Von Jörg Diehl
Hamburg - Vor 14 Monaten schien alles noch so einfach zu sein, da schien alles so eindeutig auf der Hand zu liegen, dass die Zweifler und Mahner, die es in der öffentlichen Diskussion im April 2006 gab, teilweise rüde zurechtgestutzt wurden. Es war doch alles so klar. Oder etwa nicht?
Die Nacht zum Ostersonntag in Potsdam, Brandenburg. Ein junger Mann wird von einem Unbekannten niedergeschlagen und erleidet lebensgefährliche Verletzungen. Das Opfer: Ermyas Mulugeta, 37, dunkelhäutig, geboren in Äthiopien, verheiratet, Familienvater, Wissenschaftler, Fußballspieler, netter Nachbar. "Ein vorbildlicher Deutscher", schlagzeilt der "Stern".
Die beiden mutmaßlichen Täter: Björn L., 29, und Thomas M., 31, beide aus Potsdam, der eine Gelegenheitstürsteher, der andere Behindertentransportfahrer, kurze Haare, kräftige Gestalten. "Ausländer-Hasser festgenommen!", titelt die "Bild"-Zeitung wenig später auf der ersten Seite.
In dem kurzen Wortgefecht, das sich Mulugeta und seine Angreifer wenige Sekunden vor dem verhängnisvollen Faustschlag geliefert hatten und das über ein Handytelefonat von einer Mailbox aufgezeichnet wurde, ist zu hören, wie einer der Kontrahenten mit ungewöhnlich heller Stimme "Scheißnigger" ruft. Der Mitschnitt wird veröffentlicht. Plötzlich gibt es ein Motiv für den Überfall: Fremdenhass.
Während Mulugeta mit einer lebensbedrohlichen Gehirnschwellung im künstlichen Koma liegt, bricht in Deutschland eine Debatte los. In acht Wochen soll "die Welt zu Gast bei Freunden" sein, die Fußball-WM steht bevor, und im Osten kämpft ein Deutsch-Äthiopier nach einem mutmaßlichen brutalen Nazi-Überfall um sein Leben. Das Land bebt vor Empörung - und Scham.
L. und M. werden von vermummten Spezialkräften der Polizei zur Bundesanwaltschaft nach Karlsruhe geflogen und medienwirksam vorgeführt. Die obersten Ankläger der Nation hatten eine "Beeinträchtigung der inneren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland" erkannt und das Verfahren an sich gezogen. Versuchten Mord "aus fremdenfeindlichen Motiven" werfen sie L. und M. vor.
Am Tatort türmen sich Blumen und Karten. Die Politiker überbieten sich mit Appellen und eindringlichen Worten. Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilt die "abscheuliche und menschenverachtende Tat". Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble mahnt, ein rechtsextremer Hintergrund sei doch noch gar nicht erwiesen, und zieht damit den Unmut vieler auf sich. "Ich finde es bestürzend, dass der Bundesinnenminister solch aggressiven Rassismus zumindest fahrlässig verharmlost", ätzt der SPD-Generalsekretär Hubertus Heil.
Und der frühere Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye behauptet in einem Interview, es gebe kleine und mittlere Städte in Brandenburg und auch anderswo, in die ein dunkelhäutiger Tourist besser nicht gehen solle. Er könnte sie "möglicherweise lebend nicht wieder verlassen".
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