Von Marc Pitzke, New York
Das US-Folgeargument ist purer Wildwest-Machismo: Deshalb lieber alle bewaffnen. "Bei allen Schulschießereien, die in den letzten zehn Jahren abrupt beendet wurden, geschah das, weil ein gesetzestreuer Bürger eine Waffe trug", sagt Larry Pratt, Exekutivdirektor der Waffenlobby Gun Owners of America. Virginia Tech habe sich mit seinem Campus-weiten Waffenverbot "einem Irren auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert". Klartext: Studenten sollten mit Knarren zur Vorlesung antreten.
Es ist eine uralte und hier bis heute unbewältigte Debatte, deren Kern der zweite Verfassungszusatz von 1791 ist. Denn der garantiert, gern missinterpretiert, "das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen" - eine Schutzmaßnahme gegen Übergriffe des noch blutjungen Staates auf seine Bürger. Da ging es freilich um Musketen, nicht um Kalaschnikows.
Blacksburg dürfte schnell dafür sorgen, dass das politische Washington sich an dieser Frage nun erneut die Zähne ausbeißen wird. Schon kündigte die demokratische Senatorin Dianne Feinstein an, man wolle "die schlummernden Anstrengungen neu entfachen, vernüftige Waffenbeschränkungen durchzusetzen".
Feinstein kann ein Lied davon singen: 1994 initiierte sie ein staatliches Verbot von Angriffswaffen mit - das letzte landesweite Waffengesetz, das in den USA in Kraft trat. Der damals republikanische Kongress ließ es 2004 eiskalt auslaufen, ohne es zu erneuern.
Die demokratischen Waffenfreunde
Dass die neuerlichen Rufe nach Gesetzen erfolgreich sein werden, ist ziemlich fraglich. Eher dagegen sprechen nicht nur die US-Geschichte und die Macht der Waffenlobby, deren Parteispenden im Wahljahr nach dem Columbine-Massaker 1999 auf vier Millionen Dollar hochschossen.
Die Nachwuchsgeneration der Demokraten, die im Januar den Kongress stürmte, stammt meist aus Staaten, in denen das "right to bear arms" als Bürgerrecht gilt. Viele dieser Jungdemokraten sind, wie ihre republikanischen Kollegen, gegen Beschränkungen. Ob Blacksburg die Hardliner wachrütteln wird?
"Wir haben einen Haufen demokratischer Senatoren aus ländlichen Staaten, für die Waffenkontrolle ein schlechtes Thema ist", weiß Demokraten-Stratege Steve Elmendorf. "Manche werden sich sagen: Warum reden wir überhaupt darüber, ohne eine republikanische Stimmblockade im Senat brechen zu können?"
"Es wird schwer, das zu verkaufen", ahnt auch die demokratische Abgeordnete Carolyn McCarthy, die profilierteste Waffenfeindin im Kongress. McCarthys Mann Dennis und fünf weitere Passagiere waren 1993 von einem Amokläufer an Bord der Long Island Railroad erschossen worden. McCarthy arbeitet nun an milderen Maßnahmen, die sie Waffenfreunden schmackhaft zu machen hofft. Etwa sofortige Background-Checks für Waffenkäufer.
Der Kandidat beim Wachtelschießen
Auch der Präsidentschaftswahlkampf dürfte die Frage auf lange Sicht kaum vorantreiben. Zwar klatschten alle Kandidaten - bis auf den Republikaner Mitt Romney - schnell Kondolenz-Banner auf ihre Websites und cancelten alle Auftritte des Tages. Doch kein einziger führt "gun control" bisher als brennendes Thema.
Im Gegenteil. "Ich bin schockiert und traurig", erklärte der Republikaner John McCain zu Blacksburg. Weiter hinten auf seiner Website jedoch präzisiert er seine Haltung: "John McCain glaubt, dass das Recht gesetzestreuer Bürger, Waffen zu besitzen und zu tragen, ein fundamentales, individuelles Verfassungsrecht ist, dessen Schutz unsere heilige Pflicht ist." Halali, ihr Wechselwähler in Waffenstaaten!
"Gun Control" ist die Stromschiene aller US-Wahlkämpfe. Sie half, Al Gore 2000 das Genick zu brechen. Zwei Drittel der Amerikaner sind gegen ein Waffenverbot. Deshalb pirschte der Demokrat John Kerry 2004 für die Fotografen auch mit der Schrotflinte durchs Unterholz. Deshalb prahlte Romney jetzt, er sei Mitglied der Waffenlobby NRA und sein "ganzes Leben lang ein Jäger" gewesen. Eine Behauptung, die er kurz darauf leider relativieren musste: Er sei nur zweimal jagen gegangen - einmal mit 15 und einmal letztes Jahr, zum Wachtelschießen.
Der Anchorman bricht in Tränen aus
Doch sind legere Waffengesetze allein schuld? Wer tiefer bohrt, stößt auf ein viel komplexeres Problemfeld: Amerikas gern beklagte "Kultur der Gewalt", wie es der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama nennt.
Die Ursachen dafür sind so vielfältig wie umstritten, und sie wurden zufällig gestern auch auf einem "Gewaltgipfel" von Aktivisten und Kommunalpolitikern in Indianapolis diskutiert: Arbeitslosigkeit, Armut, Hollywood-Filme, Videospiele, Rap-Musik - sowie die brutale Gewinnergesellschaft der USA, die Verlierer, Außenseiter, Andersartige und Nichtangepasste gnadenlos niedertrampelt.
Keine Aussicht auf ein Ende der Debatte also, und vor allem keine Aussicht auf eine Lösung. So bleiben vorerst nur die Rituale der Betroffenheit - und die echte Betroffenheit. CNN-Anchorman John Roberts brach gestern in Tränen aus, als er berichtete, wie die Handys der Toten auf einmal alle zu klingen begonnen hätten. "Verzeihung", stammelte er. "Als Vater fällt mir das wirklich schwer."
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