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14.02.2007
 

Sterbehilfe

"Diesen würdelosen Tod möchte ich vermeiden"

Von Samira Neuhaus

Neun Jahre lang wartete Kelly Taylor auf eine Herz-Lungen-Transplantation. Weil die 30-Jährige mittlerweile zu schwach ist, wurde sie von der Warteliste gestrichen. Ihr Körper ist zu schwach zum Leben und zu stark zum Aufgeben. Vor Gericht kämpft sie nun darum, endlich sterben zu dürfen.

Hamburg – Ihre Schmerzen sind groß. So groß, dass sie für die todkranke Kelly Taylor unerträglich geworden sind. Ein Jahr hätte sie noch, allerhöchstens, hat der Arzt zu ihr gesagt. Doch zwölf Monate sind der 30-Jährigen zu lange. Sie möchte nicht mehr leben: "Ich habe genug gehabt vom Leben. Ich möchte nicht mehr hier sein, ich möchte nicht mehr leiden", zitiert die britische "Dailymail" die junge Frau in ihrer Online-Ausgabe.

Kelly Taylor mit ihrem Ehemann Richard: Er unterstützt seine Frau in ihrem Wunsch zu sterben
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AFP

Kelly Taylor mit ihrem Ehemann Richard: Er unterstützt seine Frau in ihrem Wunsch zu sterben

Vor dem Londoner High Court kämpfen Taylors Anwälte seit gestern um ein Recht auf Sterbehilfe: Sie berufen sich auf die europäische Menschenrechtskonvention, die in Artikel drei "unmenschliche oder entwürdigende Behandlung" verbietet.

Die Krankheit begleitet die junge Frau aus dem südwestenglischen Bristol ihr Leben lang: Seit der Geburt leidet sie unter dem Eisenmenger-Syndrom, einem inoperablen Herzfehler, sowie unter dem Kippel-Feil-Syndrom, einer Wirbelsäulenverformung im Halsbereich.

Bis heute haben Ärzte und Spezialisten keine Kombination von Medikamenten entdeckt, um ihre schrecklichen Schmerzen zu lindern. Auf viele der Arzneimittel, die normalerweise bei dem Herzfehler verabreicht werden, reagiert Taylor allergisch.

Ihre einzige Rettung: eine Herz-Lungen-Transplantation. Neun Jahre lang stand sie auf der Warteliste. Neun Jahre lang wurde kein passender Spender gefunden - dann war es zu spät: Die schwer behinderte Britin wurde immer schwächer, eine Operation hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt. Vor zwei Jahren strichen die Ärzte Kelly Taylor von der Warteliste.

Die junge Frau möchte ins Koma fallen

Jetzt kämpft die Britin mit ihrem Anwalt um das Recht auf Sterbehilfe. Sie möchte, dass die Ärzte ihre Dosis Morphium so weit erhöhen, bis sie ins Koma fällt. Sollte das Morphium allein sie nicht töten, wollte sie per Verfügung festlegen, dass sie nicht künstlich mit Nahrung und Flüssigkeit versorgt wird. Die Mediziner hatten Taylors Bitte unter Verweis auf das in Großbritannien geltende Sterbehilfeverbot abgelehnt. Laut "Dailymail" fordert sie jetzt eine Gesetzesänderung, damit Menschen mit unheilbaren Krankheiten selbst bestimmen können, wann ihr Leben zu Ende ist. "Ich habe diese Entscheidung getroffen, denn zu viel ist zu viel", sagt Taylor.

Schon mehrmals wollte die todkranke Frau ihrem Leben selbst ein Ende setzen: Vor fünf Jahren schluckte sie eine Überdosis Tabletten, im Jahr 2005 versuchte sie sich zu Tode zu hungern. Doch ihr Körper wollte auch dann noch nicht sterben. Nach 19 Tagen hörte sie auf zu hungern. Ihre Schmerzen waren so stark, dass sie beschloss, wieder zu essen. An Hunger zu sterben erscheint ihr noch unwürdiger als an ihrer unheilbaren Krankheit zu Grunde zu gehen.

"Ich bin nicht deprimiert, ich war es auch nie. Ich bin ein glücklicher Mensch", sagt Taylor. "Aber meine Krankheit ist jetzt so weit fortgeschritten, dass ich sie nicht mehr bewältigen kann. Meine Ärzte geben mir noch höchstens ein Jahr. Währenddessen wird sich mein Zustand stetig verschlimmern und dieser Tod ist ziemlich würdelos. Genau das möchte ich vermeiden."

Seit zehn Jahren ist sie mit ihrem Mann Richard verheiratet. Der ehemalige Steinhauer, der sich Tag und Nacht um seine Frau kümmert, steht hinter ihr: "Er liebt mich und er sieht, was ich durchmache. Er möchte nicht, dass ich leide und unterstützt mich in meinem Vorhaben." Auch über die Möglichkeit, bei der Schweizer Organisation "Dignitas" zu sterben, habe sie schon nachgedacht, aber "ich möchte nicht in einem fremden Land sterben, sondern zu Hause".

"Ich habe genug gehabt vom Leben"

Während sich ihre Anwälte und ihr Mann hinter Kelly Taylor stellen, ist die "British Medical Association" von ihrem Vorhaben nicht überzeugt: "Ihre Forderung, dass die Ärzte ihr bis zur Bewusstlosigkeit Beruhigungsmittel verabreichen, mit dem Ziel zu sterben, können wir nicht unterstützen. Unserer Meinung nach würden die Ärzte ihr so beim Selbstmord helfen – und das ist sowohl rechtswidrig als auch unmoralisch." Sterbehilfe kann in Großbritannien mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft werden.

Bei dem Prozess vor dem Londoner High Court wollen sich Taylors Anwälte nun auf die europäische Menschenrechtskonvention berufen, die in Artikel drei "unmenschliche oder entwürdigende Behandlung" verbietet - was durch die reine Bekämpfung ihrer Schmerzen der Fall sei - und in Artikel acht das Recht auf eine Privatsphäre betont. Nach der ersten Anhörung gestern entschieden die Richter, dass der Fall Taylor in der letzten Märzwoche verhandelt werden soll.

Ihre Zeit wird knapp. Kelly Taylor bleiben nicht mehr viele Monate, aber sie möchte kämpfen. Nicht für ihr Leben, sondern für ihren Tod: "Ich habe genug gehabt vom Leben", sagt sie, "obwohl - ich weiß nicht, ob ich genug vom Leben hatte. Aber ich hatte genug von meiner Krankheit."

mit Material von AFP

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