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27.04.2007
 

Berlin

Mutter zog aus - Kinder lebten fast ein Jahr allein

Von Jens Todt

Sie sind zwischen acht und zwölf Jahre alt: Vier Kinder haben fast ein Jahr lang völlig allein in einer verdreckten Wohnung in Berlin gelebt. Ihre Mutter war einfach ausgezogen. Von den Nachbarn will niemand bemerkt haben, was für eine merkwürdige Kleinfamilie nebenan wohnte.

Berlin - Wer an verwahrloste Kinder in Berlin denkt, hat andere Bilder im Kopf. Der sieht vielleicht marode Plattenbauten, betrunkene Jugendliche auf den Straßen oder welches Klischee ein Stadtviertel auch immer erfüllen muss, um als sozialer Brennpunkt zu gelten.

Hier in Prenzlauer Berg, nur wenige Gehminuten von der quirligen Schönhauser Allee entfernt, scheint die Sonne in den Hinterhof, ein Mann schraubt an seinem Fahrrad herum, in der Ecke steht ein Vogelhäuschen. Seit etwa einem Jahr wird das Haus saniert, die Mieten sollen anschließend steigen.

Im dritten Stock dieses Altbaus lebten vier Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren völlig allein - fast ein ganzes Jahr lang. Gabriele B., ihre Mutter, ist im vergangenen Sommer ausgezogen, zu ihrem Freund, heißt es. Die Kinder haben sich fortan selbst versorgt, nur sehr selten sei die Mutter vorbeigekommen, um ihnen ein paar Euro zuzustecken, sagt ein Polizeisprecher.

Die Polizei hat mittlerweile Kontakt zu der 46-Jährigen. Die Ermittlungen stünden noch ganz am Anfang, sagte ein Polizei-Sprecher. Ermittelt wird wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht. Gabriele B. drohen bis zu drei Jahre Haft.

"Das geht einem natürlich schon im Kopf herum", sagt eine etwa 40-jährige Nachbarin, während sie ihren Briefkasten öffnet, "das ist wirklich unfassbar." Niemand im Haus habe bemerkt, dass die Kinder völlig auf sich allein gestellt waren. "Sie sahen gut genährt aus und waren immer sauber und ordentlich angezogen", sagt eine Frau aus dem Hinterhaus.

Spinnweben überall

Die Mutter habe sie eigentlich vor Jahren zuletzt gesehen, jetzt wo sie darüber nachdenke. "Ein wenig schmuddelig" sei die ihr vorgekommen, "und verschlossen". Gegrüßt habe sie eigentlich nie, "dabei kennen sich die Mieter, die schon länger im Haus wohnen, eigentlich". Die Kinder seien allerdings sehr wohl bemerkt worden, "lebhaft" seien sie. "Die haben auch mal wilde Sau gespielt", sagt ein Nachbar, "wie ganz normale Kinder eben".

Offenbar haben sich die Kinder, zwei Jungs und zwei Mädchen, irgendwie durchgeschlagen, allerdings unter erbärmlichen Bedingungen. Als die Polizisten die Wohnung betraten, bot sich ihnen ein erschreckendes Bild: In allen Räumen befanden sich durchgängig Spinnweben an den Decken, die bis in Kopfhöhe herunter hingen. Auch die Möbel waren von Spinnweben überzogen.

Im Kühlschrank entdeckten die Polizisten eine undefinierbare, verfaulte Masse und sowohl lebende als auch tote Fliegen. Die Küche wurde dem Augenschein nach seit Monaten nicht mehr benutzt. Die Toilette: total verdreckt und mit Kot bedeckt. Der Fußboden: übersät mit Müll, Unrat, verschmutzter Wäsche und Lebensmittelresten. Ein Zimmer war kaum zu öffnen, da sich hinter der Tür nur Müll und Unrat befanden. Im Flur entdeckten die Beamten Margarine und Toastbrot. Möglicherweise haben sich die Kinder davon ernährt.

Der Zwölfjährige fühlte sich irgendwann überfordert

Doch gestern waren die Kinder offenbar am Ende ihrer Kräfte angelangt. Der zwölfjährige Christian* informierte das Jugendamt über die Situation, die Behörde verständigte daraufhin die Polizei. Christian sagte den Beamten, es sei ihm peinlich, wie die Wohnung aussehe, er fühle sich völlig überfordert.

"Die Kinder sind sehr klug und hilfsbereit", sagt ein ehemaliger Lehrer der Bornholmer Grundschule. Er habe alle vier unterrichtet, so der Mann, die Familie sei "sehr fromm". "Die Geschwister haben wahnsinnig zusammengehalten." Christian, der Älteste, sei so intelligent, dass er sich vorstellen könne, "dass er die Familie geführt hat".

Seit 1998 steht die Familie in Kontakt mit dem Jugendamt Pankow, für alle Kinder sind sogenannte Mündelkonten angelegt. Für gestern wurde Gabriele B. in die Schule ihrer Kinder bestellt, Lehrer wollten mit ihr ein Gespräch über ihre Situation führen. Die Vierzimmerwohnung steht kurz vor der Räumung, weil B. die Miete nicht mehr zahlen konnte. Doch B. erschien nicht zu dem Termin.

Berlin ist das einzige Bundesland mit einem eigenen Fachkommissariat für Delikte an Schutzbefohlenen. Die Zahl der Fälle in diesem Bereich steigt seit Jahren: Während 2004 noch 554 Fälle von Misshandlung von Schutzbefohlenen erfasst wurden, waren es ein Jahr später 672 und im Jahr 2006 bereits 753.

Auch bei der Verletzung der Fürsorgepflicht explodieren die Fallzahlen: Im Jahr 2006 wurden 582 Delikte erfasst, das sind 85,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Ermittler führen diese Entwicklung darauf zurück, dass die Anzeigebereitschaft durch Plakataktionen, Schulungen und die Einrichtung eines Hinweistelefons (030/46 64 91 25 55 ) stark gestiegen ist.

Die Wohnungstür im dritten Stock, hinter der die vier Kinder beinahe ein Jahr lang vollkommen alleingelassen von ihrer Mutter leben mussten, inmitten von Schimmel und Kot, ist mit bunten Handabdrücken übersät. Kleine Hände und größere. Ein fröhliches Bild, wie bei einer richtigen Familie.

*Name von der Redaktion geändert

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