentum auf den Bildern entdeckt haben wollen - fremde Menschen tragen es gerade fröhlich davon.
Der wütende Mann heißt Robin Middleton und ist der für maritime Angelegenheiten zuständige Vertreter der Regierung in London. Per Hubschrauber ist er heute in das Städtchen Sidmouth in der südwestenglischen Grafschaft Devon gereist, wo der havarierte Riesenfrachter "MSC Napoli" immer noch mit Schlagseite in der Bucht liegt.
Manche in Sidmouth und vor allem in Branscombe sind auch wütend - auf die Polizei, auf die Politik vor Ort und in London und ganz besonders auf Middleton. Er hatte vor bald einer Woche angeordnet, das manövrierunfähige Schiff nach Portland zu schleppen. Wieso diese Gefährdung eines Naturschutzgebietes? Wegen schlechten Wetters scheiterte die Aktion, das Schiff blieb vor Sidmouth liegen. Der Regierung in London und der des Distrikts Devon werfen sie vor, Branscombe nicht abgesperrt zu haben, damit nicht mehrere Tausend Plünderer in das Dorf einfallen können. "Warum wurde unser Ort nicht schon am Samstag geschlossen, als die ersten Container entdeckt wurden?", fragt ein älterer Mann aus Branscombe. "Wieso sieht die Polizei tatenlos zu, wie Wertgegenstände einfach so aus aufgebrochenen Containern gestohlen und mitgenommen werden?", fragt eine Frau.
Aufräumarbeiten haben begonnen
Als Journalisten Middleton auf einer Pressekonferenz mit diesen Fragen konfrontieren, springt ihm Polizistin Sharon Newman aus Sidmouth zur Hilfe. "Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand", rechtfertigt sie die Tatenlosigkeit der Polizei bei der nächtlichen Plünderparty am Strand. "Zurzeit haben wir 30 Polizisten im Einsatz - nicht genug, um einen solchen Ansturm von Menschen zu verhindern." Und wieso wurde nicht Hilfe von außerhalb geschickt? Polizistin Newman schaut hilflos zu Middleton, der reibt sich nervös die Hände. "Ich denke, es ist bisher alles sehr gut gelaufen", sagt er ausweichend. "Um den Strand oder einen Ort komplett abzusperren, fehlen uns die rechtlichen Grundlagen."
Erst seit heute, seit die Aufräumarbeiten begonnen haben, sei eine Absperrung des Strandes rechtlich möglich, zudem würden seit heute Autos, die in Branscombe falsch parken, abgeschleppt. "Für die Säuberungsarbeiten am Strand sind seit heute mehr als 40 Lastwagen und 20 Bagger vor Ort", sagt Middleton. "Wir müssen teilweise neue Wege bauen, damit die Fahrzeuge ans Ziel kommen." Manche Wege in Branscombe seien zu schmal. Um die Umwelt zu schonen, würde der Abtransport der gestrandeten Gegenstände auch mit Landungsbooten erfolgen.
| Teures Strandgut | |
| Geplünderte Gegenstände | Wert (pro Stück) |
| BMW-Motorrad | bis 20.000 Euro |
| BMW-Autolenkrad | bis 225 Euro |
| BMW-Getriebe | bis 4500 Euro |
| BMW-Aufpuffrohr | 450 Euro |
| BMW-Scheibenwischer | 45 Euro |
| Traktor | 45.000 Euro |
| Zehn-Kilogramm-Sack Hunde- und Katzenfutter, Marke Hill's | 60 Euro |
| Bibel | 15 Euro |
| Gesichtscreme von Lancome | bis 60 Euro |
| Parfumflakon | bis 60 Euro |
| Autobatterie | 225 Euro |
| Camcorder | 600 Euro |
| Holzfass für Wein | 150 Euro |
| Stiefel von Timberland | 180 Euro |
| Turnschuhe von Nike | 75 Euro |
| Flipflops | 7,50 Euro |
| Sonnenbrille von Puma | 37,50 Euro |
| Lederjacke | bis 450 Euro |
| Spielzeug | bis 75 Euro |
| 22er-Pack Windeln, Marke Bambi | 7,50 Euro |
| Teppich | bis 750 Euro |
| Quelle: Daily Mail | |
Brennender als die Umweltgefahren interessiert die Menschen aber, was mit den am Strand gefundenen Schätzen passiert - und vor allem, wem sie gehören.
Das Einsammeln von Strandgut hat eine lange Tradition, nicht nur an den Küsten Großbritanniens. In der Regel galt noch bis vor rund 150 Jahren der Grundsatz, dass Strandgut sofort in das Eigentum des Finders überging. An besonders gefährlichen Küstenabschnitten ergab sich daraus sogar eine echte Nebenerwerbsquelle für die örtlichen Bewohner. Das Problem, dass womöglich ein Schiffbrüchiger mit seiner eigenen Schatzkiste zusammen an Land gespült wurde, löste der Kodex von damals übrigens ganz pragmatisch: Die bedauernswerte Person galt fortan als Leibeigene des Finders.
Fundstücke bleiben Eigentum der ursprünglichen Besitzer
Die ehemals starke Stellung der Finder ist längst einer sachgerechteren Beurteilung gewichen. Heutzutage gilt das normale Fundrecht, das sich in den Staaten der Europäischen Union im Prinzip nicht unterscheidet: Man geht davon aus, dass der Eigentümer lediglich an der Nutzung seines Rechts vorübergehend gehindert ist. Die Antwort fällt dementsprechend viel einfacher, als viele es gern hätten. "Die Container gehören dem jeweiligen Eigentümer, der meines Wissens in der Regel sogar drauf steht", sagt Rainer Lagoni, Professor am Seerechtsinstitut der Universität Hamburg. Es bestehe kein Zweifel daran, dass derjenige, der seinen Fund nicht meldet, eine Unterschlagung begehe.
Noch gravierender fällt der Rechtsbruch aus, wenn sich die Strandspaziergänger an den geschlossenen Containern zu schaffen machen. Dann nämlich sei möglicherweise der Tatbestand des Einbruchdiebstahls erfüllt, "jedenfalls nach deutschen Recht", sagt Lagoni. "Ich kann mir vorstellen, dass das englische Strafrecht die Sachlage nicht sehr viel anders beurteilt."
Polizistin Newman sagt, die Regeln seien da "ganz klar" und verweist auf den Merchant Shipping Act von 1995: "Wer etwas am Strand, einem öffentlichen Ort, gefunden hat, muss sich namentlich registrieren lassen und exakt angeben, was er mitgenommen hat. Egal, ob es die Heckscheibe eines Autos, Bibeln oder Gesichtscreme-Töpfchen sind." Der Finder dürfe die Gegenstände die ersten 28 Tage nicht benutzen und müsse sie insgesamt ein Jahr lang behalten und auf Verlangen des rechtmäßigen Eigentümers zurückgeben.
Autoteile bei eBay
"Heute sind schon Autoteile aus Branscombe bei eBay aufgetaucht. Gegen die Verkäufer werden wir juristisch vorgehen", sagt Newman. Es gehe nicht um ein paar Windeln oder Säcke von Hunde- oder Katzenfutter. "Wir werden gegen solche Leute ermitteln, die mit Lieferwagen massenweise wertvolle Gegenstände mitgenommen haben."
Middelton betont, man werde sogar zu Hausdurchsuchungen greifen, wenn Menschen auf Fotos identifiziert würden, die sich nicht auf den von Polizisten an Strand verteilten Formularen registriert hätten. Wen jetzt noch das schlechte Gewissen plage, habe aber immer noch eine Chance: "Morgen werden wir eine Adresse veröffentlichen, an die sich Menschen wenden können, wenn sie die gefundenen Gegenstände wieder zurückgeben möchten."
An die veröffentlichte Adresse sollten sich möglicherweise auch die Finder der BMW-Motorräder wenden, wenn sie Sanktionen vermeiden wollen. Der Münchner Autobauer hat nämlich bereits die betreffenden Fahrgestellnummern an die zuständigen Behörden weitergereicht. Eine Straßenzulassung dürfte danach nur noch auf illegalem Wege zu erreichen sein.
Mitarbeit: Michael Kröger
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