Von Julia Jüttner
London - Weinend knien Melanie und Stephen Jones vor dem Blumenmeer am Rande des Parkplatzes, auf dem ihr Sohn Rhys verblutete. Freunde und Fremde haben ihr Mitgefühl und ihre Anteilnahme an dem brutalen und sinnlosen Tod des Elfjährigen in Form von Briefen, Blumen und Spielzeug zum Ausdruck gebracht. "Jedes Tor, das ich schieße, wird für dich sein", hat einer seiner Freunde auf einen Zettel geschrieben und zwischen einen großen Teddybären und einen Schal des Fussballclubs Everton, dessen glühender Fan Rhys war, gelegt.
Die Polizei scheint dem Kampf zweier rivalisierender Jugendbanden machtlos gegenüberzustehen. "Stell dich. Bitte gib' den Eltern nach dieser Tragödie ein wenig Frieden", richtete sich Vize-Polizeichefin Patricia Gallan via BBC an den Mörder.
Schon kurz nach diesem Appell nahm die Polizei heute einen neuen verdächtigen Teenager fest. Es handle sich um einen 16 Jahre alten Jugendlichen aus der Nachbarschaft, teilte die Behörde mit. Der Junge werde unter Mordverdacht verhört. Der Jugendliche stammt wie der getötete Rhys Jones aus dem Stadtteil Croxteth. Auch ein herrenloses Fahrrad, das in Liverpool gefunden worden sei, werde derzeit untersucht
Die Polizei fahndet nach einem Teenager, der auf einem BMX-Rad angefahren kam, auf Rhys und dessen Freunde schoss und davonradelte, als der Elfjährige zusammenbrach. Bisher seien nur wenige Anrufe eingegangen, beklagt die Vize-Polizeichefin. "Wir sind darüber sehr enttäuscht. Ich brauche mehr Hilfe, um dieses Verbrechen aufzuklären", sagte Gallan "Sky News". "Dieser Mörder muss von der Straße." Es gebe genügend Leute, die genau wüssten, wer für den Mord an dem Jungen verantwortlich sei. "Wir brauchen Ihre Hilfe!", wandte sie sich noch einmal direkt an die Betroffenen.
Doch die Resonanz auf ihren Aufruf bleibt spärlich. Die Menschen im Liverpooler Stadtteil Croxteth, in dem Rhys Jones mit seiner Familie lebte, haben Angst. Bewohnern zufolge sollen Jugendliche hier Waffen wie Fußball-Sammelkarten austauschen. Eine Schusswaffe oder ein Messer in der Hosentasche gelten als Statussymbol unter den Teenagern.
Das eher gutbürgerliche Croxteth ist zwischen die Fronten der rivalisierenden Jugendbanden Crocky Eds und Nogzy Eds geraten, berichtet "The Guardian". In der Gegend sind laut "Times Online" im vergangenen Jahr 48 Jugendliche unter 18 Jahren wegen eines Waffendeliktes verhaftet worden. Innenministerin Jacqui Smith sagte, in Großbritannien seien einfach zu viele Waffen im Umlauf. Man dürfe aber auch nicht vergessen, dass die meisten Jugendlichen friedlich im Land lebten.
Sowohl Täter als auch Opfer: Beide sind meist Teenager
Videos, die bis vor kurzem bei YouTube kursierten, zeigen ein anderes Bild. Sie dokumentieren die Gewalt zwischen den beiden Banden aus Rhys' Nachbarschaft: Die Filme zeigen die Waffenarsenale der Crocky Eds und Nogzy Eds, zwei Gruppen, die nur Hass und Rache miteinander verbinden. Die Kamera schwenkt vom spießig-gepflegten Rasen zu einem Meer von Gewehren, bissigen Pitbulls und gestohlenen, umgebauten Autos. Im Hintergrund ertönt ein Schuss, dann fällt der Blick der Kamera wieder auf einen Haufen Maschinenpistolen, dann wieder auf drei furchterregende, die Zähne fletschende Kampfhunde. "Alle Kinder, die hier zu den Banden gehören, tragen Waffen", zitiert "The Guardian" einen 16-Jährigen. "Die überlegen nicht zweimal, bevor sie abdrücken."
Rhys Jones ist das jüngste Opfer der Mordserie unter Minderjährigen. Der Elfjährige träumte davon, Profi-Fußballer zu werden. Er schwärmte für die Spieler des FC Everton und war stolzer Besitzer einer Dauerkarte. Er war auf dem Heimweg vom wöchentlichen Fußballtraining - im Trikot seiner Lieblingsmannschaft, in Fußballschuhen und Schienbeinschützern. Mit zwei Freunden bolzte Rhys noch kurz auf dem benachbarten Parkplatz des "Fir Tree Pub". Da näherte sich ein Unbekannter, sein Gesicht unter einer Kapuze versteckt, auf einem BMX-Rad.
Ohne Vorwarnung feuert er drei Schüsse ab: Einer trifft ein geparktes Auto, ein anderer geht fehl, der dritte trifft Rhys Jones im Nacken. Der Täter radelt davon. Ein Besucher des Pubs sprintet zu dem verletzten Elfjährigen, dessen beide Freunde geschockt verharren. Jemand alarmiert einen Rettungswagen und die Polizei.
"Wer immer das getan hat, er muss gefasst werden"
Einer von Rhys' Trainern rast zum nahe gelegenen Elternhaus des Jungen, überbringt der Mutter die Nachricht. Melanie Jones eilt zu dem Parkplatz. Als sie eintrifft, hat ihr Sohn bereits das Bewusstsein verloren. "Er lag in einer riesigen Blutlache. Die Sanitäter versuchten eineinhalb Stunden lang, ihn zu reanimieren, aber sein kleiner Körper schaffte es nicht", zitiert "Daily Mail" die Mutter.
"Wer immer das getan hat, er muss gefasst werden", sagte Rhys' Vater, Stephen Jones. "Niemand soll noch einmal das durchmachen, was wir gerade durchleben: Den eigenen Sohn in seinem Blut liegen sehen, wie er um sein Leben kämpft."
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