SPIEGEL ONLINE: In Duisburg sind sechs Männer auf offener Straße erschossen worden - offenbar eine Mafia-Fehde.
Lampe: Danach sieht es aus. Es ist natürlich nicht das erste Mal, dass eine Fehde italienischen Ursprungs in Westeuropa ausgetragen wird. Aber diese Tat hat eine besondere Dimension. Das deutet darauf hin, dass die Entscheidung dazu im Ausland gefallen ist ...
SPIEGEL ONLINE: ... wieso?
Lampe: Solche Taten sind schlecht fürs Geschäft. Sie ziehen die Aufmerksamkeit der Ermittler auf sich, was die Mafia ja eigentlich vermeiden will. Das ist ein Betriebsunfall, wenn Sie so wollen. So viele Tote deuten auf ein Versagen des Systems hin. Eigentlich ist die Mafia entstanden, um Fehden und Konflikte zu vermeiden oder zu schlichten. Morde geschehen da nie zum Selbstzweck.
SPIEGEL ONLINE: Wieso dann diese Bluttat?
Lampe: Entweder leben die Täter und Hintermänner in Deutschland - das halte ich für unwahrscheinlich, denn wer hier verankert ist, hier seine Geschäfte macht, der will die Aufmerksamkeit nicht. Oder sie agieren aus der Ferne, aus Italien - dann steht die Gefahr von Ermittlungen in Deutschland nicht im Vordergrund. Oder die Tat war einfach stümperhaft geplant, der oder die Täter waren ziemlich unprofessionell ...
SPIEGEL ONLINE: ... halten Sie das wirklich für realistisch?
Lampe: Das ist schon denkbar. Vielleicht bestand der Auftrag darin, einen oder zwei Männer zu töten. Dann waren plötzlich mehr Menschen dort - und man hatte schlicht nicht mehr die Zeit, in Kalabrien anzurufen und zu fragen, was man tun soll. Eine solche Tat zeugt von einer großen Irrationalität. Im Kern agiert die Mafia rational - die Zahl der Morde sind ein Indiz für einen Zusammenbruch ihrer Ordnung. Wenn die Morde angeordnet waren, dann sind sie irrational, weil man offensichtlich die Konsequenzen nicht berücksichtigt hat. Wenn die Morde nicht angeordnet waren, sind sie schlecht gemacht worden. Dann klopft Ihnen niemand für sechs Morde auf die Schulter, sondern Sie gelten als Idiot.
SPIEGEL ONLINE: Kann man sich nicht durch Morde profilieren?
Lampe: Grundsätzlich schon. Aber nur durch Morde, die im vorgesehenen Rahmen stattfinden. Der ideale Mafioso ist eine Mischung aus einem gerissenen Geschäftsmann und einem Brutalo. Die Mafia dreht sich um Status und Respekt, die untrennbar mit wirtschaftlichen Interessen verbunden sind. Letztlich sind die internen Mechanismen in unserem Rechtssystem nicht ganz unähnlich. Es geht um die Ahndung von Regelverletzungen, die Organisation und das einzelne Mitglied werden geschützt. Wenn ein einfaches Mitglied in der Mafia etwas klaut, muss es den Gegenstand zurückgeben. Die Normen machen das Handeln in der Mafia erwartbar. Das ist für ihr Funktionieren extrem wichtig.
SPIEGEL ONLINE: Wenn alles so gut organisiert ist, wieso kommt es dann überhaupt zu Morden?
Lampe: Zum einen werden so Regelverstöße geahndet. Zum anderen sind die hierarchische Struktur und die Karriere innerhalb der Mafia konfliktträchtig. Morde geschehen wegen Machtrivalitäten, aber auch weil die Leute unter dem Druck der Strafverfolgung stehen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hatte die Polizei viele Fahndungserfolge. Im Milieu wächst die Angst, dass die eigenen Leute mit ihr zusammenarbeiten. Leute werden erschossen, weil ein vager Verdacht des Verrats besteht.
SPIEGEL ONLINE: In Duisburg soll es um eine Familienfehde gehen.
Lampe: Das ist nicht typisch für die Mafia an sich - aber durchaus für die 'Ndrangheta.
SPIEGEL ONLINE: Stehen in Deutschland weitere Verbrechen solcher Dimension wie in Duisburg bevor?
Lampe: Ich sehe die Morde von Duisburg als isoliertes Ereignis. Dass Mafiosi in Deutschland leben, ist nicht neu. Sie sind entweder als Gastarbeiter gekommen, leben in der zweiten oder dritten Generation hier oder sind vor der italienischen Polizei geflohen. Allerdings agieren sie hier nicht wie in Italien, und das wird sich auch nicht ändern. Es macht für den Status und die Aktionen der Mafiosi einen großen Unterschied, ob sie in einem kleinen italienischen Dorf leben oder viele Kilometer voneinander entfernt im Ruhrgebiet. Die gesellschaftliche Stellung ist hier eine ganz andere als zuhause in Italien.
SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich das?
Lampe: In Italien werden Mafiosi über das kriminelle Milieu hinaus als solche wahrgenommen, und ihr Einfluss beschränkt sich auch nicht auf das Milieu. Dort gibt es historisch gewachsene Allianzen zwischen Kriminellen und gesellschaftlichen Eliten. In Deutschland ist ihre Position eine ganz andere. Hier unterscheiden sie sich nicht von anderen Kriminellen, die auch von Schutzgeldern, Drogen- und Waffenhandel leben. Hier müssen sie sich wie andere Kriminelle behaupten. In Italien ist die Verbindung zur Mafia mit einem Status-Zuwachs verbunden. Dort müssen sie dem Bäcker, von dem sie Schutzgeld wollen, nicht erst erklären, wer sie sind und was sie wollen.
Das Interview führte Barbara Hans.
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