Von Marc Pitzke, New York
Tragödien kehren das Beste im Menschen hervor. Das zeigt sich immer wieder auch in den USA, einem Land, in dem Mitgefühl und Pathos so nahe an der Oberfläche schlummern. Es zeigte sich am 11. September 2001, als die New Yorker Schlange standen, um Blut zu spenden. Es zeigte sich nach "Katrina", als von überall Freiwillige nach New Orleans kamen, um den Sturmopfern zu helfen. Und es zeigte sich jetzt in Virginia, als die ganze Nation eine trauernde Universitätsgemeinschaft umarmte.
Eine Woge der Solidarität schwappt durchs Land. Flaggen wehen auf Halbmast. TV-Sprecher tragen Schleifen in den Uni-Farben. News-Sender kramen elegische Oboen-Soundtracks aus dem Tonarchiv. Fernseh-Therapeut "Dr. Phil" McGraw spendet den Hinterbliebenen per Satellit Trost. Der Kerzenschein der Mahnwachen flackert über die Bildschirme, dazwischen die Bilder der Opfer, zu Engeln verklärt. Die Rituale der Betroffenheit sind einem nur allzu vertraut. Columbine. 9/11. "Katrina". Virginia Tech.
Fragen nach dem politisch-gesellschaftlichen Kontext des Blutbads gelten bei diesem Trauma zunächst als pietätlos. Die US-Medien haben sich bisher fast ausschließlich mehr dem "Was" und "Wie" gewidmet als dem "Wieso". Und selbst wenn, dann nur mit Lupenblick aufs Psychogramm des Amokläufers, der, wie so oft, mit dem Klischee "Einzelgänger" abgestempelt wurde - als einer außerhalb der Gesellschaft.
Wer killen will, findet immer einen Weg
Doch rumoren sie auch hier längst, die Fragen nach breiterer Mitverantwortung. Bezeichnend zweideutig die Schlagzeile eines Kommentars in der "Washington Post": "Die Tragödie von Virginia ist auch die Tragödie Amerikas."
Denn das Amerika, das trauert, ist das selbe Amerika, dessen historisches Leitmotiv - das Hochhalten persönlicher Freiheiten, inklusive Waffenbesitz - dem Killer von Blacksburg seine Mordwerkzeuge erst in die Hand drückte. Cho Seung-Hui tötete mit einer 9-Millimeter-Glock und einer .22-Kaliber-Walther, zwei Schusswaffen, die er sich völlig legal besorgte.
"Wir haben als Land nichts getan, um die Waffengewalt in unseren Schulen und Orten zu beenden", klagt Paul Helmke, der Präsident der Anti-Waffen-Gruppe Brady Campaign, benannt nach dem Ex-Regierungssprecher Jim Brady, der 1981 beim Attentat auf Ronald Reagan fast umkam. "Wenn überhaupt, dann haben wir den Zugang zu schweren Waffen erleichtert."
Kein Wunder, dass der Begriff "school shootings" hier längst ins Vokabular der Popkultur eingegangen ist. Doch staatliche Waffenverbote konnten auch die Amokläufer von Erfurt und Dunblane nicht stoppen. Wer killen will, so argumentiert die waffenfrohe Gegenseite, der findet immer einen Weg.
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