Von Dominik Baur
Hamburg - Er war ein bedeutender Vertreter der süditalienischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Doch wenn in Italien der Name des kalabrischen Ortes San Luca fällt, denkt kaum einer mehr an dessen berühmtesten Sohn, Corrado Alvaro (1895-1956) - sondern an Entführungen, Mord, Massaker.
Der jüngste Mord in der 4000-Seelen-Gemeinde geschah an Weihnachten 2006. Das Opfer, eine gerade erst 33 Jahre alte Frau, wurde vor ihrem Haus niedergemetzelt. Der tödliche Fehler der jungen Frau: Maria gehörte der falschen Familie an. Dem Clan der Nirta-Strangio. Ihr Mann, Giovanni Nirta, soll einer von dessen Anführern sein. Er war gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er eine Haftstrafe wegen Rauschgifthandels abgesessen hatte. Seitdem ist er unauffindbar, schreibt die Zeitung "La Repubblica".
Vor 16 Jahren hat die Fehde zwischen den Strangio-Nirta, zu denen auch die aktuellen Opfer in Duisburg gehörten, und den Pelle-Vottari-Romeo begonnen. Dabei geht es um das Abstecken von Territorien am Fuße des Bergmassivs Aspromonte, um Drogenschmuggel im großen Stil. Vor allem aber geht es um einen banalen Familienstreit, wie er in dieser archaischen und blutigen Weise wohl nur noch von der Mafia ausgetragen wird - in diesem Fall von ihrer kalabrischen Spielart, der 'Ndrangheta.
"Viele versteckte Killer in Deutschland"
Bis zu 7000 Mitglieder, so schätzt man, hat die 'Ndrangheta. Sie besteht aus rund hundert Clans. Lange unterschätzt, gilt sie mittlerweile als eine der mächtigsten Mafia-Organisationen überhaupt. Anders als die wesentlich besser und hierarchischer organisierte Cosa Nostra, die sizilianische Mafia, ist die 'Ndrangheta noch kaum unterwandert. Es gibt nur wenige Kronzeugen, die bisher ausgesagt haben.
Der wohl bekannteste Fall ist Giorgio Basile: Als er im Mai 1998 der Polizei in Kempten im Allgäu ins Netz ging, gestand er Fahndern des Bayerischen Landeskriminalamtes die Beteiligung an mehr als 30 Morden. Er wurde Kronzeuge der italienischen Justiz und brachte mit seiner Aussage schon 50 Mafiosi hinter Gitter.
Seine Geschichte wurde von SPIEGEL-Redakteur Andreas Ulrich in dem Buch "Das Engelsgesicht" beschrieben. Basile gibt auch ein gutes Beispiel ab für die weitreichenden Arme der 'Ndrangheta. Sie ist nicht nur in Kalabrien tätig, sondern auch in der Lombardei, der Toskana und der Emilia Romagna. Im Ausland reicht ihr Einfluss bis nach Bolivien oder Russland.
Aber eben auch nach Deutschland, besonders ins Ruhrgebiet. Hier kann die Organisation auf ein großes Netz von Killern zurückgreifen. "Die Zahl kann ich nicht sagen, aber es gibt viele versteckte Killer in Deutschland", sagte Basile, der selbst im Ruhrpott aufgewachsen ist, 2005 im Chat auf SPIEGEL ONLINE. "Man kann in eine Pizzeria gehen, und der Pizzabäcker ist in Wirklichkeit ein Killer, der sich versteckt und nur auf einen Anruf wartet." Über die Lebensbeichte Basiles hinaus lässt sich allerdings wenig Konkretes über die Rolle und das Treiben der 'Ndrangheta in Deutschland sagen.
Die 'Ndrangheta ist tief verwurzelt in der kalabrischen Gesellschaft. Ihr Einfluss reicht bis in jeden Ort, bis in jede Familie. "'Ndrangheta ist eine Lebensweise", schrieb der SPIEGEL im Jahr 2000. "Während die Polizei die Straße abriegelt, um den Gebührenbescheid für das Autoradio zu kontrollieren, kümmert sich die 'Ndrangheta um Baugenehmigungen in der Altstadt, schlichtet Streit und gewährt Kredite. Ohne die Fürsprache eines Bosses geht oft gar nichts. Die undurchschaubare Bürokratie ist der beste Nährboden für die kriminelle Nebengesellschaft, deren Mitglieder auch in Deutschland aktiv sind."
Doch die Opfer der 'Ndrangheta finden sich nicht nur außerhalb der Organisation. Die Ehrenmänner, wie sie sich nennen, morden untereinander, sobald sie ihre Ehre verletzt oder sich übers Ohr gehauen sehen. Die Polizei scheint dann meist machtlos. In Reggio di Calabria etwa, der früheren Hauptstadt der Region, tobte in den Neunzigern ein blutiger Bruderkrieg innerhalb der 'Ndrangheta. Alle zwei Tage lag ein Toter auf der Straße. Erst eine nächtliche Ausgangssperre konnte das Morden beenden.
Dennoch ist eine Tat wie die in Duisburg ungewöhnlich für die 'Ndrangheta. Der Antimafia-Staatsanwalt Pietro Grasso unterstreicht laut "Repubblica" die "absolute Neuheit" der Tat. Ein solches Massaker - verübt im Ausland - habe es noch nie gegeben. Die Familien waren ihm zufolge nach Deutschland geflohen, um der Familienfehde zu entgehen. Besonders grausam an der Tat sei gewesen, dass wahllos Menschen umgebracht worden seien - nur aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie.
Am Anfang der Fehde flog ein Ei
Die Familienfehde, der auch die Italiener in Duisburg zum Opfer fielen, begann bei einem Faschingsfest am 11. Februar 1991. Es war eine Bagatelle - die inzwischen mehr als ein Dutzend Menschen das Leben gekostet hat.
Damals standen ein paar Jugendliche beieinander, angeblich flogen Eier. Es kam zum Streit, die jungen Männer wurden handgreiflich. Tage später wurden in einem Hinterhalt zwei Menschen ermordet, der 20-jährige Francesco Strangio und der 19-jährige Domenico Nirta. Zwei weitere Männer wurden verletzt.
Danach schien viele Jahre lang Ruhe eingekehrt - bis zu eben jenem Weihnachtstag im vergangenen Jahr. Nach Maria Strangio starben wegen des Zwists italienischen Zeitungen zufolge noch fünf weitere Menschen bei Mordanschlägen in Italien. Dazu kamen sechs Mordversuche.
Die Fehde, die folgt, ist so unverständlich wie blutig. Selbst die Nachnamen der Beteiligten tragen nicht immer zum Verständnis bei: So erschien laut "Repubblica" bei der Beerdigung von Maria Strangio auch ein gewisser Giovanni Strangio, der aber trotz seines Namens einer anderen Zelle der 'Ndrangheta angehörte. Die Polizei, die ihn überwältigte, vermutete, dass er nicht als Trauergast gekommen war. Er war bewaffnet und könnte den Mann der Ermordeten gesucht haben.
Da sie der Oberhäupter des jeweils verfeindeten Clans nicht habhaft werden, nehmen die beiden Familien immer mehr Menschen in Sippenhaft, die nur lose mit den Clans verbunden sind: entfernte Verwandte, Geschäftspartner, Auftragskiller. Das letzte Opfer vor dem Mord von Duisburg: Antonio Giorgi. Er wurde am 3. August auf seinem Grundstück erschossen.
Jetzt in Duisburg war dem italienischen Innenminister Guiliano Amato zufolge ein Italiener unter den sechs Toten, der an der Fehde von San Luca aktiv beteiligt war. Er soll sich vor der Schießerei selbst nach Waffen umgesehen haben - und war den Angaben zufolge vor Killern auf der Flucht, die ihm nach dem Leben trachteten, bevor die Polizei ihn finden konnte.
"San Luca ist zum Dorf der Gespenster geworden. Alle sind sie versteckt oder auf der Flucht", schreibt "La Repubblica". Aber selbst die Flucht ins ferne Duisburg hat sechs Menschen nichts genutzt.
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