London - Um 6.10 Uhr mitteleuropäischer Zeit verließen Kate und Gerry McCann ihre Villa in Praia da Luz an der portugiesischen Algarve-Küste. Vor dem Haus standen Dutzende Fotografen. Im Blitzlichtgewitter bepackten die Eheleute ihr Auto, wechselten ein paar Worte mit den anwesenden Journalisten. Dann fuhren sie, begleitet von Polizisten, los in Richtung Faro zum Flughafen. Nur weg aus Portugal, heim nach Rothley in der englischen Grafschaft Leicestershire.
Vor wenigen Tagen sahen die Pläne der McCanns noch ganz anders aus. Nach dem Verschwinden ihrer kleinen Tochter Maddie am 3. Mai wollten sie so lange in Portugal bleiben, bis das Kind wieder auftaucht. Vier Monate haben die Eheleute ausgehalten, vier Monate lang haben sie alles in Bewegung gesetzt, um Maddie zu finden. Doch zuletzt wendete sich das Blatt: Seit dieser Woche betrachtet die portugiesische Polizei die McCanns selbst als Verdächtige.
Laut BBC wurde das Ehepaar elf Stunden lang verhört. Im Laufe des Gesprächs sollen die Beamten erklärt haben, sie hätten Blut von Maddie im Mietwagen der Familie gefunden. Die McCanns weisen das zurück: Das Auto hätten sie erst 25 Tage nach Maddies Verschwinden gemietet.
Kate McCann sagte dem "Sunday Mirror", sie habe Angst, dass ihr etwas angehängt werde, was sie nicht begangen habe. Die Polizei habe ihr eine zwei- oder dreijährige Gefängnisstrafe angeboten, wenn sie im Gegenzug zugebe, den Tod ihrer Tochter versehentlich aus Stress verursacht zu haben. "Der portugiesischen Polizei geht das Geld für ihre Ermittlungen aus", sagte Gerry McCann. "Deshalb wünscht sie sich ein schnelles Ende des Falls."
Die Ausreise des Ehepaars aus Portugal ist juristisch in Ordnung. So gelten die beiden der Polizei zwar als Verdächtige, besondere Auflagen sind damit aber nicht verbunden. Die McCanns können sich daher frei bewegen. Nur alle fünf Tage müssen sie sich melden.
Derweil wird die Kritik am Vorgehen der portugiesischen Polizei immer lauter. Vor allem in Großbritannien hat sich die Presse eindeutig auf die Seite der McCanns geschlagen. So berichtet der "Observer", dass die DNA-Probe, deretwegen Maddies Eltern verdächtigt werden, nicht komplett war. Es habe nicht einmal eine perfekte Übereinstimmung mit der DNA von Maddie gegeben.
Dass die McCanns Portugal nun so rasch verlassen, kam dennoch überraschend. So erklärte noch gestern Abend ein Freund der Familie, das Paar habe seine ursprünglichen Abreisepläne aufgegeben, um der Polizei in den nächsten Tagen weiter bei den Ermittlungen zu helfen. Die beiden wollten nicht "den Eindruck vermitteln zu flüchten". Heute Nacht haben die beiden ihre Meinung offenbar geändert.
Presseberichten zufolge drohte dem Ehepaar, in der kommenden Woche einem Untersuchungsrichter vorgeführt zu werden. Dieser hätte Hausarrest oder Untersuchungshaft anordnen können.
wal/AFP
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