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08.09.2007
 

Verhör in Portugal

Polizei erklärt auch Maddies Vater zum Verdächtigen

Dramatische Wendung im Fall der vermissten Madeleine: Nach der Mutter ist jetzt auch der Vater zum Verdächtigen erklärt worden. Einer von ihnen oder beide könnten die Tochter unabsichtlich getötet haben, glaubt die Polizei. Sie habe der Mutter für ein Geständnis eine nur kurze Haftstrafe in Aussicht gestellt.

London/Lissabon - Die Ereignisse im Fall Madeleine McCann überschlagen sich. Die portugiesische Kriminalpolizei führt jetzt sowohl Vater als auch Mutter des seit mehr als vier Monaten vermissten britischen Mädchens als Verdächtige.

Erst hatten die Ermittler die Mutter Kate McCann stundenlang verhört - dann wurde sie zur Verdächtigen erklärt. Stunden später geschah das gleiche mit dem Vater Gerry McCann.

Kates Schwägerin Philomena McCann sagte dem britischen Sender SkyNews, die Ermittler gingen davon aus, dass die 39-Jährige den Tod ihrer kleinen Tochter versehentlich verursacht, ihre Leiche zunächst versteckt und dann beseitigt haben könnte. Sie bezeichnete die Vorwürfe als "völlig lächerlich". Die Ermittler hätten Kate über ihren Anwalt ein Geschäft angeboten. Wenn sie eingestehe, dass sie ihre kleine Tochter versehentlich getötet habe und die Leiche habe verschwinden lassen, käme sie mit einer Strafe von zwei Jahren Haft oder weniger davon.

Die Eltern beteuerten am Freitag nochmals ihre Unschuld. Gerry McCann sagte kurz vor seinem Eintreffen bei der Kriminalpolizei in der portugiesischen Hafenstadt Portimão, seine Frau sei ebenso wie er völlig unschuldig. "Wir werden dies bis zum Ende durchkämpfen", schrieb er auf der Internetseite der Familie. Seine Frau zu verdächtigen sei "irrsinnig". Die Eltern würden weiter nach Madeleine suchen.

Vater und Mutter wurden nach dem Verhör auf freien Fuß gesetzt. Dass sie offiziell zu Verdächtigen erklärt wurden, bedeutet nach portugiesischem Recht nicht, dass eine Anklage folgen muss. Ihnen kann aber nun die Ausreise aus dem Land verweigert werden. Beide dürfen außerden ab sofort die Aussage verweigern und erweiterten Rechtsbeistand in Anspruch nehmen.

Nach Angaben eines portugiesischen Strafrechtsexperten bedeutet die Verdächtigung zumindest im Fall der Mutter, dass die Polizei Zweifel an den Aussagen hat, die Kate McCann in dem Fall als Zeugin gemacht hat. Eine Sprecherin der McCanns, Justine McGuinness, sagte der BBC, die Polizei wolle Kate McCann eine Reihe heikler Fragen stellen.

Im Mittelpunkt der neuen Hypothese steht laut Sprecherin McGuinness der angebliche Fund von Blut in einem Leihwagen, den die Familie 25 Tage nach Maddies Verschwinden gemietet hatte. Sie bezeichnete die Vermutungen ebenfalls als "aberwitzig": "Die Unterstellungen, Kate könne irgendetwas mit dem Tod ihrer Tochter zu tun haben, sind einfach lächerlich." Die Mutter wisse aber, "dass es nun sogar möglich ist, dass sie festgenommen wird".

In britischen Zeitungen wurde gestern erneut über mögliche Verdachtsmomente der Polizei gegen die Eltern spekuliert. So will die Boulevardzeitung "Sun" erfahren haben, dass Ermittler auch der Vermutung nachgehen, die beiden gelernten Ärzte hätten ihrer Tochter versehentlich eine Überdosis Beruhigungsmittel verabreicht und sie dadurch unabsichtlich getötet.

"Sie ist außer sich - aber auch furchtbar enttäuscht"

Offensichtlich hoffe die Polizei nun, "Kate zu einer Falschaussage zu bewegen. Dies wird aber nicht geschehen", sagte Schwägerin Philomena McCann. "Wenn Sie sagen, Sie haben Madeleine unabsichtlich getötet, ihren Körper dann versteckt und ihn schließlich weggebracht, garantieren wir Ihnen eine Strafe von nur zwei Jahren Gefängnis oder weniger", habe die Polizei Maddies Mutter über ihren Anwalt mitteilen lassen. Kate habe das empört als "emotionale Erpressung" bezeichnet.

John Corner, der Pate von Maddies jüngeren Zwillingsgeschwistern, berichtete der BBC von einem Telefonat mit Kate McCann: "Sie glaubt, dass die Polizei sie für die Mörderin ihrer Tochter hält. Sie ist außer sich - aber auch furchtbar enttäuscht." Sie fürchte, dass die Ermittler nun ihre Suche nach Maddie aufgeben könnten.

Anfang Mai war das damals dreijährige Mädchen aus ihrem Bett in einer Ferienanlage in Praia da Luz an der Algarve verschwunden, während ihre Eltern im nahen Restaurant zu Abend aßen. Das streng katholische Ärztepaar bat daraufhin bei spektakulären Auftritten in ganz Europa die Öffentlichkeit um Hilfe bei der Suche nach ihrer Tochter. Unter anderem wurden die McCanns auch von Papst Benedikt XVI. empfangen. Dass sie mit dem Verschwinden ihrer kleinen Tochter etwas zu tun haben könnten, wiesen die McCanns stets scharf zurück.

Im Gegensatz zu den Versicherungen der Eltern geht die portugiesische Polizei inzwischen nicht mehr davon aus, dass Maddie noch am Leben ist. Knapp drei Monate nach dem mysteriösen Verschwinden des Mädchens entdeckten sie mit der Hilfe von auf Leichengeruch abgerichteten Spürhunden und Infrarotlampen Blutspuren in dem Zimmer, in dem Maddie mit ihren jüngeren Geschwistern schlief. Sie waren abgewischt worden und mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen. Die DNA-Spuren wurden zur Analyse an ein britisches Labor gesandt; seit gestern liegen Teilergebnisse vor, über deren Inhalt bislang jedoch nichts bekannt wurde.

ffr/dpa/AFP/ap

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