Von Julia Jüttner
Ihr Sohn habe keiner Jugendbande angehört, sagt das Ehepaar Jones. Sein ganzes Interesse habe dem Fußball gegolten. "Mein Baby war nur elf Jahre alt", sagte Melanie Jones in einer ergreifenden Fernsehansprache. "Er hat das nicht verdient. Er wurde von hinten in den Nacken geschossen, mein Baby. So etwas darf nicht passieren, so etwas darf sich nicht wiederholen. Bitte, helfen Sie uns!"
"Die Welt hat einen guten Jungen verloren"
Mit tränenerstickter Stimme flehte die 41-Jährige, dass sich diejenigen melden sollen, die mehr wissen - auch wenn sie Angst davor haben. "Das nächste Mal kann es Ihr Sohn, Ihr Bruder sein, weil es wieder passieren wird, wenn der Täter nicht gefasst wird." Auch an den Schützen richtete sie sich persönlich: "Gib auf!" Sie seien am Ende ihrer Kräfte, sagte ihr Ehemann Stephen. "Wir haben unsere Welt verloren - und die Welt einen guten Jungen."
Polizeichef Bernard Hogan-Howe bezeichnete die tödlichen Schüsse auf den Elfjährigen als das schrecklichste Verbrechen der vergangenen 20 Jahre. Fieberhaft fahndet eine 100 Mann starke Sonderkommission nach dem Täter: Einem weißen, schlanken Jungen zwischen 13 und 15 Jahren, der ein schwarzes BMX-Rad fuhr, dunkel gekleidet, mit Kapuze und weißen Turnschuhen. Zwei kurz nach der Tat festgenommene 14- und 18-jährige Jungen aus Croxteth sind wieder auf freiem Fuß.
Rhys' Heimatort Croxteth mit den vielen Bäumen und Einfamilienhäusern gilt als Mittelklasse-Gegend, in der viele Familien und Pensionäre leben. Viele haben Angst vor den gewaltbereiten Teenagern. Premierminister Gordon Brown sagte, man habe es mit einer Serie von Morden unter Kindern zu tun. Es handle sich vor allem im Fall des kleinen Rhys um einen besonders "abscheulichen Mord, der das ganze Land schockiert".
War es eine Verwechslung - oder eine Mutprobe?
Allein in London sind seit Januar 17 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren getötet worden: Sechs wurden erschossen, der Rest bei Messerstechereien regelrecht niedergemetzelt. Ihre Mörder waren zwischen 16 und 22 Jahren alt. Auch in Nottingham, Birmingham, Blackpool, Liverpool und Manchester wurden Kinder von Altersgenossen ermordet. In Newcastle kam es fast zeitgleich mit dem Mord an Rhys zu einer Messerattacke auf einen 17-jährigen. Er liegt im Krankenhaus - mit fünf Stichwunden im Rücken.
Garry Newlove starb vor wenigen Tagen, weil er in Warrington eine Gruppe betrunkener Teenager gestellt hatte. Sie hatten das Fenster eines Baggers zerschlagen. Die Jungen gingen auf den 47-Jährigen los, traten wie besinnungslos auf ihn ein - und filmten den brutalen Anschlag mit ihren Handykameras. Der Vertriebsleiter starb im Krankenhaus. Neun Jugendliche wurden gefasst, zwei 15-Jährige und ein 16-Jähriger des Mordes angeklagt.
Im April wurden eine Zwölfjährige in Manchester und ein 15-Jähriger in seinem Elternhaus in London erschossen. Wenngleich die Polizei im letzteren Fall von einer Verwechslung sprach.
Das vermutet Jane Towey, eine Nachbarin der Familie Jones, auch im Mordfall Rhys. Der Junge sei "verrückt nach Fußball", "höflich und schüchtern" gewesen, sagte sie dem "Guardian". "Es muss sich um eine Verwechslung handeln. Wer sollte Rhys erschießen?" Andere munkeln, es habe sich um eine Mutprobe gehandelt und Rhys sei ein reines Zufallsopfer.
Rhys war "der beliebteste Junge der Schule", so eine Lehrerin
Rhys' Eltern finden nur schwer den Weg in ein Leben ohne ihren jüngsten Sohn. In einem Interview erzählten sie, wie sie aus der Klinik nach Hause kehrten. "Ich ging in sein Zimmer, in dem er eigentlich schlafen sollte, öffnete seinen Kleiderschrank und sah seine Schuluniform, die wir gerade erst für die Senior School gekauft haben. Sein neuer Füller, die Buntstifte – alles nagelneu."
Der Elfjährige mit den großen blauen Augen sollte in zehn Tagen auf die neue Schule wechseln. Er sei "der beliebteste Junge der Schule" gewesen, sagte einer seiner ehemaligen Lehrer laut "Times Online". Rhys galt als klug und aufgeschlossen. "Er war ein Junge, der so vieles aus sich hätte machen können", ergänzt sein ehemaliger Schuldirektor Mark Coleman. "Er wäre vielleicht ein brillanter Arzt geworden, er hätte alles werden können." Seine Klassenlehrerin, Elaine Spencer, beschreibt Rhys als einen außergewöhnlich "liebevollen, hilfsbereiten Jungen".
Auch Rhys' Lieblingsverein, der Everton-Club, zeigt Mitgefühl am tragischen Tod des Elfjährigen. Morgen soll es vor dem Spiel eine Schweigeminute geben. Und alle Spieler werden schwarze Armbänder tragen.
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