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21.02.2007
 

Berliner Verwahrlosungsprozess

Kleinkind mit Kippe und Alkopops

Von Khuê Pham

Die Kinder in der Entwicklung zurückgeblieben, die Wohnung eine Müllhalde - und der Vater fotografiert den zweijährigen Sohn mit Zigarette und Alkohol. "Alles ganz normal bei uns", sagen die Eltern. Ein Berliner Gericht befasst sich derzeit mit einem besonders harten Fall von Kindesvernachlässigung.

Berlin - Kinderfotos sehen normalerweise anders aus: Auf dem Bild nuckelt der zweijährige Junge mit den blonden Haaren an einer glühenden Zigarette. Die Kippe hat ihm sein Vater nach eigenen Angaben in den Mund gesteckt. Das Foto löst eine Hausdurchsuchung aus, die die katastrophalen Lebensbedingungen der Familie K. aus Berlin Hohenschönhausen aufdeckt: die Wohnung ist verdreckt, die Kinder sind verstört - und die Eltern fühlen sich zu Unrecht verfolgt.

In Berlin sind seit Anfang des Jahres über 20 Fälle von Verwahrlosung aufgedeckt worden
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DPA

In Berlin sind seit Anfang des Jahres über 20 Fälle von Verwahrlosung aufgedeckt worden

Seit Anfang des Monats sitzen Jan und Simone K., beide arbeitslos, wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht auf der Anklagebank. Laut Staatsanwaltschaft sollen ihre drei Kinder – zwei Jungen und ein Mädchen unter drei Jahren – fast ein Jahr lang in einer völlig verdreckten Wohnung gelebt haben. Der Vater ist zur Zeit inhaftiert, weil er eine Zeugin eingeschüchtert haben soll.

"Als wir die Wohnung betraten, lief der zweijährige Junge durch eine Urinlache auf uns zu", beschreibt der zuständige Polizeibeamte SPIEGEL ONLINE die Hausdurchsuchung vom letzten Oktober. Es sei das totale Chaos gewesen: Hundefäkalien im Wohnzimmer, verschimmelte Lebensmittel in der Küche und gammelnde Schmutzwäsche auf dem Boden. Die Kinder hätten einen verstörten Eindruck gemacht, sogar die drei Hunde schienen verwahrlost.

Eine Nachbarin hatte die Familie bei Polizei und Jugendamt angezeigt, nachdem sie zwei makabere Kinderfotos gefunden hatte: Auf dem ersten sieht man den zweijährigen Jungen mit glühender Zigarette im Mund, auf dem anderen hält ihm seine Mutter eine Alkopops-Flasche an die Lippen. Alles nur ein harmloser Foto-Gag, sagt der 25-jährige Vater vor Gericht, die Zigarette habe der Junge ja nicht geraucht und die Alkopops-Flasche sei nur mit Wasser gefüllt gewesen.

"Wir sind doch keine asoziale Familie"

"Ich würde meinen Kindern doch nicht Alkohol zu trinken geben, so was kommt doch nur in asozialen Familien vor", sagt er. Ganz empört ist er über die Vorstellung, dass auch mit seiner Familie etwas nicht stimmen könnte. Auch seine Frau scheint den Ernst der Lage nicht ganz begriffen zu haben. Als das Gericht die Fotos beschreibt, dreht sich die 28-Jährige grinsend zu ihrem Mann um. Irgendwie war's ja schon witzig, sagt dieser Blick. Mit ihren lila gefärbten Haaren, der Kinderspeck-Figur und dem Mädchengesicht will man sie zuerst für eine Schülerin halten, nicht für eine Mutter.

"Die war doch total überfordert mit den Kindern und den Hunden", so besagte Nachbarin zu SPIEGEL ONLINE, "und der Mann hat sie auch den ganzen Tag allein gelassen, der war ja nur auf Achse."

Trotz Arbeitslosigkeit zog es der Vater im Herbst 2006 vor, statt dem Jugendamt eine private Kinderbetreuung zu Hilfe zu ziehen – die er nicht bezahlen wollte. Die Haushalts– und Erziehungshilfe berichtet vor Gericht von den "ekligen" Arbeitsbedingungen im Hause K.: Die Toilette war voller Kot, in der Küche zog sich ein dicker Fettfilm über die Geräte, es lag schimmelige Wäsche herum. "Ihr seid Schweine", sagte sie den Eltern am Abend ihres ersten Arbeitstages.

Vor allem um die Kinder habe sie sich gesorgt. "Die wirkten total verstört. Der zweijährige Junge hat so gut wie nie gesprochen und reagierte total verschreckt auf das Wort 'Kinderzimmer'. Er fing dann sofort an zu weinen, lief in sein Zimmer und kam gar nicht mehr raus." Auch die damals einjährige Tochter schien in ihrer Entwicklung zurückgeblieben: Krabbeln oder richtig essen konnte sie nicht, erzählt die Zeugin, "als ich ihr einen Keks gegeben habe, wusste sie gar nicht, was sie damit anfangen sollte."

Der Vater gibt zwar zu, dass der Junge ärztlich diagnostizierte Entwicklungsdefizite hat – Ursache unbekannt -, beteuert aber, dass es den Kindern "blendend" gehe. Mit Hilfe des Jugendamtes sind die beiden älteren Kinder inzwischen in einer Integrationskita untergebracht worden, eine Familienhelferin hilft Frau K. zu Hause.

Die Verhandlung wird morgen fortgesetzt.

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