Von Jörg Diehl
Köln - Mit einem lang gezogenen "Jaaa" meldet sich der Mörder am Telefon und setzt sofort hinzu: "Was gibt es?" Heinrich Boere, 85 Jahre alt, ehemaliger SS-Sturmmann, früherer Bergarbeiter und nunmehr Bewohner einer Seniorenresidenz im nordrhein-westfälischen Eschweiler, wird nicht mehr häufig angerufen. Und seitdem der Zweite Strafsenat des Oberlandesgerichts (OLG) Köln Anfang Juli beschlossen hat, dass der dreifache Todesschütze nicht ins Gefängnis muss, könnte jedes Klingeln des Apparats zudem unangenehme Nachfragen ankündigen. So wie in diesem Fall.
"Was damals passiert ist, interessiert mich nicht mehr", so Boere zu SPIEGEL ONLINE. "Ich bin alleine, ich habe nicht mehr lange zu leben und warte nur noch auf den Tod."
Den Tod, dem Boere in seiner komfortablen Appartement-Anlage mit Bibliothek, Hobbyraum und Tiefgarage angeblich gelassen entgegensieht, brachte der damalige Angehörige der "Germanischen SS in den Niederlanden" im Kriegsjahr 1944 gleich drei unschuldigen Zivilisten.
Wie mehrere niederländische und deutsche Gerichte übereinstimmend erkannt haben, erschoss Boere jeweils gemeinsam mit einem Kameraden heimtückisch den Apotheker Bicknese in Breda, den Fahrradhändler Teunis de Groot in Voorschoten und Herrn Kusters in Wassenaar. Die SS-Schergen, ausgestattet mit der Lizenz zum Morden, nutzten dabei nach Ansicht der Gerichte die Arg- und Wehrlosigkeit der überraschten und unbewaffneten Männer aus. Die Racheengel der Besatzer kamen, feuerten und verschwanden - kaltblütig, hinterlistig, tödlich.
Boere, Sohn eines niederländischen Vaters und einer deutschen Mutter, war "ein Fanatiker", wie er SPIEGEL ONLINE nun sagte. Ende 1940 hatte sich der damals 18-Jährige, wie aus dem Beschluss des OLG Köln hervorgeht, freiwillig zur Waffen-SS gemeldet und fast zwei Jahre lang an der Ostfront gekämpft. 1942 kehrte er in die besetzten Niederlande zurück, wo er dem etwa 15 Mann starken SS-Sonderkommando "Feldmeijer" zugeteilt wurde.
Codewort "Silbertanne"
Diese Henkerstruppe hatte den unmittelbar auf Hitler zurückgehenden und als "Geheime Reichssache" eingestuften Auftrag, jeglichen aufkeimenden Widerstand in den besetzten Niederlanden durch wahllose Erschießungen zu brechen. Kam es zu Anschlägen der Untergrundkämpfer gegen Deutsche oder gegen Kollaborateure, setzte der Höhere SS- und Polizeiführer Hanns Albin Rauter umgehend mit dem Codewort "Silbertanne" sein Mordkommando in Bewegung. Boere und seine Kameraden zogen los und erschossen die zuvor bestimmten Zivilisten, wie die Gerichte festgestellt haben. Demnach fielen mindestens 54 Niederländer den "Silbertanne"-Mördern zum Opfer.
"Es wurde darauf geachtet, dass es sich um Personen handelte, die in unmittelbarer Umgebung des Attentatsortes wohnten und von denen man zumindest annahm, dass sie mit Widerständlern in Verbindung standen, dass sie mit ihnen sympathisierten oder dass sie antideutsch eingestellt waren", heißt es in dem Beschluss des OLG Köln.
Doch Mordbube Boere wählte nicht aus, er drückte nur ab: "Wir kannten die Männer nicht. Der Sicherheitsdienst der SS gab uns die Namen und wir machten uns auf den Weg", sagte Boere SPIEGEL ONLINE. "Man sagte uns, es handele sich um Partisanen, um Terroristen. Wir dachten, wir täten das Richtige."
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