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Bluttat von Tessin Ein Dorf in Schockstarre

2. Teil: Was die Täter zu ihrem Motiv sagen, klingt unrealistisch

Die Staatsanwaltschaft hält den Wunsch, Macht auszuüben für bestimmend und geht von niederen Beweggründen aus, erklärt Baalcke. Außerdem hätten Felix und Torben das Auto der Familie E. und Lebensmittel stehlen wollen. Die Anklage laute daher auf Mord. Der Haftbefehl hatte bei der Festnahme auf Totschlag gelautet.

Die Angaben der Täter, was sie zu dem Doppelmord bewogen habe, klangen bisher unrealistisch und frei erfunden. Von "Schule abbrechen", "in Japan ein neues Leben beginnen" ist die Rede. Ihre Geisel erzählte in einem Fernsehinterview, Felix und Torben hätten nach der Tat darüber gesprochen, "dass es mal ganz interessant ist, zu wissen, wie es sich anfühlt, einen Menschen zu töten. Und dass es gar nicht so ein schwieriges, schlimmes Gefühl ist".

Das Bild der Schüler und der Täter - es passt nicht zusammen

Gibt es einen anderen Grund, warum die beiden Schüler zu Messern griffen und wie im Blutrausch mordeten? Darauf hat keiner in ihrem Umfeld eine Antwort. Felix und Torben stammen aus offenbar intakten Familien. In der Schule galten sie als couragiert, hilfsbereit – alles andere als jähzornig oder aggressiv. Sie waren sehr gute Schüler, ehrgeizig und freundlich, hatten Freunde. An Saufabenden nahmen sie nicht teil. Ein von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenes Gutachten erklärt sie als schuldfähig. Das Bild der Jungen passt in keinster Weise mit dem der beiden brutalen Täter zusammen.

Ihre Lehrer verlieren kein schlechtes Wort über die beiden Elftklässler. Wolfgang Albrecht, stellvertretender Direktor am Boizenburger Elbe-Gymnasium, das die beiden besuchten, lobt ihren sozialen Einsatz, ihr Engagement an der Schule. Es macht das Unfassbare noch unbegreiflicher. Auch für die Lehrer und Schüler.

Die Tat sei noch lange nicht vergessen, nach wie vor kümmerten sich Schulpsychologen und ein Pfarrer um Schüler und Lehrer, sagt Direktor Norbert Stern. "Wir tun alles für die Kinder, was in unserer Macht steht. Die Fassungslosigkeit aber bleibt nach wie vor. Es ist nicht einfach, für keinen." An dem Gymnasium werden auch die Schwestern der beiden Täter unterrichtet - und Eyleen.

Täter und Opfer - sie kennen sich ein Leben lang

Zurück bleibt Florian, der Sohn des ermordeten Ehepaars. Florian und Felix - Opfer und Täter - kannten sich ihr Leben lang, haben oft zusammen gespielt. Jeden Morgen nahmen sie zusammen den Schulbus ins neun Kilometer entfernte Boizenburg. Dort trennten sich die Wege der beiden: Während Felix ins Elbe-Gymnasium ging, besuchte Florian die Förderschule. Auch Torben, der aus dem nahe gelegenen Gülze stammt, kannte Florian, sah ihn, wenn er seinen Schulfreund Felix in Tessin besuchte.

Die Tessiner erhoffen sich von dem Prozess neue Erkenntnisse, was das Motiv für die Tat angeht – und eine Rückkehr in alte Zeiten. "Am liebsten würden wir hier die Uhren zurückdrehen", sagt eine Nachbarin von Felix Eltern und schüttelt verständnislos den Kopf. "Vielleicht hilft es, wenn wir endlich die Gründe kennen, warum sie der Familie E., ihren eigenen Familien, aber auch uns das angetan haben."

Viel erfahren werden sie vorerst nicht. Die Öffentlichkeit ist von der Verhandlung ausgeschlossen. Bis zum Urteil sollen keine Details bekannt werden. Die beiden Verteidiger äußerten sich bisher nicht zu dem Fall. Rechtsanwalt Johann Schwenn, der Felix D. vertritt, vertrat bisher Prominente wie Jan Ullrich und Jan Philipp Reemtsma.

Wo einst Blumen und Kerzen für die Opfer standen, erinnert heute nichts mehr an den 13. Januar. Das sanierte Einfamilienhaus der Familie E. steht unverändert da. Die Voliere, aus der die vielen Papageien die Stille nach der Tat durchbrachen, ist abgebaut. Um den Garten kümmern sich Angehörige. Ab und zu kommt auch Florian in sein Elternhaus. Der 16-Jährige lebt jetzt bei seiner Großmutter im 20 Kilometer entfernten Neuhaus. Dort liegen auch seine Eltern begraben.

Mit Eyleen und seiner Tante ist Florian E. Nebenkläger im Prozess.

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