Bonn - "Irgendwann wollte niemand mehr derjenige sein, der den Rückzieher macht", sagte der 19-jährige Pascal I. heute zu Beginn des Mordprozesses vor dem Bonner Landgericht. Mit ihm angeklagt sind der 17-jährige Danny K. und der 21-jährige Ralf A. Die drei Häftlinge hatten bereits bei früheren Vernehmungen gestanden, den 20-Jährigen in der Nacht zum 12. November 2006 zunächst gequält und schließlich gezwungen zu haben, sich mit einem Bettlakenstreifen selbst zu erhängen.
Nach eigenen Aussagen malträtierten die drei unscheinbar wirkenden jungen Männer den Mithäftling nach dem gemeinsamen Mittagessen ohne Grund stundenlang mit Schlägen und Tritten. Auch vergewaltigten sie ihn mehrfach mit einem Gegenstand und zwangen das Opfer, Wasser mit scharfem Pulver zu trinken, eine Tube Zahnpasta und Erbrochenes zu essen. Gegenüber den Justizbeamten behaupteten sie zunächst, ihr Zellengenosse habe sich umgebracht.
Wütend seien sie nicht auf ihren Mithäftling gewesen, erklärten die Angeklagten. "Er war eher ruhig und zurückhaltend, hat immer im Bett gelegen und nicht viel geredet", sagte der 17-Jährige. "Ein Außenseiter-Typ eben." Die Staatsanwaltschaft begründete die Mordanklage mit der grausamen Tötung und den Motiven Mordlust und Vertuschung der vorangegangenen Straftaten.
Zum Prozessauftakt gaben die Angeklagten außerdem zu, dass sie aus Berechnung töteten. Sie hätten auf eine "Blitzentlassung" spekuliert. Die kann gewährt werden, wenn Haftinsassen wie bei einem Suizid psychisch angeschlagen sind. "Wir wollten einen auf psychisch krank machen", sagte der 19-Jährige.
Dabei sei die Idee, das Opfer "wegzuhängen", zunächst gar nicht ernst gemeint gewesen, sagte der 17-Jährige. "Ich hatte das nur so aus Spaß in den Raum geworfen. Dann haben wir aber gemerkt, was wir getan haben und mussten da durch." Gemeinsam mit Pascal und Ralf habe er schließlich eine Liste mit Argumenten geschrieben, die für und gegen die Tötung sprächen. Darin wird laut Anklage unter anderem das Motiv genannt, "dass Tote nichts mehr erzählen können".
Fünf Mal hätten sie versucht, den Zellengenossen, der wegen Diebstahls im Gefängnis saß, zu erhängen. Drei Mal riss das Kabel. Beim vierten Versuch drehten sie den Aussagen zufolge einen Henkerstrick aus Bettlaken, weckten das Opfer jedoch mit Ohrfeigen wieder aus seiner Bewusstlosigkeit, um ihn zu seinen Nahtod-Erfahrungen zu befragen. "Erst nachdem wir ihm dann eine Zigarette zum Rauchen gegeben haben, haben wir es endgültig getan", sagte der 17-Jährige, der nervös stotternd die schrecklichen Details des Verbrechens wiedergab.
Zu seiner Person wollte der Minderjährige vor Publikum nicht aussagen. Daher schloss der Vorsitzende Richter der 8. Strafkammer die Öffentlichkeit kurzzeitig aus. Die beiden übrigen Angeklagten dagegen gaben Einblick in eine zerrüttete Kindheit und Jugend. Seit dem zwölften Lebensjahr, so erklärten sie, nähmen sie bereits regelmäßig Drogen. Der 21-Jährige ist in mehreren Heimen groß geworden, der 19-Jährige war zwei Mal in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie untergebracht. Beide sind während ihrer Haftzeit Vater geworden.
Unvorstellbar schien, dass das Gefängnispersonal die Folter-Vorgänge in der Siegburger Gemeinschaftszelle nicht bemerkt hatte, obwohl die Wärter mehrere Male in der Zelle nachschauten. Ermittlungen gegen den Leiter der Justizvollzugsanstalt und vier Beamte wurden im April eingestellt, weil die Staatsanwaltschaft keine strafrechtlich relevanten Dienstverletzungen feststellen konnte. Der Gefängnisleiter und sein Stellvertreter wurden aber versetzt. Nordrhein-Westfalen beschloss Verbesserungen im Strafvollzug, und in den Ländern werden Jugendstrafvollzugsgesetze reformiert.
Für den Prozess sind zunächst acht Verhandlungstage angesetzt. Dem 17-Jährigen droht die höchst mögliche Jugendstrafe von zehn Jahren. Falls die beiden anderen nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden, droht ihnen lebenslange Haft. Das Urteil wird für den 28. August erwartet.
Entschuldigt habe er sich bislang nicht bei den Angehörigen, sagte der 17-Jährige. "Ich kann doch nicht einfach sagen, es tut mir leid. Das bringt doch nichts", sagte er. Für sich persönlich habe er allerdings Konsequenzen aus dem Geschehen gezogen. "Ich habe schließlich keinen Bock, in der Hölle zu landen."
jdl/AP
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