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20.06.2007
 

Bluttat von Tessin

Ein Dorf in Schockstarre

Von Julia Jüttner, Tessin

Florian und Felix kennen sich ihr Leben lang. Sie spielten im mecklenburgischen Tessin zusammen, morgens nahmen sie denselben Schulbus - bis Felix und sein Freund Torben total ausrasten: Sie metzeln Florians Eltern nieder. Jetzt beginnt der Prozess gegen die Schüler.

Tessin - Das kleine Tessin im Westen Mecklenburgs hat durch die Nacht des 13. Januar 2007 traurige Berühmtheit erlangt. Von dem Schock hat sich das 200-Seelen-Dorf mit zwei Straßen und einer Bushaltestelle noch immer nicht erholt. "Hier kennt jeder jeden. Dass einer aus dieser Mitte ausschert und grundlos tötet - so etwas vergisst man nicht!", sagt ein Bewohner gereizt, verweigert die Auskunft nach seinem Namen und schiebt entschuldigend nach: "Es ist hier nichts mehr so wie es war. Als hätte man einen Schalter umgelegt. Das Leben ist ein völlig anderes, das kann sich niemand von außen vorstellen. Wenn man wenigstens wüsste, was die geritten hat!"

Besonders das Leben von Jeannette und Kally D. hat sich grundlegend verändert: Ihr Sohn Felix hat mit seinem Freund Torben B. das Leben zweier Menschen ausgelöscht. Das Entsetzen, die Trauer haben den Eltern die Lebensfreude geraubt. Obwohl sich die Dorfgemeinschaft bemühte, sie und Felix' jüngere Schwester aufzufangen, wirkten sie bedrückt, erzählt Gertrud Geistlinger, seit dreizehn Jahren ehrenamtliche Bürgermeisterin. "Die Vergangenheit holt uns alle immer wieder ein. Wie sollen sich da erst die Angehörigen fühlen?" Felix' Eltern waren engagierte Leute. Er spielte in einer Band, ging mit seinem Bruder auf Tournee. Sie unterhielt ein kleines Marionettentheater. Auf das Ehepaar, das in den Neunzigern aus Lüneburg in das kopfsteingepflasterte, fast romantische Tessin mit dem kleinen Dorfteich zog, war Verlass, wenn es im Ort etwas zu organisieren gab.

Seit der Katastrophe verkriechen sie sich in ihrem Haus am Dorfrand. Auf den Fensterbrettern drängeln sich die Blumentöpfe, die Vorhänge sind zugezogen. Dass ihr Sohn, ein kluger, ebenfalls engagierter Gymnasiast, zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat, fällt schwer zu verstehen. Dennoch begleiten sie ihn, wenn morgen der Prozess gegen ihn und seinen Freund Torben vor der Jugendkammer des Landgerichts Schwerin beginnt.

Felix D. und Torben B. haben den Doppelmord gestanden

Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden 17-Jährigen zweifachen Mord, Geiselnahme und Diebstahl vor. "Die Kammer hat die Anklage verschärft: Statt Diebstahl komme auch eine Verurteilung wegen Raubes mit Todesfolge in Betracht", sagt Richter Detlef Baalcke, Sprecher des Landgerichts.

Beide Schüler haben das Unfassbare gestanden: Felix und Torben knebeln und fesseln ihre Freundin Eyleen, sperren die 15-Jährige in einen Schuppen. Dann klingeln sie an der Haustüre ihres Freundes Florian E. in der Dorfstraße 22 - jeder bewaffnet mit zwei Messern. Florians Vater Peter öffnet die Tür. Sie zwingen ihn auf die Knie, der 46-Jährige wehrt sich. Kaltblütig, ohne Vorwarnung, metzeln sie den Fensterbauer mit 66 Messerstichen nieder.

Dann stürzen sie sich auf Florians Mutter Antje. Wie von Sinnen stechen sie auf die 41-Jährige ein. Das Gesicht zerfetzen sie bis zur Unkenntlichkeit. Anschließend befreien sie Eyleen von ihren Fesseln, zerren das Mädchen ins Haus und zeigen ihr die beiden blutüberströmten Opfer.

Florian gelingt es, sich zu verbarrikadieren. Der 16-Jährige alarmiert die Polizei. Um 22.09 Uhr geht bei der Rettungsleitstelle in Schwerin der Notruf ein. Felix und Torben klauen den verrosteten, weißen VW Polo der Familie E., brettern mit ihm über die gegenüberliegende Koppel. Sie durchbrechen zwei weißgetünchte Holzzäune, krachen schließlich in den schwarzen Ford Fiesta eines Nachbarn.

Als sie von der Polizei umstellt sind, nehmen sie Eyleen als Geisel. Eine Stunde benötigen die Beamten, um die beiden 17-Jährigen zur Aufgabe zu überreden. Dann werfen die Teenager ihre Messer aus dem Autofenster, lassen sich widerstandslos festnehmen. Noch in der Nacht gestehen sie, Peter und Antje E. getötet zu haben.

Doch ihr Motiv bleibt ein Rätsel – den Ermittlern, ihren Familien, ihren Freunden. "Vermutungen, dass Gewaltvideos oder Videospiele Auslöser für die Tat waren, haben sich nicht bestätigt", so Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick.

Auffällig bei dem zweifachen Mord ist die besondere Brutalität. Als sie Eyleen ihre blutüberströmten Opfer präsentierten, soll Felix laut Anklage der sterbenden Antje E. noch einmal gegen den Kopf getreten und abermals auf diesen eingestochen haben.

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