Von Jörg Diehl
Hamburg - "Was du nicht willst, das man dir tu", weiß der Volksmund, "das füg' auch keinem andern zu." Der Umkehrschluss, zumindest in der Logik des Polizeichefs von North Wales, Richard Brunstrom, lautet: Wenn Beamte einzelnen Bürgern 50.000 Volt durch den Körper jagen dürfen, um sie kampfunfähig zu machen, müssen Polizisten diese Tortur auch selbst aushalten können.
Vielleicht ist es aber auch auf die naturwissenschaftliche Experimentierfreudigkeit des studierten Zoologen zurückzuführen, dass er sich seinen Kollegen nun als Versuchskaninchen zur Verfügung stellte und mit Stromstößen aus einer Elektrowaffe foltern ließ. Der 53-Jährige, der schon einmal in die Schlagzeilen geraten war, weil er die restriktive britische Drogenpolitik scharf kritisiert hatte, überschrieb den im Internet veröffentlichten Erfahrungsbericht jedenfalls mit den Worten "Eine interessante Erfahrung".
Das dort ebenfalls zu findende Video jedoch verrät, dass Brunstrom die Erweiterung seines beruflichen Horizonts mit enormen Schmerzen bezahlt hat. Mit verzerrtem Gesicht und unter Schreien und Flüchen ("Bloody Hell!") sinkt der Polizist zu Boden, als sein Kollege ihm mit der "Taser" genannten Waffe für anderthalb Sekunden einen gewaltigen Stromstoß verabreicht. "Das war lang genug, danke", entfährt es dem Beamten, als zwei seiner Kollegen ihm schließlich wieder aufhelfen.
"Wie war es?", fragt Brunstrom sodann rhetorisch in die Kamera und gibt die Antwort gleich selbst: "Nicht angenehm. Ich war vollkommen unfähig, mich zu bewegen. Ich wäre gestürzt, wenn meine Kollegen mich nicht gestützt hätten." Und im distinguierten Amtsenglisch eines Dieners Ihrer Majestät fügt er hinzu: "Ich empfehle Ihnen sehr, wenn Sie einem Beamten und einem 'Taser' gegenüberstehen, den Anweisungen des netten Polizeibeamten Folge zu leisten, weil Sie die Konsequenzen des Ungehorsams nicht genießen werden."
Und das ist wohl in der Tat ratsam: "Taser" verschießen kleine mit Widerhaken gespickte Stahlpfeile, die über einen Draht mit der Schusswaffe verbunden bleiben. So kann von der Pistole aus ein Stromstoß in die Metallspitzen gejagt werden, sobald sie sich im Körper des Opfers verankert haben. Er soll den Getroffenen für etwa 30 Sekunden lähmen. Die Reichweite der "Taser" beträgt etwa zehn Meter.
Ganz so harmlos, wie sie oft dargestellt wird, ist die Waffe jedoch nicht: Wegen mindestens 200 dokumentierten Todesfällen hält Amnesty International die aktuellen "Taser" für gefährlich. "Polizisten nutzen die Waffe bei Routineeinsätzen, statt nur im äußersten Notfall", kritisiert William F. Schulz, Chef von Amnesty International USA.
Herstellerwerbung: "Wirksamste nichttödliche Waffe"
In den Vereinigten Staaten sind seit 1994 fast 140.000 Exemplare der Schockwaffen an Privatpersonen verkauft worden. Zudem verwenden mehr als 11.000 der insgesamt 18.000 US-Strafverfolgungsbehörden die nach Herstellerangaben "wirksamste nichttödliche Waffe". In Europa werden "Taser" in der Schweiz, Großbritannien, Schweden und Finnland eingesetzt. Hierzulande wird das System von mehreren Landespolizeibehörden erprobt.
Grund für den masochistischen Selbstversuch des britischen Beamten Brunstrom ist nach Angaben der Behörde eine Testreihe der Polizei von North Wales, die vor wenigen Tagen begonnen hat. Demnach sind inzwischen Beamte in den ländlichen Einsatzgebieten der Region mit den Schockwaffen ausgerüstet worden. Ihre Erfahrungen aus den Einsätzen, die jedoch keinesfalls in weiteren Selbstversuchen gewonnen werden sollen, würden im Laufe des kommenden Jahres "oder so" ausgewertet, schreibt Brunstrom.
Er selbst plane keine weiteren "Taser"-Kontakte.
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