Von Barbara Hans
Hamburg - "Kizzle, ruhe in Frieden. Ich habe alles versucht, was ich konnte, aber ich wünschte, ich hätte noch mehr tun können, um Dich zu retten. Dann wärst Du jetzt vielleicht noch hier. Du hast das nicht verdient", hat ein Mädchen namens Sophia auf der Homepage von Kodjo Yenga ins Gästebuch geschrieben. Alle, die sich dort eintragen, sind entsetzt, dass es ausgerechnet Kizzle, wie Kodjo auf der Straße hieß, getroffen hat. Manche von ihnen kannten den Jungen gut, andere wissen nur, dass er ihre Schule besucht hat. Dass er tot ist, erstochen von einer Gang am späten Mittwochnachmittag in Hammersmith Grove, wissen sie alle.
Ausgerechnet im wohlhabenden Westen Londons, in einem Viertel, in dem die Doppelhaushälften mehr als eine Million Pfund kosten, passierte der Mord auf offener Straße. Was genau sich am Mittwoch gegen 17.30 Uhr ereignete, dazu kursieren verschiedene Varianten. Fest steht nur, dass die Polizei heute sieben Jugendliche verhörte, die unter dringendem Verdacht stehen, Kodjo erst durch die Straßen von Hammersmith gejagt und ihn anschließend mit einem Stich ins Herz getötet zu haben. Unter ihnen sind vier 13-Jährige, zwei 15-Jährige und ein 21-Jähriger. Einer der 13-Jährigen soll der Anführer der Gang gewesen sein, die Kizzle nach Aussagen von Zeugen regelrecht gelyncht haben soll.
Sie stachen zweimal in sein Herz und in sein Bein
Kodjo war gemeinsam mit seiner Freundin Cookie auf dem Rückweg von einem gemeinsamen Essen mit der Mutter der 15-Jährigen, als der Mord passierte. Die beiden Teenager hatten den Hund der Mutter, einen Bullterrier namens "Zeeka", mitgenommen, um mit ihm spazieren zu gehen.
"Ein Junge kam auf uns zu und fragte, ob Kodjo einen Kampf will. Kodjo sagte 'Nein'", zitieren die britischen Zeitungen "Mirror" und "Sun" das Mädchen. Der andere Junge habe ihn daraufhin als "Pussy" beschimpft. So provoziert habe Kodjo in den Kampf eingewilligt. "Acht oder neun von ihnen hatten Messer, Hammer und Schlagstöcke. Sie stachen zweimal in sein Herz und in sein Bein. Ich hatte große Angst. Irgendwer hielt mich zurück", zitiert der "Mirror" die Freundin, die den Todeskampf mit ansehen musste.
Eine Gruppe von Mädchen hätte die Schläger vom Rande des Geschehens aus angefeuert. "Tötet ihn! Tötet ihn!", hätten sie immer wieder geschrien. Augenzeugen berichten, die Meute hätte das Zusehen offensichtlich genossen. Kodjo habe seine Arme gehoben, um sich zu schützen - vergeblich.
Irgendwann lag Kodjo auf dem Boden, nach Augenzeugenberichten in einer riesigen Blutlache. Immer wieder hätte der Mob auf den bewegungslosen Körper eingeschlagen. "Er lag da und kämpfte um sein Leben." Cookie erzählt, sie habe Kodjos Kopf auf ihren Schoß gelegt, ihn gestreichelt. "Bitte stirb nicht. Ich brauch Dich doch", habe sie zu ihm gesagt. Aber sie habe nichts tun können. Im Krankenwagen habe er den Notarzt gebeten, Cookie zu helfen und ihr zu sagen, dass er sie liebe. Um 18.15 Uhr war er tot. Kodjo ist der fünfte Jugendliche, der innerhalb der vergangenen sechs Wochen in London gewaltsam zu Tode kam.
"Das war ein Raubüberfall"
Weitere Augenzeugen schildern den Hergang anders als Cookie: Die Meute habe es auf den Bullterrier abgesehen, mit dem das junge Paar unterwegs war. Deshalb seien die Jugendlichen hinter Kodjo hergelaufen. "Das war ein Raubüberfall. Sie wollten den Hund haben", zitiert die "Daily Mail" einen Zeugen. "Sie geben mit ihren Tieren an und richten sie als Kampfhunde ab. Sie hatten den Jungen schon seit Wochen bedroht und schikaniert."
Tom Grimes, der den Vorfall beobachtete, erzählte dem "Guardian" eine weitere Version des Tathergangs. Kodja habe auf der Straße gegen ein Auto getreten. Als daraufhin der Alarm des Autos losgegangen sei, seien die Mitglieder der Gang auf den Jungen aufmerksam geworden und hätten ihn gejagt. "Es waren ungefähr 15 Jugendliche." Sie seien sehr grob vorgegangen. Übereinstimmend mit Cookie berichten Anwohner, Kodja habe noch versucht, dem Kampf aus dem Weg zu gehen, doch es sei ihm nicht gelungen.
Der Tod eines "wahren Soldaten"
Die Polizei ermittelt nun, ob Bandenrivalitäten das Motiv für den Mord sind. Möglicherweise haben Kodjo und Cookie bei ihrem Spaziergang eine "Bandengrenze" überschritten und sich auf fremdes Territorium begeben, schreibt die "Sun".
Die sieben von der Polizei festgenommenen Jugendlichen sollen Mitglieder der Westlondoner Gang MDP ("Murder Dem Pussies") sein, die wegen ihrer Kampfhunde berühmt-berüchtigt ist.
Kodjo hingegen soll Mitglied der "Ryde for Life"-Gang (RFL) gewesen sein, deren Mitglieder den Jungen nun im Internet betrauern. Kizzle wird als "wahrer Soldat" gewürdigt, andere Banden für seinen Tod verantwortlich gemacht. Auf einer RFL-Seite schreiben User, sie hätten "vom Tod eines Eurer Mitglieder" gehört.
Cookie hingegen sagt, Kodjo sei nie in Gang-Aktivitäten verwickelt gewesen. "Bei RFL geht es nur um Musik", erklärte sie der "Sun". Auf seiner Homepage äußern Kodjos Freunde nun die Hoffnung, die Täter mögen "ins Gefängnis gehen - für immer".
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