Berlin/Duisburg - Auf dem Video sind nach Angaben der Polizei möglicherweise die Personen zu sehen, die am vergangenen Mittwoch sechs Italiener im Alter von 16 bis 38 Jahren vor einer Pizzeria in Duisburg erschossen haben. Die vier Sekunden lange Sequenz zeigt schemenhaft zwei Personen, die über das Gelände der Tankstelle in der Nähe des Tatortes flüchten. Die angewinkelten Arme deuten den Angaben zufolge darauf hin, dass die Personen Schusswaffen trugen. Die Bilder seien vom Bundeskriminalamt technisch aufgewertet worden. Wenngleich die Bilder von geringer Qualität seien, hoffe die Duisburger Mordkommission dennoch auf Zeugenhinweise zu den beiden Personen, teilte die Polizei mit. Mit Ausnahme der kurzen Sequenz erwiesen sich laut Polizei die übrigen Aufzeichnungen der Überwachungskamera als unbrauchbar.
Neuesten Ermittlungen zufolge haben die sechs Opfer von Duisburg bei dem Anschlag keinerlei Gegenwehr geleistet. Die Mordkommission berichtete heute nach Auswertung der Spuren, dass mindestens zwei Täter von außen in die beiden Fahrzeuge mit den Opfern geschossen hätten. Aus den Fahrzeugen heraus sei nicht geschossen worden. Die Männer hatten keine Schmauchspuren an den Händen. Es wurden bei ihnen auch keine Waffen gefunden.
Die Killer hatten die Männer in der Nacht zu Donnerstag nach einer Geburtstagsfeier vor einer Duisburger Pizzeria getötet. "Die Getöteten weisen eine Vielzahl von Einschüssen im Kopf und im Oberkörperbereich auf", gaben die Ermittler bekannt. Sie gehen von einer Blutfehde im Mafiamilieu der kalabrischen 'Ndrangheta aus.
Die Fahnder gehen inzwischen 250 Hinweisen nach. Sie sollen bis nach Paraguay reichen. "Wir ermitteln in alle Richtungen", sagte ein Polizeisprecher. Rund hundert Polizisten seien mit den Ermittlungen beschäftigt. Als Zeugen sucht die Polizei weiter nach zwei Radfahrern, die etwa zur Tatzeit in der Nähe der Pizzeria gewesen sein sollen.
Italienische Gastronomen gehen auf die Barrikaden
Die Restaurantbesitzer haben eine Woche nach der Ermordung von sechs Landsleuten in Duisburg zum Kampf gegen Schutzgelderpressung und andere Umtriebe der Mafia aufgerufen. "Wir sagen Nein zur Mafia", sagte Laura Garavini, Koordinatorin der Union der Italiener in der Welt (UIM), heute in Berlin. "Wir können nicht einfach zugucken", sagte Garavini.
"Wir Italiener sind erschüttert über die Bluttat", erklärte Garavini. Es bestehe nun die Gefahr, dass Vorurteile gegen Italiener genährt würden. Die mehr als 600.000 Italiener in Deutschland seien "ehrlich und anständig". Einige italienische Gastronomen in Berlin hätten in der vergangenen Woche bereits Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent zu beklagen gehabt, hieß es von Restaurantbesitzern.
Mindestens 17 der etwa 300 italienischen Gastronomen in Berlin, darunter mehrere bekannte Lokale der Hauptstadt, haben sich bisher der Aktion angeschlossen. Die Koordinatorin hofft auf weitere Mitstreiter. "Wir verachten die Mafia, und wir sagen dies auch offen und laut und ohne Angst", sagte Garavini. Die Initiative soll nun auch in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg gestartet werden.
Die Mitglieder der Initiative verpflichteten sich unter anderem, Schutzgelderpressungen "sofort den Behörden zu melden", erklärte Gino Puddu vom Café Aroma und fügte hinzu: "Wir sind nicht bereit zu schweigen." Pino Bianco, Inhaber des Restaurants A' Muntagnola, sagte: "Wir haben persönlich nichts mit der Mafia zu tun." Bedrohungen von Kollegen seien nicht bekannt.
Ob Gastronomen aus anderen Städten, in denen die Mafia aktiver ist als in Berlin, dem Beispiel folgen werden, bleibt abzuwarten. Polizeisprecher Bernhard Schodrowski sagte: "Wir haben keine Hinweise auf Mafia-Aktivitäten in Berlin." Ähnliche Fälle wie den sechsfachen Mord in Duisburg habe es in der Hauptstadt nicht gegeben.
"Ernsthafte Bedrohung"
Am Donnerstag will der nordrhein-westfälische Innenminister Ingo Wolf (FDP) den Innenausschuss des Landtages über die Mafia-Morde und die Ermittlungsarbeit der Polizei informieren. Wolfs bayerischer Amtskollege Günther Beckstein (CSU) sieht Deutschland durch Mafia-Organisationen und organisierte Kriminalität "ernsthaft bedroht". Die Mafia-Morde von Duisburg hätten gezeigt, dass die Gefahren nicht unterschätzt werden dürften, sagte Beckstein heute in München. In Bayern laufe derzeit noch ein Ermittlungsverfahren mit einem möglichen Bezug zur kalabrischen Mafia 'Ndrangheta. Dabei gehe es um Rauschgiftdelikte.
Er halte die 'Ndrangheta für eine der weltweit gefährlichsten Mafiaorganisationen, die einen jährlichen Umsatz von rund 32 Milliarden Dollar erziele. Deutschland werde von der Gruppierung vor allem für Investitionen in Gaststätten und das Baugewerbe sowie zur Geldwäsche und als Rückzugsraum für flüchtige Straftäter genutzt.
ffr/dpa/ddp/AFP
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